Выбрать главу

Das Tor öffnete sich für den erhabenen Taipan in der erhabenen Limousine. Der Daimler raste hindurch, bog nach rechts in die zweispurige Straße nach Mongkok mit ihrem dichten Verkehr.

»Langsam!« befahl David. »Fahren Sie auf den Seitenstreifen.«

»Diese Fahrer sind alle verrückt, Sir. Sie rasen so, weil sie wissen, daß sie in ein paar Minuten im Verkehr steckenbleiben.

Es wird schwierig werden, wieder auf die Straße

zurückzukommen.«

»Das glaube ich weniger.«

Dann war es soweit. Die Explosionen kamen dicht hintereinander - drei, vier, fünf ... sechs. Das Lagerhaus flog in die Luft, und Flammen und dicker, schwarzer Rauch füllten die Luft über dem Land und dem Hafen. Automobile, Lastwagen und Busse auf der Straße kamen mit kreischenden Bremsen zum Stillstand.

»Sie?« stieß Pak-fei hervor und sah Webb mit aufgerissenem Mund und hervortretenden Augen an.

»Ich war dort.«

»Wir waren dort, Sir! Ich bin ein toter Mann. Aiya!«

»Nein, Pak-fei, das sind Sie nicht«, sagte David. »Ihnen geschieht nichts, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Sie werden nie wieder von Mr. Wu Song hören. Ich nehme an, daß er Hongkong verläßt und sich ans andere Ende der Welt begibt, vielleicht in den Iran, um den Mullahs Marketing beizubringen. Ich wüßte nicht, wer ihn sonst aufnehmen würde.«

»Aber warum? Wieso, Sir?«

»Er ist erledigt. Er hat auf Kommissionsbasis gehandelt, und das bedeutet, daß er dann bezahlt, wenn seine Ware verkauft ist. Können Sie mir folgen?«

»Ich glaube schon, Sir.«

»Er hat keine Ware mehr, aber sie ist nicht verkauft worden. Sie ist einfach verschwunden.«

»Sir?«

»Er hat in dem Hinterzimmer Dynamitstangen und Kisten mit Plastiksprengstoff aufbewahrt. Dinge, die sich in den Schaukästen nicht so gut gemacht und auch gar nicht hineingepaßt hätten.«

»Dort war Rauchen verboten — Reihen Sie sich wieder in den Verkehr ein, Pak-fei. Ich muß nach Kowloon zurück.«

Als sie Tsim Sha Tsui erreichten, merkte Webb, daß Pak-fei sich immer wieder zur Seite drehte und ihn beobachtete. »Was ist denn?« fragte er.

»Ich weiß nicht genau, Sir. Ich habe natürlich Angst.«

»Sie haben mir also nicht geglaubt? Daß Sie keine Angst zu haben brauchen?«

»Das ist es nicht, Sir. Ich denke, ich muß Ihnen glauben, schließlich habe ich gesehen, was Sie getan haben, und Wu Songs Gesicht habe ich auch gesehen, als Sie mit ihm sprachen. Ich glaube, daß ich vor Ihnen Angst habe. Aber ich denke auch, daß das falsch sein könnte, denn Sie haben mich beschützt. Es war etwas in Wu Songs Augen. Ich kann es nicht erklären.«

»Dann versuchen Sie es erst gar nicht«, sagte David und griff nach dem Geld in seiner Tasche. »Sind Sie verheiratet, Pak-fei? Oder haben Sie eine Freundin oder einen Freund? Mir ist das gleich.«

»Verheiratet, Sir. Ich habe zwei erwachsene Kinder mit guten Jobs. Die liefern Geld zu Hause ab; ich habe ein gutes Auskommen.«

»Jetzt wird es noch besser werden. Fahren Sie nach Hause und holen Sie Ihre Frau - und Ihre Kinder, wenn Sie mögen -und fahren Sie, Pak-fei, fahren Sie viele Meilen weit in die New Territories hinein, und dann halten Sie an und bestellen sich in Tuen Mun oder Yuen Long etwas Gutes zu essen. Dann fahren Sie weiter. Ihre Familie soll an diesem schönen Auto Freude haben.«

»Sir?«

»Eine Xiao Xin«, fuhr Webb fort, das Geld in der Hand. »Was wir im Westen eine Notlüge nennen, eine Lüge, die niemandem weh tut. Sehen Sie, ich möchte, daß der Tachometer dieses

Wagens ungefähr das anzeigt, was Sie mit mir heute zurückgelegt haben.«

»Und wohin habe ich Sie gefahren?«

»Sie haben Mr. Cruett zuerst nach Lo Wu gefahren und dann an der Bergkette entlang nach Lok Ma Chau.«

»Das sind Grenzübergänge zur Volksrepublik.«

»Ja, das sind sie«, nickte David und griff nach zwei HundertDollar-Noten, dann noch nach einer dritten. »Glauben Sie, Sie können sich das merken und dafür sorgen, daß die Meilenzahl stimmt?«

»Ganz bestimmt, Sir.«

»Und glauben Sie«, fügte Webb hinzu, während er eine vierte Hundert-Dollar-Note aus dem Bündel zog, »daß Sie sagen könnten, ich hätte den Wagen in Lok Ma Chau verlassen und wäre eine Stunde in die Berge gegangen?«

»Zehn Stunden, wenn Sie wollen, Sir. Ich brauche keinen Schlaf.«

»Eine Stunde genügt.« David hielt dem verblüfften Fahrer die vierhundert Dollar hin. »Und wenn Sie unsere kleine Vereinbarung brechen, werde ich es erfahren.«

»Haben Sie keine Sorge, Sir!« rief Pak-fei, eine Hand am Steuer, während die andere nach den Scheinen griff. »Ich werde meine Frau holen, meine Kinder, die Eltern meiner Frau und meine eigenen auch. Dieses Auto reicht für zwölf. Ich danke Ihnen, Sir! Ich danke Ihnen!«

»Setzen Sie mich zehn Straßen vor der Salisbury ab und verlassen Sie die Gegend. Ich möchte nicht, daß dieser Wagen in Kowloon gesehen wird.«

»Nein, Sir, ganz bestimmt nicht. Wir werden in Lo Wu sein, in Lok Ma Chau!«

»Morgen früh können Sie sagen, was Sie wollen. Dann bin ich nicht mehr hier. Ich reise heute abend ab. Sie werden mich nicht wiedersehen.«

»Ja, Sir.«

»Unser Vertrag ist abgelaufen, Pak-fei«, sagte Jason Borowski, und seine Gedanken kehrten zu einer Strategie zurück, die mit jedem Schritt, den er tat, klarer wurde. Und jeder Schritt brachte ihn Marie näher. Alles war jetzt kälter. Es lag eine gewisse Freiheit darin, das zu sein, was er nicht war.

Halte dich genau an dein Drehbuch ... Sei überall gleichzeitig. Bring sie zum Schwitzen.

Um 17.02 Uhr kam ein sichtlich nervöser Liang mit schnellen Schritten durch die Glastüren des Regent heraus. Er sah sich unruhig unter den Gästen um, die in beständigem Strom das Hotel betraten oder verließen, und bog dann nach links und eilte schnell auf die Rampe zu, die zur Straße hinunterführte. David beobachtete ihn durch die hohen Fontänen der Springbrunnen auf der anderen Seite des Hofes. Die Fontänen als Deckung nutzend, rannte Webb quer über den Vorplatz, wich dabei Taxis und Autos aus, erreichte schließlich die Rampe und folgte Liang nach unten auf die Salisbury Road zu.

Auf halbem Weg zur Straße blieb er stehen und drehte sich um, bog sich zur Seite und wandte das Gesicht nach links. Der stellvertretende Manager des Hotels war plötzlich stehengeblieben, leicht nach vorne gebeugt, so wie jemand in Angst und Eile, dem plötzlich etwas eingefallen ist oder der seine Absicht geändert hat. Es mußte das letztere sein, dachte David, drehte vorsichtig den Kopf und sah, wie Liang quer über die Zufahrt zum New World Shopping Centre hinüberrannte. Webb wußte, daß er ihn in der Menge verlieren würde, wenn er sich nicht beeilte. Und so hob er beide Hände, brachte den Verkehr damit zum Stillstand und rannte schnell die Rampe hinunter, was ein wütendes Hupkonzert und ärgerliche Rufe der Fahrer auslöste. Als er den Vorplatz erreicht hatte, schwitzte er, er hatte Angst. Er konnte Liang nicht sehen! Wo war er? Das Meer asiatischer Gesichter verschwamm ineinander, alle gleich und doch nicht gleich. Wo war er? David rannte weiter, immer wieder gegen Menschen rempelnd, sich entschuldigend und dabei fieberhaft die Gesichter absuchend; und dann sah er ihn! Er war sicher, daß es Liang war - aber eigentlich doch nicht ganz sicher. Er hatte gesehen, wie eine Gestalt im dunklen Anzug in den Zugang zum Hafenweg einbog, einen langen Streifen Beton über dem Wasser, wo die Leute fischten und dahinschlenderten und am frühen Morgen ihre Tai-chi-Übungen machten. Und doch hatte er den Mann nur von hinten gesehen; wenn es nicht Liang war, würde er ihn ganz aus den Augen verlieren, wenn er jetzt die Straße verließ. Instinkt. Nicht deiner, sondern der von Borowski - die Augen von Jason Borowski.