Webb fing zu rennen an, rannte auf den Torbogen zum Hafenweg zu. In der Ferne funkelte die Skyline von Hongkong, vor ihm tanzten die Schiffe und Boote und Dschunken im Wasser des Hafenbeckens auf und ab. Er wurde langsamer, als er unter dem Bogen durchtrat; es gab keinen Weg zurück zur Salisbury Road, nur durch diesen Eingang. Der Hafenweg war eine Sackgasse, an deren anderem Ende das Wasser lag. Und das führte zu einer weiteren Frage und lieferte die Antwort auf eine andere. Warum hatte Liang - wenn es Liang war - sich in eine Sackgasse begeben, aus der es kein Zurück gab? Was zog ihn dorthin? Ein Kontakt, ein Briefkasten, eine Übergabe? Was auch immer es war, es bedeutete jedenfalls, daß der Chinese die Möglichkeit nicht in Betracht gezogen hatte, daß man ihm folgte; und das war die Antwort, die David brauchte. Sie sagte ihm das, was er wissen mußte. Der Mann befand sich in Panik; das Unerwartete würde diese Panik nur noch verstärken.
Jason Borowskis Augen hatten ihn nicht getrogen. Es war Liang, aber die erste Frage blieb unbeantwortet, und von dem, was Webb sah, wurde sie in ihrer Bedeutung nur noch verstärkt. Unter den Tausenden und Abertausenden öffentlicher Telefone in Kowloon - eingezwängt in überfüllte Arkaden und Nischen von verdunkelten Hotelhallen - hatte sich Liang ausgerechnet ein Münztelefon an der inneren Mauer des Weges ausgesucht. Der Apparat stand im Freien, inmitten eines breiten Durchgangs, der wiederum eine Sackgasse war. Das hatte weder Sinn und Verstand; noch der blutigste Amateur hatte soviel Instinkt, sich zu schützen. Wer in Panik geraten war, suchte Deckung.
Liang griff in die Tasche, um Kleingeld zu suchen, und plötzlich, als hätte eine innere Stimme ihm das befohlen, wußte David, daß er dieses Telefongespräch nicht zulassen durfte. Wenn es durchgeführt wurde, dann mußte er es führen. Es war ein Teil seiner Strategie, ein Teil, der ihn Marie näherbringen würde! Die Kontrolle mußte in seiner Hand liegen, nicht in den Händen anderer!
Er rannte geradewegs auf die weiße Plastikverschalung des Telefons zu und wollte rufen, wußte aber, daß er erst näher kommen mußte, ehe man ihn hören konnte. Der Hotelmanager wählte jetzt; seine Hand sank herunter - er war fertig. Irgendwo klingelte ein Telefon.
»Liang!« brüllte Webb. »Weg von dem Telefon! Wenn Sie am Leben bleiben wollen, dann legen Sie auf und verschwinden von hier!«
Der Chinese wirbelte herum, und sein Gesicht war eine starre Maske des Schreckens. »Sie!« schrie er hysterisch und preßte sich mit dem Rücken gegen die Plastikwand. »Nein ... nein! Nicht jetzt! Nicht hier!«
Plötzlich pfiffen Schüsse durch den Wind vom Wasser, Feuerstöße im Stakkato, die das gleichmäßige Schlagen der Wellen und all die anderen Hafengeräusche übertönten. Und dann brach auf dem Hafenweg das Chaos aus, Menschen schrien und kreischten, ließen sich zu Boden fallen oder rannten weg, suchten überall Schutz vor dem Terror des Todes.
Kapitel 10
»Aiya!« schrie Liang und warf sich gegen die Seitenwand der Telefonzelle, als die Kugeln gegen die Mauer schlugen. Webb stürzte sich auf den Chinesen und preßte sich gegen ihn, zog das Jagdmesser aus der Scheide. »Nicht! Was machen Sie da?« kreischte Liang, als David ihn am Hemd packte und ihm die Messerspitze gegen das Kinn drückte, so daß die Haut aufriß und ein paar Blutstropfen hervortraten. »Aiiii!« Aber der Lärm, der sie umgab, verschluckte seinen hysterischen Schrei.
»Die Nummer! jetzt!«
»Tun Sie mir nichts! Ich schwör's Ihnen, ich hab nicht gewußt, daß das eine Falle war!«
»Das ist keine Falle für mich, Liang«, sagte Webb außer Atem. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht. »Die gilt Ihnen!«
»Mir? Sie sind verrückt! Warum mir?«
»Weil die wissen, daß ich jetzt hier bin und Sie mich gesehen haben, Sie mit mir gesprochen haben. Sie haben Ihr Telefonat geführt, und jetzt können die sich nicht mehr leisten, daß Sie am Leben bleiben.«
»Aber warum?«
»Man hat Ihnen eine Telefonnummer gegeben. Sie haben Ihren Auftrag erledigt, und die können sich nicht leisten, daß es irgendwelche Spuren gibt.«
»Das erklärt überhaupt nichts!«
»Vielleicht hilft Ihnen mein Name. Ich heiße Jason Borowski.«
»Gütiger Gott!« flüsterte Liang, dessen Gesicht totenbleich geworden war. Er starrte David an, seine Augen waren wie milchig gewordenes Glas. Seine Lippen hatten sich geöffnet.
»Sie sind eine Spur«, sagte Webb. »Sie sind ein toter Mann.«
»Nein, nein!« Der Chinese schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein! Ich kenne doch keinen, nur die Nummer! Und das ist ein Telefon in einem leeren Büro im New World Centre, ein Apparat, den man nur auf kurze Zeit dort installiert hat. Bitte! Die Nummer ist drei-vier, vier, null, eins! Töten Sie mich nicht, Mr. Borowski! Bei der Barmherzigkeit unseres christlichen Gottes, tun Sie es nicht!«
»Wenn ich gedacht hätte, daß die Falle mir gilt, dann wäre jetzt Ihre ganze Kehle blutig, nicht nur Ihr Kinn ... drei, vier, vier, null eins?«
»Ja, genau!«
Die Schüsse hörten ebenso plötzlich und verblüffend auf, wie sie angefangen hatten.
»Das New World Centre ist doch direkt über uns, nicht wahr? Eines dieser Fenster dort oben.«
»Genau!« Liang schauderte, er konnte den Blick nicht von Davids Gesicht wenden. Dann drückte er die Augen zu, und Tränen quollen ihm unter den Lidern hervor, während er heftig den Kopf schüttelte. »Ich habe Sie nie gesehen! Das schwöre ich beim Tod unseres Heilands am Kreuz!«
»Ich frage mich manchmal, ob ich eigentlich in Hongkong oder im Vatikan bin.« Webb hob den Kopf und sah sich um. Überall auf dem schmalen Weg richteten sich jetzt erschrockene Menschen zögernd wieder auf. Mütter drückten ihre Kinder an sich; Männer hielten Frauen fest, und Männer, Frauen und Kinder richteten sich erst halb auf, dann ganz und stürmten plötzlich wie eine wild gewordene Herde auf den Torbogen zu. »Man hat Ihnen gesagt, daß Sie von hier aus anrufen sollen, nicht wahr?« sagte David schnell, indem er sich wieder dem verängstigten Hotelmanager zuwandte.
»Ja, Sir.«
»Warum? Hat man Ihnen den Grund genannt?«
»Ja, Sir.«
»Um Himmels willen, machen Sie endlich die Augen auf!«
»Ja, Sir.« Liang schlug die Augen auf, wandte aber den Blick beim Reden ab. »Die haben gesagt, sie würden dem Gast nicht vertrauen, der Suite sechs-neun-null verlangt. Er sei ein Mann, der einen anderen vielleicht zwingen könnte, Lügen weiterzugeben. Deshalb wollten sie mich beobachten, wenn ich mit ihnen sprach ... Mr. Borowski - nein, das habe ich nicht gesagt! Mr. Cruett - ich hab den ganzen Tag versucht, Sie zu erreichen, Mr. Cruett! Ich wollte, daß Sie wissen, daß man mich unter Druck gesetzt hat, Mr. Cruett! Die haben mich immer wieder angerufen und wollten wissen, wann ich sie meinerseits anrufen würde - von hier aus. Und ich habe denen immer wieder gesagt, daß Sie noch nicht gekommen seien! Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich habe doch dauernd versucht, Sie zu erreichen, daraus können Sie doch erkennen, daß ich versucht habe, Sie zu warnen! Das liegt doch auf der Hand, oder etwa nicht?«
»Für mich liegt nur auf der Hand, daß Sie ein ausgemachter Vollidiot sind.«