»Man wird sie sofort an einen anderen Ort bringen.«
»Ich rufe Sie wieder an, nachdem ich mit ihr gesprochen habe.«
»Das ist nicht nötig, Jason Borowski. Dort sind gut informierte Männer, die mit Ihnen sprechen werden. Mein Auftrag ist erledigt, und Sie haben mich nie gesehen.«
»Ich brauche Sie gar nicht zu sehen. Man wird eine Aufnahme von Ihnen machen, wenn Sie das Büro verlassen, aber Sie werden nicht wissen, wer sie macht oder von wo aus.
Wahrscheinlich werden Sie eine Anzahl Leute sehen - im Gang oder im Lift oder in der Halle -, aber Sie werden nicht wissen, wer die Kamera hat - eine Kamera mit einem Objektiv, das wie ein Knopf an einem Jackett aussieht oder wie eine Verzierung an einer Handtasche. Lassen Sie es sich gutgehen, Sie Söldner. Denken Sie an etwas Schönes.«
Webb drückte die Gabel nach unten und unterbrach damit die Verbindung; er wartete drei Sekunden, ließ die Gabel los, hörte das Freizeichen und drückte die Tasten. Er konnte es klingeln hören. Herrgott, er konnte es nicht mehr ertragen.
»Wei?«
»Hier ist Borowski. Holen Sie meine Frau an den Apparat.«
»Wie Sie wünschen.«
»David?«
»Geht es dir gut!« schrie Webb am Rande der Hysterie.
»Ja, nur müde, sonst nichts, mein Liebling. Und du? -«
»Haben sie dir weh getan - haben sie dich angerührt?«
»Nein, David, Sie sind eigentlich recht freundlich gewesen. Aber du weißt ja, wie müde ich manchmal werde. Erinnerst du dich an die Woche in Zürich, als du das Frauenmünster sehen wolltest und die Museen und auf der Limmat segeln, und ich dir gesagt habe, daß ich einfach nicht dazu in der Stimmung sei?«
Es hatte keine Woche in Zürich gegeben. Nur den Alptraum einer einzigen Nacht, in der sie beide beinahe ums Leben gekommen wären. Er auf der Flucht vor den Männern, die ihn töten wollten, und sie beinahe vergewaltigt, zum Tode verurteilt, an einem verlassenen Flußufer am Guisan Quai dem Tod entgegensehend. Was versuchte sie ihm zu sagen l
»Ja, ich erinnere mich.«
»Also brauchst du dir keine Sorgen um mich zu machen, Liebling. Gott sei Dank, daß du hier bist! Wir werden bald wieder Zusammensein, das haben sie mir versprochen. Es wird dann sein wie in Paris, David. Einnerst du dich an Paris, als ich dachte, ich hätte dich verloren? Aber du bist zu mir gekommen, und wir wußten beide, wohin wir gehen mußten. Diese hübsche Straße mit den dunkelgrünen Bäumen und den -«
»Das genügt jetzt, Mrs. Webb«, unterbrach eine Männerstimme. »Oder sollte ich sagen, Mrs. Borowski«, fügte der Mann hinzu, der offenbar jetzt direkt in die Muschel sprach.
»Du mußt nachdenken und vorsichtig sein!« schrie Marie im Hintergrund. »Und mach dir keine Sorgen, mein Liebster! Diese hübsche Straße mit der Reihe von grünen Bäumen, meinem Lieblingsbaum -«
»Ting zhi!« schrie die Männerstimme. »Bringt sie weg! Sie gibt ihm Informationen! Schnell! Laßt sie nicht sprechen!«
»Wenn Sie ihr das geringste Leid zufügen, wird Ihnen das den Rest Ihres kurzen Lebens leid tun«, sagte Webb eisig. »Ich schwöre bei Gott, daß ich Sie finden werde.«
»Bis zu diesem Augenblick hat es keinen Anlaß für Unfreundlichkeiten gegeben«, erwiderte der Mann langsam, und seine Stimme klang aufrichtig. »Man hat Ihre Frau gut behandelt. Sie hat sich über nichts zu beschweren.«
»Irgend etwas stimmt nicht mit ihr! Was, zum Teufel, haben Sie getan, das sie mir nicht sagen darf?«
»Das ist nur die Anspannung, Mr. Borowski. Und sie hat Ihnen etwas gesagt, ganz ohne Zweifel, indem sie in ihrer Angst versuchte, diesen Ort zu beschreiben - unrichtig, wie ich vielleicht hinzufügen sollte -, aber selbst wenn es zutreffen würde, wäre das für Sie ebenso nutzlos wie diese Telefonnummer. Sie ist zu einer anderen Wohnung unterwegs, einer von Millionen in Hongkong. Warum sollten wir ihr auch irgend etwas antun? Das wäre doch nur schädlich. Ein großer Taipan will sich mit Ihnen treffen.«
»Yao Ming?«
»Man kennt ihn ebenso wie Sie unter verschiedenen Namen. Vielleicht können Sie zu einer Einigung kommen.«
»Ja, sonst ist er ein toter Mann. Und Sie sind es auch.«
»Ich glaube, was Sie sagen, Jason Borowski. Sie haben einen Blutsverwandten von mir getötet, der außer Ihrer Reichweite war, und zwar in seiner eigenen Inselfestung auf Lantau. Sie werden sich sicherlich daran erinnern.«
»Ich führe nicht Buch. Yao Ming. Wann?«
»Heute abend.«
»Wo?«
»Bitte verstehen Sie, er ist sehr bekannt, es muß also ein äußerst ungewöhnlicher Ort sein.«
»Angenommen, ich wähle den Ort?«
»Das kommt natürlich nicht in Frage. Bestehen Sie nicht darauf. Wir haben Ihre Frau.«
Davids Muskeln spannten sich; er spürte, daß er im Begriff war, die Kontrolle über sich zu verlieren, die er so verzweifelt brauchte. »Nennen Sie den Ort«, sagte er.
»Die Ummauerte Stadt. Wir nehmen an, Sie kennen sie.«
»Ich habe von ihr gehört«, korrigierte ihn Webb und versuchte, sich auf seine Erinnerung zu konzentrieren. »Der schmutzigste Slum, den es auf der ganzen Welt gibt, wenn ich mich richtig entsinne.«
»Was sonst? Das ist der einzige legale Besitz der Volksrepublik in der ganzen Kronkolonie. Selbst der verabscheuungswürdige Mao Tse-tung hat unserer Polizei die Erlaubnis erteilt, sie zu säubern. Aber so gut werden Beamte nicht bezahlt. Im wesentlichen hat sich dort nichts geändert.«
»Wann heute abend?«
»Nach Einbruch der Dunkelheit, aber bevor der Bazar schließt. Ab neun Uhr dreißig und nicht später als fünfzehn Minuten vor zehn.«
»Wie finde ich diesen Yao Ming - der nicht Yao Ming ist?«
»Im ersten Abschnitt des Marktes gibt es eine Frau, die Schlangeneingeweide als Aphrodisiaka verkauft, vorzugsweise von der Kobra. Gehen Sie zu ihr, und fragen Sie, wo ein Großer ist. Sie wird Ihnen sagen, welche Treppe nach unten Sie nehmen sollen und welche Gasse. Man wird Sie erwarten.«
»Es könnte sein, daß ich nie dort hinkomme. Meine Hautfarbe ist dort nicht willkommen.«
»Niemand wird Ihnen etwas tun. Aber ich empfehle Ihnen, keine auffällige Kleidung zu tragen oder teuren Schmuck.« »Schmuck?«
»Wenn Sie eine teure Uhr besitzen, dann tragen Sie sie nicht.«
Für eine Uhr würden die dir den Arm abschneiden. Medusa.
»Danke für den Rat.«
»Noch etwas. Kommen Sie nicht auf den Gedanken, die Behörden hineinzuziehen oder etwa Ihr Konsulat, um den Taipan zu kompromittieren. Wenn Sie das tun, stirbt Ihre Frau.«
»Das war nicht nötig.«
»Bei Jason Borowski ist alles nötig. Man wird Sie beobachten.«
»Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfundvierzig«, sagte Webb, legte den Hörer auf und erhob sich. Er ging ans Fenster und starrte auf den Hafen hinaus. Was war es? Was hatte Marie ihm mitzuteilen versucht?
... du weißt, wie müde ich manchmal werde.
Nein, das wußte er nicht. Seine Frau war ein kräftiges Mädchen, die sich nie beklagte, müde zu sein.
... mach dir keine Sorgen, mein Liebster!
Eine unsinnige Bitte, und das mußte sie auch wissen. Marie vergeudete keine wertvolle Zeit damit, Unsinniges zu sagen. Es sei denn ... wußte sie gar nicht, was sie sagte?
... es wird sein wie in Paris, David. Wir wußten beide, wohin wir gehen mußten ... Diese hübsche Straße mit den dunkelgrünen Bäumen.
Nein, das wirkte nur so, als ob sie nicht wüßte, was sie sagte; in ihren Worten war eine Botschaft versteckt. Aber was? Welche hübsche Straße mit »dunkelgrünen Bäumen«? Aber es wollte ihm nicht einfallen, und das machte ihn wahnsinnig. Sie hatte ihm ein Signal geschickt, und er begriff es nicht.