»Sie werden meinen Namen nicht auf einer Liste finden«, sagte Pak-fei auf chinesisch und im Brustton großer Autorität. »Informieren Sie Mr. Wu Song, daß Regent Nummer fünf hier ist und ihm einen Taipan bringt, der ebenso ehrenwert ist wie er selbst. Er erwartet uns.« Der Wachmann nickte und kniff in der Nachmittagssonne die Augen zusammen, um einen Blick auf den wichtigen Passagier zu erhaschen.
»Aiya!« schrie Pak-fei angesichts dieser Ungehörigkeit. Dann wandte er sich um und sah Webb an. »Sie dürfen das nicht mißverstehen, Sir«, sagte er, als der Mann zu seinem Telefon zurückrannte. »Daß ich den Namen meines schönen Hotels benutze, hat nichts mit meinem schönen Hotel zu tun.
In Wahrheit würde ich meine Stelle verlieren, wenn Mr. Liang oder sonst jemand wüßte, daß ich in einer solchen Angelegenheit den Namen des Hotels erwähnt habe. Es ist nur so, daß ich am fünften Tag des fünften Monats im Jahre neunzehnhundertfünfunddreißig unseres Herrn und Heilands geboren wurde.«
»Ich werde es für mich behalten«, meinte David und lächelte bei sich und dachte, daß Jason Borowski ihn also doch nicht im Stich gelassen hatte. Dieser legendäre Mann kannte die Mittel und Wege zu den richtigen Kontaktleuten - kannte sie blindlings -, und dieser Mann war da, steckte in David Webb.
Der mit Vorhängen verhängte weißgetünchte Raum in dem Lagerhaus, den verschlossene, waagrechte Schaukästen säumten, erinnerte an ein Museum mit Überbleibseln vergangener Kulturen, zum Beispiel primitive Werkzeuge, versteinerte Insekten und Kultfiguren vergangener Religionen. Der Unterschied lag nur in den Gegenständen. Hier wurden Schußwaffen zur Schau gestellt, die ganze Bandbreite des Arsenals, angefangen bei kleinkalibrigen Handfeuerwaffen und Karabinern, bis zu den modernsten Waffen der Kriegsgeschichte
- Maschinengewehre mit spiralförmig angeordneten Magazinen, die tausend Schuß enthielten, bis zu lasergelenkten Raketen, die man von der Schulter abfeuerte; ein Arsenal für Terroristen. Zwei Männer in Straßenanzügen hielten Wache, einer vor dem Eingang zu dem Raum, der andere drinnen. Wie zu erwarten war, verbeugte sich der erste zur Entschuldigung und tastete Webb und seinen Fahrer mit einem elektronischen Suchgerät ab. Dann griff der Mann nach dem Aktenkoffer. David zog ihn weg, schüttelte den Kopf und zeigte auf das Suchgerät. Der Wachmann hatte den Koffer bereits damit untersucht.
»Persönliche Papiere«, sagte David auf chinesisch zu dem verblüfften Mann und betrat den Raum.
David brauchte fast eine volle Minute, um das, was er sah, in sich aufzunehmen und zu fassen. Er betrachtete die unübersehbaren Nichtraucherzeichen auf englisch, französisch und chinesisch an allen Wänden, und fragte sich, weshalb sie da waren. Nichts lag frei herum. Dann ging er zu dem Schaukasten mit kleinen Waffen und betrachtete die Auslage. Er umklammerte den Aktenkoffer, als wäre der eine Rettungsleine zur Vernunft in einer Welt, die den Verstand verloren hatte und von Werkzeugen der Gewalt beherrscht wurde.
»Huanying!« schrie eine Stimme, und dann tauchte ein Mann auf, der jugendlich wirkte. Er kam aus einer mit Paneelen verkleideten Türe und trug einen jener eng anliegenden europäischen Anzüge mit betonten Schultern, schmaler Taille und Rockschößen wie ein Pfauenschwanz - das Produkt von Modeschöpfern, die Männer der Eleganz zuliebe in Neutren verwandelten.
»Das ist Mr. Wu Song, Sir«, sagte Pak-fei und verbeugte sich zuerst vor dem Geschäftsmann und dann vor Webb. »Es ist nicht notwendig, daß Sie Ihren Namen nennen, Sir.«
»OH!« stieß der junge Geschäftsmann hervor und deutete auf Davids Aktenkoffer. »Bu jing ya!«
»Ihr Kunde spricht fließend chinesisch, Mr. Song.« Der Fahrer wandte sich David zu. »Wie Sie hören, Sir, nimmt Mr. Song an Ihrem Koffer Anstoß.«
»Den gebe ich nicht aus der Hand«, sagte Webb.
»Dann ist ein ernsthaftes Gespräch über Geschäfte ausgeschlossen«, erwiderte Wu Song in makellosem Englisch.
»Warum? Ihr Wachmann hat ihn überprüft. Er enthält keine Waffen, und selbst wenn - sobald ich auch bloß versuche, ihn aufzumachen, liege ich vermutlich schon flach, ehe der Deckel offen ist.«
»Kunststoff?« sagte Wu Song in fragendem Ton. »Kunststoffmikrofone und ein Tonbandgerät, dessen Metallgehalt so niedrig ist, daß selbst komplizierte Geräte sie nicht entdecken können?«
»Sie leiden ja an Verfolgungswahn.«
»In Ihrem Lande würde man sagen, das bringt das Geschäft so mit sich.«
»Sie beherrschen meine Sprache ausgezeichnet.«
»Columbia University, Examensjahrgang dreiundsiebzig.«
»Hauptfach Waffenkunde?«
»Nein, Marketing.«
»Aiya!« schrie Pak-fei, aber zu spät. Im schnellen Wortwechsel waren die Wächter unbemerkt näher gekommen und hatten sich blitzschnell auf Webb und den Fahrer gestürzt.
Jason Borowski wirbelte herum, ließ den Arm des Angreifers von seiner Schulter abrutschen, klemmte ihn unter den eigenen Arm, drehte sich auf der Stelle, zwang den Mann zu Boden und schmetterte ihm den Aktenkoffer ins Gesicht. Die Bewegungen fielen ihm wieder ein. Die Gewalt war wieder da, so wie sie einst auf einer Mittelmeerinsel zu einem verwirrten, unter Amnesie leidenden Mann zurückgekehrt war. So viel vergessen, so viel unerklärt, aber erinnert. Der Mann fiel benommen zu Boden, während sein Partner sich wütend Webb zuwandte, nachdem er Pak-fei niedergeschlagen hatte. Er sprang ihn mit einem Satz an, die Hände schräg vor dem Körper; seine breite Brust und seine Schultern waren wie zwei Rammen. David ließ den Aktenkoffer fallen, wich nach rechts aus und wirbelte dann wieder herum, sein linker Fuß zuckte hoch und traf den Chinesen mit solcher Gewalt in den Unterleib, daß der Mann sich schreiend zusammenkrümmte. Im nächsten Augenblick trat Webbs rechter Fuß zu, und seine Fußspitze bohrte sich dem Angreifer unmittelbar unter der Kinnlade in die Kehle. Der Mann wälzte sich, nach Luft schnappend, am Boden, eine Hand am Unterleib, die andere am Hals. Jetzt versuchte der erste Wachmann aufzustehen; Borowski schmetterte ihm das Knie in die Brust, so daß er ein paar Meter weit durch den Raum flog und bewußtlos unter einem Schaukasten zu Boden sank.
Der junge Waffenhändler von der Columbia-Universität war wie benommen. Sein Blick sprach Bände: Er wurde hier Zeuge des Undenkbaren und rechnete jeden Augenblick damit, daß das, was er sah, sich umkehrte, daß seine Wachleute die Sieger waren. Und dann wurde ihm plötzlich klar, daß das nicht geschehen würde; er rannte voller Panik auf die Tür zu und erreichte sie in dem Moment, in dem Webb ihn eingeholt hatte. Davids Hand packte die gepolsterten Schultern und riß den Geschäftsmann zurück. Wu Song stolperte über die eigenen Füße und stürzte; er hob bittend die Hände.
»Nein, bitte! Nicht! Ich kann körperliche Gewalt nicht ertragen! Nehmen Sie sich, was Sie wollen!«
»Sie können was nicht ertragen?«
»Sie haben es doch gehört, mir wird davon schlecht!«
»Und was, zum Teufel, ist das hier?« schrie David und machte eine Handbewegung, die den ganzen Raum einschloß.
»Angebot und Nachfrage, sonst nichts. Nehmen Sie sich, was Sie wollen, aber rühren Sie mich nicht an. Bitte!«
Angeekelt trat Webb neben den gestürzten Fahrer, der sich jetzt langsam auf die Knie aufrichtete. Aus seinen Mundwinkeln rann Blut. »Was ich nehme, bezahle ich auch«, sagte er zu dem Waffenhändler, während er den Fahrer am Arm packte und ihm beim Aufstehen half. »Sind Sie unverletzt?«
»Sie handeln sich viel Ärger ein, Sir«, erwiderte Pak-fei mit zitternden Händen und angsterfülltem Blick.
»Für das hier können Sie nichts. Und Wu Song weiß das, nicht wahr, Wu?«
»Ich habe Sie hierhergebracht!« beharrte der Fahrer.
»Weil ch etwas kaufen wollte«, fügte David schnell hinzu. »Bringen wir es hinter uns. Aber zuerst fesseln Sie diese zwei Schläger. Nehmen Sie die Vorhänge. Reißen Sie sie herunter!«