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»Auf meinem Bildschirm ist aber nichts frei«, wandte der Angestellte ein.

»Seien Sie still!« Liang lächelte sofort wieder, ebenso unecht wie zuvor, als ihm bewußt wurde, daß er ohne Zweifel mit seiner schroffen Anordnung die Scharade verloren hatte. »Er ist so jung - alle sind sie so jung und unerfahren -, aber sehr intelligent, sehr eifrig ... Wir halten uns immer einige Zimmer in Reserve für den Fall, daß es irgendwelche Mißverständnisse gibt.« Wieder sah er den Angestellten an und sagte schroff, ohne daß sein Lächeln sich dabei geändert hätte: »Ting, ruan-ji!« Dann redete er schnell auf chinesisch weiter, wobei Webb jedes Wort verstand, ohne sich davon etwas anmerken zu lassen. »Hör zu, du knochenloses Huhn! Du wirst in meiner Gegenwart keine Auskünfte mehr geben, wenn ich dich nicht ausdrücklich dazu auffordere! Wenn du das noch einmal machst, fliegst du auf den Müll. Und jetzt teilst du diesem Idioten Zimmer zwei-null-zwei zu. Es wird als gebucht geführt, das stornierst du. Tu, was ich dir sage.« Jetzt wandte der Hotelmanager sich wieder David zu, und sein Lächeln prägte sich noch stärker aus. »Das ist ein sehr angenehmes Zimmer, mit einem herrlichen Hafenblick, Mr. Cruett.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte David, und sein Blick bohrte sich in den des plötzlich unsicher gewordenen Liang. »Das erspart mir die Mühe, in der ganzen Stadt herumzutelefonieren und den Leuten zu agen, wo ich bin.« Dann hielt er mit halb erhobener rechter Hand inne, wie jemand, der weitersprechen möchte. David Webb folgte einem seiner Instinkte, einem Instinkt, den Jason Borowski entwickelt hatte. Er wußte, daß dies der Augenblick war, um Furcht zu erzeugen. »Wenn Sie sagen, ein Zimmer mit einem herrlichen Ausblick, meinen Sie wahrscheinlich you hao jingse de fangian. Habe ich recht? Oder klingt mein Chinesisch albern?«

Der Hotelmann starrte den Amerikaner an. »Ich hätte es selbst nicht besser formulieren können«, sagte er leise. »Der Angestellte wird sich um alles kümmern. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Mr. Cruett.«

»Das Angenehme muß sich an der Leistung messen, Mr. Liang. Das ist entweder ein sehr altes oder ein sehr neues chinesisches Sprichwort, ich weiß nicht genau, welches von beiden.«

»Ich argwöhne, daß es sich um ein neues handelt, Mr. Cruett. Es ist für passive Reflexion zu aktiv, die Seele von Konfuzius, wie Sie sicher wissen.«

»Ist das keine Leistung?«

»Sie sind mir zu schnell, Sir.« Liang verbeugte sich. »Wenn Sie irgend etwas brauchen, lassen Sie es mich bitte unverzüglich wissen.«

»Ich glaube kaum, daß das nötig sein wird, aber trotzdem vielen Dank. Offen gestanden, es war ein langer, anstrengender Flug. Ich werde die Telefonzentrale daher bitten, bis zum Abendessen keine Gespräche durchzustellen.«

»Oh?« Liangs Unsicherheit wurde jetzt noch deutlicher; er hatte Angst. »Aber wenn irgend etwas Dringendes -«

»Es gibt nichts, was nicht warten könnte. Und nachdem ich nicht in Suite sechs-neun-null bin, kann das Hotel ja einfach sagen, daß man mich erst später erwartet. Das ist doch plausibel, oder nicht? Ich bin schrecklich müde. Vielen Dank, Mr. Liang.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Cruett.« Wieder verbeugte sich der Hotelmanager und suchte Webbs Augen nach einem letzten Zeichen ab. Als er keines fand, drehte er sich schnell und nervös um und strebte seinem Büro zu.

Du mußt das Unerwartete tun. Den Feind verwirren, ihn aus dem Gleichgewicht bringen ... Jason Borowski. Oder war das Alexander Conklin?

»Wirklich ein sehr schönes Zimmer, Sir!« rief der erleichterte Angestellte aus. »Sie werden sehr zufrieden sein.«

»Mr. Liang ist sehr liebenswürdig«, sagte David. »Ich sollte mich für Ihre Hilfe erkenntlich zeigen - was ich auch tun werde.« Webb holte seine Geldspange heraus und griff unauffällig nach einem Zwanzig-Dollar-Schein. Er streckte dem anderen die Hand mit dem Geldschein hin. »Wann geht Mr. Liang nach Hause?« Der verwirrte, aber überglückliche junge Mann blickte nach rechts und links und redete dabei zusammenhanglos: »Ja! Sie sind sehr liebenswürdig, Sir. Das ist ganz bestimmt nicht nötig, Sir, aber vielen Dank. Mr. Liang verläßt sein Büro jeden Nachmittag um fünf Uhr. Ich gehe um die Zeit auch. Ich würde natürlich bleiben, wenn die Direktion das verlangen würde, weil ich mir sehr große Mühe gebe, mein Bestes für die Ehre des Hotels zu tun.«

»Ich bin ganz sicher, daß Sie das tun«, sagte Webb. »Und Sie machen das auch sehr gut. Meinen Schlüssel, bitte. Mein Gepäck trifft erst später ein wegen einer Umbuchung.«

»Selbstverständlich, Sir!«

David saß in dem Sessel an dem getönten Fenster und blickte über den Hafen zur Insel Hongkong hinüber. Namen drängten sich ihm auf, von Bildern begleitet - Causeway Bay, Wanchai, Repulse Bay, Aberdeen, das Mandarin, und schließlich, ganz klar in der Ferne, der Victoria Peak mit seinem grandiosen Ausblick über die ganze Kronkolonie. Und dann sah er vor seinem geistigen Auge die Menschenmassen, die sich durch die überfüllten, farbenfrohen, häufig so schmutzigen Straßen drängten, und die überfüllten Hotelhallen und Bars mit ihren Kronleuchtern und dem weichen Licht, wo die gut gekleideten letzten Repräsentanten des britischen Empire sich widerstrebend unter die immer mächtiger werdenden chinesischen Spekulanten und Unternehmer mischten - die alte Krone und das neue Geld mußten sich miteinander arrangieren ... Gassen? Aus irgendeinem Grund tauchten vor seinem inneren Auge jetzt überfüllte, heruntergekommene Seitengassen auf. Gestalten hetzten durch die schmalen Gassen, stießen an Käfige mit kleinen, kreischenden Vögeln und sich windenden Schlangen verschiedener Größe - Waren, von Händlern auf den untersten Sprossen der Stufenleiter des Handels. Männer und Frauen jeglichen Alters, von Kindern bis Greisen, in Lumpen gekleidet, schwerer, würziger Rauch, der sich langsam nach oben kräuselte und den Raum zwischen den verfallenden Gebäuden erfüllte und das Licht verschluckte, so daß die dunklen Steinmauern noch düsterer wirkten. Das alles sah er vor sich, und alles hatte eine Bedeutung für ihn, aber er begriff es nicht. Er hatte keine Anhaltspunkte. Zum Wahnsinnigwerden war das.

Marie war dort draußen. Er mußte sie finden! Er sprang auf und wäre am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand gerannt, um Klarheit in diese Verwirrung zu bekommen, und wußte doch, daß es ihm nicht weiterhelfen würde - nichts half ihm, das einzige, was ihm helfen würde, war die Zeit, und der Druck, den die Zeit mit sich brachte, konnte er nicht ertragen.

Er mußte Marie finden, sie an sich drücken, sie schützen - so wie sie ihn einst geschützt hatte, indem sie an ihn geglaubt hatte, als er selbst nicht mehr an sich geglaubt hatte. Er trat an den Spiegel über der Kommode und musterte sein blasses, verhärmtes Gesicht. Eines war klar. Er mußte schnell planen und handeln, aber nicht als der Mann, den er im Spiegel sah. Er mußte alles ins Spiel bringen, was er als Jason Borowski gelernt und vergessen hatte. Von irgendeinem Ort in seinem Inneren mußte er die Vergangenheit heraufbeschwören, die sich ihm entziehen wollte, und mußte Instinkten vertrauen, an die er sich nicht erinnerte.

Er hatte den ersten Schritt getan; die Verbindung stand, das wußte er. So oder so, Liang würde ihm etwas liefern, wahrscheinlich eine Information auf dem untersten Niveau, aber es würde immerhin ein Anfang sein - ein Name, ein Ort oder ein Briefkasten, ein erster Kontakt, der zürn nächsten führen würde und dann zu einem weiteren. Er mußte jetzt schnell handeln, das annehmen, was man ihm gab, durfte seinem Feind keine Zeit zum Manövrieren lassen, mußte denjenigen, den er erreichte, so bedrängen, daß die Alternative zur Zusammenarbeit mit ihm der Tod war. Aber um weiterzukommen, mußte er vorbereitet sein. Es galt, Dinge einzukaufen und eine Fahrt durch die Kronkolonie zu unternehmen. Er wollte eine Stunde auf dem Rücksitz eines Automobils sitzen und beobachten und aus seinem lädierten Gedächtnis ausgraben, was sich nur irgend ausgraben ließ.