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Er griff sich den in rotes Leder gebundenen Führer, der im Hotelzimmer auslag, setzte sich auf die Bettkante, schlug ihn auf und blätterte schnell durch die Hochglanzseiten. Das New World Shopping Centre, eine großartige offene Anlage mit fünf Etagen, in der Sie unter einem Dach die besten Waren aus allen vier Himmelsrichtungen finden...

Trotz aller Übertreibung fand sich das >Centre< dicht neben dem Hotel; für seine Zwecke würde das reichen. Mietwagen. Eine Flotte von Daimler-Limousinen steht auch stundenweise für geschäftliche oder touristische Zwecke zur Verfügung. Bestellung über den Concierge. Wählen Sie 62. Limousinen deuteten auf erfahrene Chauffeure, die sich in dem verwirrenden Durcheinander von Straßen, Nebenstraßen, Avenuen in Hongkong, Kowloon und den New Territories auskannten und auch sonst in vielen Dingen Erfahrungen besaßen.

Solche Männer kannten sich auch im Untergrund der Städte aus, in denen sie arbeiteten. Wenn er sich nicht sehr täuschte, und sein Instinkt sagte ihm, daß er das nicht tat, würde er auf diese Weise noch zu etwas anderem kommen, was er dringend brauchte. Zu einer Waffe. Außerdem gab es im Central District von Hongkong eine Bank, die eine Abmachung hatte mit einem Schwesterinstitut auf den Cayman-Inseln, Tausende von Meilen entfernt. Er mußte jene Bank aufsuchen, dort unterschreiben, was man ihm vorlegte, und sie dann wieder mit mehr Geld verlassen, als ein vernünftiger Mensch in Hongkong bei sich trug - oder sonstwo, was das anging. Er würde irgendeinen Ort finden, um das Geld dort zu verstecken, ganz bestimmt nicht eine Bank, denn dort konnte er nicht jederzeit darüber verfügen. Jason Borowski wußte: Wenn man einem Menschen sein Leben verspricht, spurt er; wenn man ihm sein Leben und viel Geld verspricht, hat das die doppelte Wirkung: völlige Unterwerfung.

David griff nach dem Notizblock und dem Bleistift, die neben dem Telefon auf dem Nachttisch lagen; er machte wieder eine Liste. Die kleinen Dinge wuchsen mit jeder Stunde immer mächtiger an, und so viele Stunden hatte er nicht mehr. Es war jetzt fast elf Uhr vormittags. Der Hafen glitzerte in der mittäglichen Sonne. Es gab bis halb fünf noch so vieles zu tun. Dann würde er unauffällig irgendwo in der Nähe des

Personalausgangs Position beziehen, vielleicht auch in der Hotelgarage, um dem wachsgesichtigen Liang zu folgen und ihn in eine Falle zu locken, denn dies war seine erste Spur.

Drei Minuten später war seine Liste fertig. Er riß das Blatt ab, stand auf und griff nach seinem Jackett, das er über den Schreibtischstuhl gehängt hatte. Plötzlich klingelte das Telefon durchdringend und zerriß die Stille des Hotelzimmers. Er mußte die Augen schließen und jeden Muskel anspannen, um nicht zum Telefon zu rennen, mußte die Hoffnung verdrängen, daß es ihm Maries Stimme übermitteln würde, selbst wenn sie eine Gefangene war. Er durfte den Hörer nicht abnehmen. Instinkt, Jason Borowski. Er hatte die Lage nicht im Griff. Wenn er jetzt den Hörer abnahm, hatten sie ihn im Griff.

Er ließ es klingeln, während er voll Sorge durch das Zimmer und zur Tür hinausging.

Zehn Minuten nach zwölf kehrte er mit einer Anzahl Plastiktüten aus verschiedenen Geschäften im Shopping Centre zurück. Er ließ sie auf das Bett fallen und holte seine Einkäufe heraus. Unter anderem hatte er einen dunklen, leichten Regenmantel, einen dunklen Segeltuchhut, ein Paar graue Tennisschuhe, schwarze Hosen und einen Pullover gekauft, ebenfalls schwarz; das war die Kleidung, die er nachts tragen würde. Dann noch eine Spule mit Angelleine - laut Test hielt sie fünfundsiebzig Pfund aus - mit zwei etwa handtellergroßen Ösen, durch die man ein etwa ein Meter langes Stück Leine schlingen und an beiden Enden befestigen konnte, ein Briefbeschwerer in Gestalt einer Glocke, ein Eispickel und ein zweischneidiges Jagdmesser mit einer schmalen, vier Zoll langen Klinge in einer Lederscheide. Dies waren die stummen Waffen, die er Tag und Nacht bei sich tragen würde. Ein Gegenstand fehlte noch, aber er würde ihn auftreiben.

Während er seine Einkäufe untersuchte, wobei er sich auf die Ösen und die Fischerleine konzentrierte, fiel ihm ein schwach blinkendes Licht auf. Auf, ab ... auf, ab. Es war lästig, weil er nicht herausfinden konnte, wo es herkam, und wie so häufig, mußte er sich den Kopf darüber zerbrechen, ob das Licht tatsächlich da war oder es sich nur um eine Illusion seines gestörten Bewußtseins handelte. Dann wanderten seine Augen zum Nachttisch; durch die dem Hafen zugewandten Fenster strömte helles Licht herein und hüllte auch das Telefon ein, aber da war das pulsierende Licht, in der linken unteren Ecke des Apparats - kaum sichtbar, aber doch nicht zu übersehen. Es war das Signal für eine Nachricht am Empfang, ein kleiner roter Punkt, der eine Sekunde lang leuchtete, dann wieder eine Sekunde lang dunkel wurde, und in gleichen Intervallen auf und ab blinkte. Eine Nachricht war kein Anruf, überlegte er. Er ging an den Nachttisch, studierte die Gebrauchsanweisung auf dem kleinen Plastikkärtchen, nahm dann den Hörer auf und drückte den entsprechenden Knopf.

»Ja, Mr. Cruett?« sagte die Telefonistin in der Zentrale.

»Sie haben eine Nachricht für mich?« fragte er.

»Ja, Sir. Mr. Liang hat versucht, Sie zu erreichen -«

»Ich dachte, meine Anweisungen seien eindeutig gewesen«, unterbrach sie Webb. »Ich wollte keine Anrufe, bis ich der Zentrale Bescheid sage.«

»Ja, Sir, aber Mr. Liang ist stellvertretender Geschäftsführer -er leitet das Hotel, wenn sein Vorgesetzter nicht hier ist, was heute morgen ... heute nachmittag der Fall ist. Er hat uns gesagt, es sei sehr dringend. Er hat Sie in der letzten Stunde alle paar Minuten angerufen. Ich verbinde Sie jetzt, Sir.«

David legte auf. Er war noch nicht bereit für Liang, oder besser gesagt, Liang war noch nicht für ihn bereit - zumindest nicht auf die Weise, wie David das wollte. Liang stand vermutlich am Rande der Panik, denn er war der erste und unterste Kontaktmann, und es war ihm mißlungen, das Opfer dort unterzubringen, wo man das gewollt hatte - in einer Suite mit Mikrofonen, wo der Feind jedes Wort hören konnte. Aber der Rand der Panik reichte nicht. David wollte, daß Liang jene Grenze überschritt. Und die schnellste und sicherste Methode, diesen Zustand herbeizuführen, war die, keinen Kontakt zuzulassen, keine Diskussion, keine um Entschuldigung bittenden Erklärungen.

Webb nahm die Kleider vom Bett und legte sie mit den Sachen, die er aus der Flugtasche geholt hatte, in zwei Schubladen der Kommode; die Ösen und die Angelleine stopfte er dazwischen. Dann legte er den Briefbeschwerer auf die Speisekarte des Etagenservice, schob das Jagdmesser in seine Jacketttasche. Er sah auf den Eispickel herunter, und plötzlich kam ihm ein Gedanke, der wieder aus einem seltsamen Instinkt geboren war. Ein von Angst verzehrter Mann würde dann überreagieren, wenn ihn der unerwartete Anblick von etwas Erschreckendem verblüffte. Das Bild würde ihn schockieren und seine Ängste verstärken. David holte ein Taschentuch aus der Brusttasche, griff nach dem Eispickel und wischte den Griff sauber. Indem er das tödliche Instrument mit dem Tuch festhielt, ging er schnell auf den kleinen Vorraum zu, warf einen prüfenden Blick auf die Wand und trieb den Pickel in Augenhöhe in die weiße Wand gegenüber der Tür. Das Telefon klingelte und klingelte dann beständig weiter. Webb öffnete die Tür und ging hinaus und eilte den Korridor hinunter, auf die Aufzüge zu, bog dann aber kurz davor ab und wartete im nächsten Gang.

Er hatte sich nicht verrechnet. Die blitzenden Schiebetüren glitten auseinander, und Liang kam aus dem mittleren Aufzug herausgerannt, auf Webbs Korridor zu. David hetzte um die Ecke, auf die Aufzüge zu und ging dann schnell und leise an die Ecke seines eigenen Korridors. Er konnte sehen, wie der nervöse Liang ein paarmal die Türglocke drückte und schließlich immer hartnäckiger an die Tür klopfte. Eine weitere Tür öffnete sich, und zwei Paare traten lachend heraus. Einer der Männer warf Webb einen fragenden Blick zu, zuckte dann aber die Achsel, als die anderen nach links bogen. David wandte seine Aufmerksamkeit wieder Liang zu. Der Hotelmanager wirkte jetzt völlig verzweifelt; er klingelte wieder und schlug gegen die Tür. Dann hielt er inne und legte das Ohr an die Tür, griff dann in die Tasche und holte einen Schlüsselbund heraus.