Pak-fei warf dem jungen Waffenhändler einen flehenden Blick zu. »Beim allmächtigen Heiland der Christen, tun Sie, was er sagt!« schrie Wu Song. »Sonst schlägt er mich! Nehmen Sie die Vorhänge! Fesseln Sie die beiden, Sie Schwachkopf!«
Drei Minuten später hielt Webb eine seltsam aussehende Waffe in der Hand, klobig, aber nicht groß. Es handelte sich um eine ganz neue Konstruktion; der Schalldämpfer ließ sich pneumatisch befestigen, so daß ein Schuß nur wie ein lautes Spucken klang - höchstens -, ohne daß die Treffsicherheit auf kurze Distanz beeinträchtigt wurde. Die Waffe enthielt neun Schuß, und man konnte den Ladestreifen binnen Sekunden im Kolben auswechseln; und er hatte drei davon in Reserve -sechsunddreißig Patronen mit der Feuerkraft einer 357er Magnum, und das Ganze in einer Waffe, die nur halb so groß wie ein 45er Colt war.
»Bemerkenswert«, sagte Webb nach einem Blick auf die gefesselten Wachleute und den immer noch zitternden Pak-fei. »Wer hat sie konstruiert?« Soviel Sachkenntnis fiel ihm wieder ein. Soviel Vertrautes. Aber woher?
»Als Amerikaner beleidigt Sie das vielleicht«, antwortete Wu Song, »aber es handelt sich um einen Mann in Bristol, Connecticut, der begriffen hat, daß die Firma, für die er arbeitet
- als Konstrukteur - ihn nie angemessen für seine Erfindung entlohnen würde. Also hat er sich durch Mittelsmänner Zugang zum internationalen Schwarzmarkt verschafft und gegen Höchstgebot verkauft.«
»An Sie?«
»Ich investiere nicht, ich vermarkte.«
»Richtig, das hatte ich vergessen. Angebot und Nachfrage.«
»Genau.«
»An wen bezahlen Sie?«
»Ein Nummernkonto in Singapur, sonst weiß ich nichts. Ich bin natürlich abgesichert. Alles läuft auf Kommission.«
»Aha. Wieviel kostet das?«
»Nehmen Sie sie. Als Geschenk.«
»Sie stinken. Von Leuten, die stinken, nehme ich keine Geschenke an. Wieviel?«
Wu Song schluckte. »Der Listenpreis beträgt achthundert amerikanische Dollar.«
Webb griff in seine linke Tasche und holte die Scheine heraus, die er dort verstaut hatte. Er zählte acht Hundert-DollarNoten ab und gab sie dem Waffenhändler. »Voll bezahlt«, sagte er.
»Bezahlt«, bestätigte der Chinese.
»Fesseln Sie ihn«, sagte David zu dem nervösen Pak-fei. »Nein, keine Angst. Fesseln Sie ihn!«
»Tun Sie, was er sagt, Sie Idiot!«
»Und dann schaffen Sie sie alle drei hinaus. An die Wand neben dem Wagen. Und passen Sie auf, daß man sie vom Tor aus nicht sieht.«
»Schnell!« schrie Song. »Er ist zornig!«
»Darauf können Sie sich verlassen«, stimmte Webb ihm zu.
Vier Minuten später traten die zwei Wachleute und Wu Song etwas schwerfällig durch die äußere Tür in das blendende Sonnenlicht, das die tanzenden Reflexe von den Wellen des Victoria Harbor noch greller machten. Sie waren an Knien und Armen mit Vorhangfetzen gefesselt, so daß ihre Bewegungen zögernd und unsicher waren. Dafür, daß die Wachleute schwiegen, sorgten Stoffknebel im Mund. Was den jungen Händler betraf, bedurfte es keiner solchen Vorsichtsmaßregel; er war starr vor Schreck.
David war jetzt allein in dem weißgetünchten Raum. Er stellte den Aktenkoffer ab, ging schnell an den Schaukästen entlang
und studierte die darin dargebotenen Produkte, bis er das gefunden hatte, was er suchte. Er schlug das Glas mit dem Pistolenkolben ein und holte aus den Scherben die Waffen, die er einsetzen würde - Waffen, wie sie sich Terroristen auf der ganzen Welt wünschten -, Zeitzündergranaten, jede mit der Wirkung einer Zwanzig-Pfund-Bombe. Woher wußte er das? Woher kam das Wissen?
Er nahm sechs Granaten und überprüfte die Batterien. Wieso konnte er das? Woher wußte er, wo er nachsehen, welchen Knopf er drücken mußte? Unwichtig. Er wußte es. Er sah auf die Uhr.
Er stellte die Zeitzünder ein und rannte an den Schaukästen entlang, schlug das Glas mit der Pistole ein und ließ in jeden Kasten eine Granate fallen. Er hatte noch eine übrig und noch zwei Schadkästen; er warf einen Blick auf die Nichtraucherzeichen in drei Sprachen und traf eine weitere Entscheidung. Er rannte zu der mit Paneelen verkleideten Türe, öffnete sie und sah das, was er erwartet hatte. Die letzte Granate flog in den Raum hinter der Tür.
Webb sah auf die Uhr, griff nach dem Aktenkoffer und ging hinaus, wobei er sich Mühe gab, ganz ruhig zu wirken. Er ging auf den Daimler zu, der neben dem Lagerhaus parkte, wo Pakfei sich allem Anschein nach immer noch bei seinen Gefangenen entschuldigte. Er schwitzte heftig dabei. Der Fahrer wurde abwechselnd von Wu Song beschimpft und getröstet.
»Schaffen Sie sie zu dem Wellenbrecher hinüber«, befahl David und deutete auf die Steinmauer, die über das Wasser aufragte.
Wu Song starrte Webb an. »Wer sind Sie?« fragte er.
Der Augenblick war gekommen. Jetzt.
Wieder sah Webb auf die Uhr, während er auf den Waffenhändler zuging. Er packte Wu Song am Ellbogen und stieß den verängstigten Chinesen an der Gebäudemauer entlang, bis er so weit von den anderen entfernt war, daß sie nicht hören konnten, was er sagte. »Mein Name ist Jason Borowski«, sagte David ruhig.
»Jason Bö-.'« Der Asiate stöhnte, als hätte man ihm einen Dolch in die Kehle gestoßen, als sähe er mit eigenen Augen, wie er gewaltsam und unwiderruflich starb.
»Und falls Sie auf den Gedanken kommen sollten, Ihr lädiertes Ego dadurch wieder aufzubauen, daß Sie jemanden bestrafen, zum Beispiel meinen Fahrer, dann sollten Sie sich das aus dem Kopf schlagen. Ich weiß, wo ich Sie finden kann.« Webb hielt einen Augenblick lang inne und fuhr dann fort: »Sie sind ein privilegierter Mann, Wu, aber zu diesem Privileg gehört auch Verantwortung. Aus bestimmten Gründen könnte es dazu kommen, daß man Sie verhört, und ich erwarte von Ihnen nicht, daß Sie lügen - ich bezweifle ohnehin, daß Sie sich besonders gut auf das Lügen verstehen -, also sind wir uns begegnet, das akzeptiere ich. Ich habe Sie sogar bestohlen, wenn Sie wollen. Aber wenn Sie eine genaue Beschreibung von mir liefern, dann wäre es besser, wenn Sie am anderen Ende der Welt wären- und tot. Das wäre weniger schmerzhaft für Sie.«
Der Columbia-Absolvent erstarrte, und seine Unterlippe zitterte, während er Webb sprachlos anstarrte. David erwiderte den Blick stumm und nickte dann. Er ließ Wu Songs Arm los, ging zu Pak-fei und den gefesselten Wachmännern zurück und überließ den verängstigten Waffenhändler seinen sich überschlagenden Gedanken.
»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, Pak-fei«, sagte er und sah erneut auf die Uhr. »Schaffen Sie sie zu der Mauer und sagen Sie ihnen, daß sie sich hinlegen sollen. Erklären Sie ihnen, daß ich meine Waffe auf sie richten werde, bis wir durch das Tor sind. Ich glaube, ihr Arbeitgeber wird ihnen bestätigen können, daß ich ein einigermaßen guter Schütze bin.«
Der Fahrer gab die Befehle widerwillig auf chinesisch weiter und verbeugte sich vor dem Waffenhändler, als Wu Song sich an die Spitze seiner beiden Leute setzte und sich schwerfällig auf den Wellenbrecher zu bewegte, der etwa siebzig Meter entfernt war. Webb blickte ins Innere des Daimler.
»Werfen Sie mir die Schlüssel zu!« rief er. »Und beeilen Sie sich, Pak-fei!«
David fing die Schlüssel auf und setzte sich auf den Fahrersitz. Er ließ den Motor an, legte den Gang ein und folgte der seltsamen Parade über die Asphaltfläche hinter dem Lagerhaus.
Jetzt lagen Wu Song und seine zwei Leute hingestreckt auf dem Boden. Webb sprang aus dem Wagen, dessen Motor lief, und rannte hinten herum auf die andere Seite, die neu erworbene Waffe mit befestigtem Schalldämpfer in der Hand. »Steigen Sie ein und fahren Sie!« schrie er Pak-fei an. »Schnell!«
Der Fahrer sprang verwirrt auf seinen Sitz. David gab drei Schüsse ab - drei spuckende Laute, die den Asphalt ein paar Fuß vor jedem seiner Gefangenen aufspritzen ließen. Das genügte; alle drei wälzten sich angsterfüllt gegen die Mauer. Webb nahm auf dem Vordersitz des Wagens Platz. »Los jetzt!« sagte er und sah zum letztenmal auf die Uhr, während er die Waffe durch das heruntergekurbelte Seitenfenster auf die drei liegenden Gestalten gerichtet hielt. »Jetzt!«