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Langsam drehte der Fahrer den Kopf. Er sah den Schein an und drehte sich dann noch weiter herum, um Webb anzusehen. Der ganze verkrampfte Überschwang war dahin, die ganze Servilität. Statt dessen zeigte das faltige Gesicht jetzt keinerlei Ausdruck, und die Schlitzaugen wirkten wie Abgründe. »Kowloon«, sagte er. »Im Mongkok.« Er nahm die hundert Dollar.

Kapitel 9

Die Daimler-Limousine kroch durch die Tast völlig verstopfte Straße in Mongkok, ein Ballungszentrum, das nicht darum zu beneiden ist, daß es der am dichtesten besiedelte Stadtteil in der Menschheitsgeschichte ist. Besiedelt fast ausschließlich von Chinesen. Ein westliches Gesicht war hier so selten, daß es neugierige Blicke auf sich zog, gleichermaßen feindselig wie belustigt. Weiße wurden nicht dazu animiert, sich nach Einbruch der Dunkelheit in Mongkok blicken zu lassen. Es gab hier kein asiatisches Gegenstück zum Cotton-Club in Harlem. Das hatte nichts mit Rassismus zu tun, sondern war nur realistisch gedacht. Schon für die eigenen Leute war zu wenig Platz - und das Eigene beschützten sie, wie das die Chinesen seit den frühesten Dynastien jahrtausendelang getan hatten. Die Familie war ihr ein und alles, und zu viele Familien lebten, wo nicht im Elend, so doch in einen einzigen Raum eingepfercht, in dem nichts war außer einem Bett und Matten auf den rohen, sauberen Böden. Überall zeugten die vielen kleinen Balkons von einem ausgeprägten Reinlichkeitssinn, denn niemand hielt sich je dort auf, dort wurde immerzu nur Wäsche aufgehängt. Die offenen Balkons überzogen die Fassaden und schienen ständig in Bewegung zu sein, denn die riesigen Wände aus Stoff blähten sich im Wind, und alle nur erdenklichen Kleidungsstücke tanzten zu Zehntausenden auf der Stelle, noch ein Beweis für die ungeheuer große Zahl von Einwohnern in diesem Viertel.

Arm war Mongkok auch nicht. Überall war dick aufgetragene Farbe, am auffälligsten ein leuchtendes Rot, das wie ein Magnet wirkte. Und wo immer der Blick über die Menschenmenge hinwegschweifte, fiel er auf riesengroße, kunstvoll bemalte Tafeln; Werbewände, die sich drei Stockwerke hoch auftürmten, säumten die Straßen und Gassen, und die chinesischen Schriftzeichen gaben sich alle Mühe, die Verbraucher zu verführen. Es gab Geld in Mongkok, von dem nicht geredet wurde, und Geld, mit dem geprotzt wurde, aber nicht nur ehrlich verdientes Geld. Es fehlte an Platz, und der ganze Platz gehörte den Chinesen, nicht den Außenseitern, es sei denn, ein Außenseiter - den ein Chinese mitgebracht hatte - brachte Geld, um die unersättliche Maschinerie zu füttern, die ein unendlich großes Sortiment weltlicher Güter produzierte, von denen manche schon gar nicht mehr von dieser Welt waren. Man mußte nur den richtigen Blick und das nötige Geld haben. Pakfei, der Fahrer, hatte den richtigen Blick und Jason Borowski das nötige Geld.

»Ich halte jetzt und gehe telefonieren«, sagte Pak-fei und lenkte den Daimler hinter einen in zweiter Reihe geparkten Lastwagen. »Ich schließe Sie ein. Bin gleich wieder da.«

»Ist das nötig?« fragte Webb.

»Es ist Ihre Aktentasche, Sir, nicht meine.«

Du großer Gott, dachte David, was bin ich für ein Vollidiot! An den Attachekoffer hatte er nicht gedacht. Da trug er über 300 000 Dollar ins Herz von Mongkok wie ein Lunchpaket. Er packte den Griff, nahm den Koffer auf den Schoß und überprüfte die Schlösser; sie waren zu, aber falls man die beiden Knöpfe zurückstieße, wenn auch nur leicht, würde der Deckel aufspringen. Er schrie dem Fahrer nach, der bereits ausgestiegen war: »Bringen Sie mir Klebeband mit!«

Zu spät. Die Straßengeräusche waren ohrenbetäubend, das Gewimmel wie eine wogende Decke aus Menschenleibern, und sie waren überall. Und plötzlich waren die Fenster des Daimler dieses Überall. Hundert Augenpaare spähten von allen Seiten herein, und dann preßten sich verzerrte Gesichter gegen das Glas - auf allen Seiten - und Webb war der Mittelpunkt eines Vulkans. Er hörte Schreie - Bin go ah? und Chong man tui, was im Englischen etwa >Wer ist das?< bedeutete und >Ein sattgefressenes Maul< oder zusammengenommen >Was ist das denn für ein Großkotz?< Er kam sich vor wie ein Tier in einem Käfig, belauert von einer Horde Bestien, die einer anderen Spezies angehörten und vielleicht bösartig waren. Er hielt den Koffer fest und starrte geradeaus, und als zwei Hände sich in dem schmalen Spalt im Fenster zu seiner Rechten verkrallten, griff er langsam nach dem Jagdmesser in seiner Tasche. Die Finger schoben sich durch den Spalt.

»jaul« schrie Pak-fei und bahnte sich einen Weg durch die Menge. »Das ist ein ungeheuer wichtiger Taipan, und die Polizei wird euch siedendes Öl auf die Eier schütten, wenn ihr ihn nicht in Ruhe laßt! Geht weg, weg!« Er schloß auf, sprang hinter das Steuer und warf die Tür zu, begleitet von zornigen Flüchen. Er ließ den Motor an, ließ ihn aufheulen und drückte dann auf die laute Hupe und ließ die Hand dort, so daß die Kakophonie unerträglich wurde, während sich das Meer aus Leibern langsam und widerstrebend teilte. Der Daimler hüpfte und ruckte die schmale Straße hinunter.

»Wo fahren wir hin?« schrie Webb. »Ich dachte, wir wären schon da!«

»Der Geschäftsmann, mit dem Sie verhandeln werden, hat sein Büro verlegt, Sir, und das ist gut, weil das hier nicht gerade die angenehmste Gegend von Mongkok ist.«

»Sie hätten früher anrufen sollen. Das eben war nicht besonders erfreulich!«

»Erlauben Sie mir, Sir, den Eindruck zu berichtigen, daß meine Dienste zu wünschen übriglassen«, sagte Pak-fei und warf David im Rückspiegel einen Blick zu. »Wir wissen jetzt, daß Sie nicht verfolgt werden. Und das heißt, daß auch ich nicht an den Ort verfolgt werde, zu dem ich Sie bringe.«

»Wovon reden Sie?«

»Sie betreten mit leeren Händen eine große Bank am Chater Square und kommen nicht mit leeren Händen heraus. Sie tragen einen Aktenkoffer.«

»Und?« Webb behielt den Blick des Fahrers im Auge, der ihn immer wieder streifte.

»Kein Wachmann hat Sie begleitet, und es gibt böse Menschen, die nach Männern wie Ihnen Ausschau halten - oft geben böse Menschen ein Zeichen an die anderen draußen. Wir leben in unsicheren Zeiten, also war es besser, in diesem Fall ganz sicherzugehen.«

»Und Sie sind sicher ... jetzt.«

»O ja, Sir!« Pak-fei lächelte. »Ein Automobil, das uns auf einer Nebenstraße in Mongkok verfolgt, ist leicht auszumachen.«

»Also haben Sie nicht telefoniert.«

»O doch, Sir. Man muß immer erst anrufen. Aber es war ein sehr kurzes Gespräch, und dann bin ich die Straße zurückgegangen, ohne meine Mütze natürlich, und viele Meter. Es gab keine zornigen Männer in Automobilen, und keiner ist ausgestiegen, um über die Straße zu laufen. Ich kann Sie jetzt mit großer Erleichterung zu dem Geschäftsmann bringen.«

»Ich bin auch erleichtert«, sagte David und fragte sich, warum Jason Borowski ihn einen Augenblick lang im Stich gelassen hatte. »Und ich wußte nicht einmal, daß ich Grund zur Sorge gehabt hätte. Nicht was Verfolger anbelangt.«

Das Menschengewimmel von Mongkok verlief sich zusehends, als die Häuser niedriger wurden, und Webb konnte hinter hohen Maschen drahtzäunen die Wasserfläche des Victoria Harbor ausmachen. Hinter der Absperrung drängten sich Lagerhäuser und Schuppen vor den Piers, wo Handelsschiffe am Dock lagen und schwere Motoren ächzend und dröhnend riesige Container in die Laderäume hievten. Pakfei bog in die Zufahrt eines vereinzelt dastehenden einstöckigen Lagerhauses ein; es wirkte verlassen, man sah ringsherum nichts als Asphalt, und nur zwei Autos waren davor geparkt. Das Tor war abgeschlossen; ein Wachmann kam aus einer Glaskabine auf den Daimler zu, ein Klemmbrett in der Hand.