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»Ich verstehe mich nicht auf solche Dinge.«

»Warum haben Sie sich dann darauf eingelassen?«

»Für Geld, Sir! Ich war bei Tschiangkaischek, bei der Kuomintang. Ich habe eine Frau und fünf Kinder - zwei Söhne und drei Töchter. Ich muß weg von hier! Die erkundigen sich gründlich, und dann drücken sie uns einen Stempel auf, den man nicht mehr los wird. Ich habe studiert, Sir! Auf der Fudan-Universität, ich habe als Zweiter in meinem Fach abgeschlossen

- in Shanghai hatte ich ein eigenes Hotel. Aber das alles ist jetzt ohne Bedeutung. Wenn Beijing hier die Macht übernimmt, bin ich ein toter Mann, und meine Familie ist erledigt. Und jetzt sagen Sie, ich sei jetzt schon ein toter Mann ... Was soll ich denn tun?«

»Peking - Beijing - wird in der Kronkolonie nichts verändern, überhaupt nichts«, sagte David und erinnerte sich an das, was Marie ihm an jenem schrecklichen Abend gesagt hatte, nachdem McAllister gegangen war. »Es sei denn, die Wahnsinnigen kommen an die Macht.«

»Die sind alle wahnsinnig, Sir. Glauben Sie mir. Sie kennen sie nicht!«

»Das mag schon sein. Aber ein paar von Ihren Leuten kenne ich. Und die hätte ich offen gestanden lieber gar nicht erst kennengelernt.«

»>Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Steine, Sir.«

»Steine, meinetwegen, aber nicht die Silberbeutel aus der Korruption Tschiangs, stimmt's?«

»Sir?«

»Wie heißen Ihre drei Töchter? Schnell!«

»Die heißen ... heißen ... Wang ... Wang Sho -«

»Vergessen Sie's!« schrie David und blickte zum Torbogen hinüber. »Ni bushi ren! Sie sind kein Mann, Sie sind ein Schwein! Lassen Sie es sich gutgehen, Liang von der Kuomintang. Lassen Sie es sich gutgehen, solang die das zulassen. Mir ist es, offen gestanden, völlig egal.«

Webb richtete sich auf, bereit, sich sofort wieder zu Boden zu werfen, wenn es aus einem der Fenster über ihm aufblitzte. Jason Borowskis Augen waren scharf: da war nichts zu sehen. David mischte sich in das Gedränge am Torbogen und arbeitete sich durch die Menschenmassen zur Salisbury Road durch.

Er führte das Gespräch an einem Telefon in einer überfüllten, lärmenden Arkade, dicht an der Nathan Road. Er drückte sich dabei den Zeigefinger ins rechte Ohr, um besser hören zu können.

»Wei?« sagte eine Männerstimme.

»Hier ist Borowski, und ich werde Englisch sprechen. Wo ist meine Frau?«

»Wode tian ah! Es heißt, Sie sprechen unsere Sprache in verschiedenen Dialekten.«

»Das ist lange her, und ich möchte, daß es keine Mißverständnisse gibt. Ich habe Sie nach meiner Frau gefragt!«

»Hat Liang Ihnen diese Nummer gegeben?«

»Er hatte keine Wahl.«

»Und außerdem ist er tot.«

»Was Sie tun, ist mir gleichgültig. Aber an Ihrer Stelle würde ich noch mal darüber nachdenken, ob Sie ihn wirklich töten wollen.«

»Warum? Er ist weniger wert als ein Wurm.«

»Weil Sie sich einen ausgemachten Vollidioten ausgesucht haben, schlimmer noch, einen Hysteriker. Er hat mit zu \ielen Leuten geredet. Eine Angestellte in einer Telefonvermittlung hat mir gesagt, er habe mich alle paar Minuten angerufen -«

»Sie angerufen?«

»Ich bin heute morgen angekommen. Wo ist meine Frau

»Liang, der Lügner!«

»Sie haben doch nicht etwa erwartet, daß ich in dieser Suite wohne, oder? Ich habe ihn dazu gebracht, mich in ein anderes Zimmer zu verlegen. Man hat uns gesehen, wie wir miteinander gesprochen - uns gestritten haben - ein halbes Dutzend Angestellte haben uns beobachtet. Wenn Sie ihn töten, gibt es mehr Gerüchte, als irgendeinem von uns lieb sein kann. Dann wird die Polizei einen reichen Amerikaner suchen, der verschwunden ist.«

»Er hat sich in die Hosen gemacht«, sagte der Chinese. »Vielleicht reicht das.«

»Es reicht. So, und was ist jetzt mit meiner Frau?«

»Ich bin nicht taub. Ich bin nicht zu solchen Informationen privilegiert.«

»Dann holen Sie jemanden an den Apparat, der das ist. Jetzt!«

»Sie werden andere treffen, die mehr wissen.«

»Wann?«

»Wir melden uns wieder bei Ihnen. In welchem Zimmer sind Sie?«

»Ich werde Sie anrufen. Sie haben fünfzehn Minuten Zeit.«

»Sie erteilen mir Befehle?«

»Ich weiß, wo Sie sind - welches Fenster, welches Büro -, Sie gehen recht ungeschickt mit Ihrem Gewehr um. Sie hätten den Lauf schwärzen müssen; die Sonne spiegelt sich im Metall, das weiß jedes Kind. In dreißig Sekunden werde ich hundert Fuß von Ihrer Türe entfernt sein, aber Sie werden nicht wissen, wo ich bin, und Sie können nicht weg vom Telefon.«

»Ich glaube Ihnen nicht!«

»Probieren Sie es doch aus. Jetzt beobachten Sie nicht mich, sondern ich Sie. Sie haben fünfzehn Minuten Zeit, und wenn ich wieder anrufe, möchte ich mit meiner Frau sprechen.«

»Sie ist nicht hier!«

»Wenn ich glaubte, daß sie das wäre, dann wären Sie jetzt tot. Dann hätte ich Ihnen den Kopf abgeschnitten und zum Fenster hinausgeworfen zu dem anderen Müll im Hafen. Wenn Sie meinen, ich übertreibe, dann erkundigen Sie sich doch. Fragen Sie Leute, die mit mir zu tun hatten. Fragen Sie Ihren Taipan, den Yao Ming, den es nicht gibt.«

»Ich kann Ihre Frau doch nicht herbeizaubern, Jason Borowski«, schrie der Mann verängstigt.

»Dann besorgen Sie sich eine Nummer, wo ich sie erreichen kann. Entweder höre ich ihre Stimme - und sie spricht mit mir -oder es gibt nichts. Bloß Ihre kopflose Leiche und ein schwarzes Tuch um Ihren blutenden Hals. Fünfzehn Minuten!«

David hängte den Hörer auf und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Jetzt hatte er es getan. Der Verstand und die Worte waren die Jason Borowskis gewesen - er hatte sich in eine Zeit zurückbegeben, an die er sich nur vage erinnerte, und hatte instinktiv gewußt, was zu tun und was zu sagen war und wie zu drohen. Daraus war eine Lehre zu ziehen. Der Schein war stärker als die Realität. Oder gab es irgendwo in ihm eine Realität, die nach draußen drängte, die die Kontrolle übernehmen wollte, die David Webb aufforderte, dem Mann in seinem Inneren zu vertrauen?

Er verließ die unerträglich überfüllte Arkade und bog nach rechts, auf den ähnlich überfüllten Bürgersteig. Die Goldene Meile von Tsim Sha Tsui bereitete sich auf ihre nächtlichen Spiele vor, und er würde das gleiche tun. Er konnte jetzt zum Hotel zurückkehren; Liang würde meilenweit entfernt sein, möglicherweise gerade damit beschäftigt, einen Flug nach Taiwan zu buchen, falls an dem, was er in seiner Angst herausgeplappert hatte, auch nur eine Spur von Wahrheit war. Webb würde den Lastenaufzug benutzen, um in sein Zimmer zu kommen, für den Fall, daß andere ihn in der Hotelhalle erwarteten, obwohl er das bezweifelte. Der Schießstand, der in Wirklichkeit ein leeres Büro im New World Centre war, war kein Befehlsposten, und der Schütze war kein Befehlshaber, sondern nur ein Verbindungsmann, den jetzt Todesangst quälte.

Mit jedem Schritt, den David die Nathan Road hinunterging, wurde sein Atem kürzer und das Pochen in seiner Brust lauter. In zwölf Minuten würde er Maries Stimme hören. O Gott, wie er sich das wünschte! Er mußte sie hören! Die Aussicht darauf war das einzige, was ihn bei Verstand hielt, das einzige, worauf es jetzt ankam.

»Ihre fünfzehn Minuten sind um«, sagte Webb. Er saß auf der Bettkante, versuchte, seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen, und fragte sich dabei, ob man sein Echo ebenso hören konnte, wie er es jetzt hörte. Er hoffte, daß seine Stimme davon nicht zitterte.

»Rufen Sie fünf-zwo, sechs, fünf, drei.«

»Fünf?« David kannte das Amt. »Dann ist sie in Hongkong, nicht in Kowloon?«