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Webb zog sofort den Kopf zurück, als der Chinese sich umdrehte und den Korridor hinauf und hinunter blickte, während er den Schlüssel ins Schloß schob. David brauchte nichts zu sehen; er wollte nur hören.

Er brauchte nicht lange zu warten. Zuerst war ein unterdrückter, kehliger Schrei zu hören, und dann das laute Krachen der Tür. Der Eispickel hatte seine Wirkung getan. Webb rannte zu seinem Versteck hinter dem letzten Aufzug zurück und preßte sich wieder gegen die Wand. Liang war sichtlich erschüttert; sein Atem ging unregelmäßig, während er ein paarmal den Liftknopf drückte. Schließlich ertönte eine Glocke, und die Metalltüre des zweiten Aufzugs öffnete sich. Liang rannte hinein.

David hatte keinen bestimmten Plan, wußte aber vage, was er zu tun hatte, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht. Er ging mit schnellen Schritten an den Lifttüren vorbei und rannte dann den Rest der Strecke zu seinem Zimmer. Er sperrte auf, riß den Telefonhörer an sich und drückte die Ziffern, die er sich gemerkt hatte. »Concierge, bitte?« sagte eine angenehme Stimme, die nicht asiatisch klang. Wahrscheinlich ein Inder.

»Spreche ich mit dem Concierge?« fragte Webb.

»Ja, Sir.«

»Keinem seiner Assistenten?«

»Nein, leider nicht. Wollten Sie mit einem bestimmten Assistenten sprechen? Jemanden, der etwas Bestimmtes für Sie erledigt, vielleicht?«

»Nein, ich möchte mit Ihnen sprechen«, sagte David leise. »Ich befinde mich hier in einer Situation, die streng vertraulich behandelt werden muß. Kann ich mich bei Ihnen darauf verlassen? Ich kann sehr großzügig sein.«

»Sie sind ein Gast im Hotel?«

»Ja, das bin ich.«

»Und es handelt sich natürlich um nichts Ungehöriges. Nichts, was dem Etablissement Schaden zufügen würde.«

»Im Gegenteil, es würde nur seinen Ruf fördern, daß es vorsichtigen Geschäftsleuten behilflich ist, die Geschäfte im Territorium machen wollen. Große Geschäfte.«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Sir.«

Eine Daimler-Limousine mit dem erfahrensten Chauffeur, der zur Verfügung stand, würde in zehn Minuten für ihn an der Rampe an der Salisbury Road bereitstehen. Der Concierge würde am Wagen warten und würde als Gegenleistung für die vertrauliche Behandlung seines Wunsches zweihundert Dollar in amerikanischer Währung erhalten, was etwa fünfzehnhundert Dollar in Hongkong-Währung entsprach. Die Mietsumme würde bar für vierundzwanzig Stunden entrichtet werden, und kein Name würde fallen - nur der einer willkürlich ausgewählten Firma. Und »Mr. Cruett« würde, von einem Pagen geleitet, einen Personalaufzug in die untere Etage des Regent benutzen dürfen, wo es einen Ausgang gab, der zum New World Centre führte, von dem aus es einen direkten Zugang zu dem vereinbarten Treffpunkt an der Salisbury Road gab.

Nachdem das Geld seinen Besitzer gewechselt hatte, stieg David auf den Rücksitz des Daimler; das faltige, müde Gesicht eines uniformierten Fahrers in mittleren Jahren, dessen gelangweilter Gesichtsausdruck durch den gequälten Versuch, freundlich zu sein, nur teilweise gemildert wurde, ermutigte ihn.

»Willkommen, Sir! Mein Name ist Pak-fei, und ich werde mir große Mühe geben, Ihnen zu Diensten zu sein! Sie sagen mir, wohin Sie wollen, und ich bringe Sie hin. Ich weiß alles!«

»Das hatte ich gehofft«, sagte Webb leise.

»Wie bitte, Sir?«

»Wo bushi lüke«, sagte David und erklärte damit, daß er kein Tourist sei. »Aber da ich seit Jahren nicht mehr hier war«, fuhr er auf chinesisch fort, »möchte ich mich aufs neue mit der Umgebung vertraut machen. Wie wäre es mit der normalen langweiligen Inseltour und dann einer schnellen Fahrt durch Kowloon? Ich muß in etwa zwei Stunden zurück sein ... Und ab jetzt wollen wir Englisch sprechen.«

»Ah! Sie sprechen gut Chinesisch, sehr hohe Klasse, aber ich verstehe alles, was Sie sagen. Aber nur zwei zhongtou

»Stunden«, unterbrach ihn Webb. »Wir sprechen Englisch, vergessen Sie das nicht, und ich möchte nicht mißverstanden werden. Aber diese zwei Stunden und Ihr Trinkgeld und die restlichen zweiundzwanzig Stunden und das Trinkgeld dafür werden davon abhängen, wie gut wir miteinander auskommen, nicht wahr?«

»Ja, ja!« rief Pak-fei, ließ den Motor des Daimler aufheulen und schoß rücksichtslos in den dichten Verkehr der Salisbury Road hinaus. »Ich werde mir Mühe geben, sehr ausgezeichneten Dienst zu bieten!«

Das tat er, und die Namen und Bilder, die sich David im Hotelzimmer aus der Vergangenheit aufgedrängt hatten, wurden durch greifbare Bilder verstärkt. Er kannte die Straßen des Central District, er kannte das Mandarin-Hotel und den Hongkong-Club ebenso wie den Chater Square mit dem Obersten Gerichtshof der Kronkolonie gegenüber den Bankgiganten von Hongkong. Hier war er zu Fuß durch die überfüllten Straßen zu dem Gewimmel vor der Star-Fähre gegangen, der Verkehrsverbindung der Insel mit Kowloon. Queen's Road, Hillier, Possession Street ... das grellbunte Wanchai-Viertel, alles nahm für ihn jetzt wieder Gestalt an, in dem Sinne, daß er schon einmal dort gewesen war, jene Orte aufgesucht hatte, sie kannte, die Straßen kannte, selbst die Abkürzungswege. Er erkannte die gewundene Straße nach Aberdeen und war nicht erstaunt, als er die grellbemalten schwimmenden Restaurants sah und dahinter das unglaubliche Gewirr von Dschunken und Sampans der Leute, die dort wohnten, in einer schwimmenden Stadt der ewig Entrechteten; sogar das Klappern und die Rufe der Mah-Jongg-Spieler konnte er hören und sich ausmalen, wie sie abends im schwachen Schein schwankender Laternen ihrer Spielleidenschaft frönten. An den Stranden von Shek O und Big Wave hatte er sich mit Männern und Frauen getroffen - Kontaktleuten und Verbindungsleuten, reflektierte er - und dann war er am überfüllten Strand von Repulse Bay im Meer geschwommen, hinter sich die nachgemachten Götterstatuen und die abbröckelnde Eleganz des alten Kolonialhotels. Das alles hatte er gesehen, das alles kannte er, und doch gab es für ihn keine Beziehung dazu.

Er sah auf die Uhr; sie waren jetzt seit beinahe zwei Stunden unterwegs. Er hatte auf der Insel noch etwas zu erledigen, und anschließend würde er Pak-fei auf die Probe stellen. »Fahren Sie zum Chater Square zurück«, sagte er. »Ich habe in einer der Banken zu tun. Sie können auf mich warten.«

Geld war nicht nur ein gesellschaftliches und industrielles Schmiermittel, sondern in genügend großen Beträgen auch der Schlüssel zur Beweglichkeit. Ohne Geld kamen Männer auf der Flucht nicht weiter, waren in ihrer Wahl der Waffen eingeschränkt, und die Verfolger, die sich von der Beliebigkeit der Fluchtmethoden oft narren ließen, verfügten nicht über die Mittel, die Jagd fortzusetzen. Und je höher der Betrag, desto leichter war es, an ihn heranzukommen; man bedenke nur, wie mühsam es ist, ein Darlehen von höchstens 500 Dollar zu bekommen, wenn die Sicherheiten bescheiden sind, und wie leicht das geht, wenn man 500000 Dollar Kredit hat. In der Bank am Chater Square lief alles schnell und professionell; man stellte

David ohne Frage einen Aktenkoffer für den Transport des Geldes zur Verfügung und bot ihm einen Leibwächter an, der ihn zum Hotel begleiten konnte. Er lehnte ab, unterzeichnete die entsprechenden Papiere und brauchte keine weiteren Fragen zu beantworten. Er kehrte zu dem Wagen zurück, der auf der verkehrsreichen Straße auf ihn wartete.

Er lehnte sich nach vorne, stützte die linke Hand auf den weichen Bezug des Vordersitzes, nur wenige Zoll vom Kopf des Fahrers entfernt. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er eine amerikanische Hundert-Dollar-Note. »Pak-fei«, sagte er, »ich brauche eine Pistole.«