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... du mußt nachdenken und vorsichtig sein!... Mach dir keine Sorgen, mein Liebster! Diese hübsche Straße mit der Reihe von

grünen Bäumen, meinem Lieblingsbaum Welche hübsche Straße? Welche verdammte Baumreihe, welcher Lieblingsbaum?

Nichts davon ergab für ihn einen Sinn, und das sollte es doch! Er sollte reagieren können, nicht einfach zum Fenster hinausstarren, ohne sich an irgend etwas zu erinnern.

Hilf mir, hilf mir! schrie er stumm hinaus.

Eine innere Stimme sagte ihm, daß er sich nicht an etwas klammern sollte, das er nicht verstand. Es gab vieles zu tun; er konnte nicht einfach ohne das geringste Wissen einen Treffpunkt aufsuchen, den der Feind ausgewählt hatte, nicht ohne selbst einige Trümpfe in der Hand zu haben ... Ich empfehle Ihnen, keine auffällige Kleidung zu tragen ...

Das wäre sie ohnehin nicht gewesen, dachte Webb, aber jetzt würde sie genau das Gegenteil sein - etwas Unerwartetes.

In den Monaten, in denen er die vielen Schichten Jason Borowskis abgeschält hatte, hatte sich immer wieder ein Thema wiederholt. Wechsel, Wechsel, Wechsel. Borowski änderte dauernd seine Erscheinung, man nannte ihn »das Chamäleon«, einen Mann, der ohne Mühe mit jeder Umgebung verschmelzen konnte. Nicht auf groteske Weise mit Perücken und falschen Nasen, nein, ein Mann, der das Wesentliche seines Aussehens der unmittelbaren Umgebung anpassen konnte, so daß diejenigen, die dem »Meuchelmörder« begegnet waren - wenn auch selten bei Tageslicht oder aus der Nähe -, völlig unterschiedliche Beschreibungen des Mannes lieferten, der in ganz Asien und Europa gejagt wurde. Die Details widersprachen sich stets: das Haar war dunkel oder hell; die Augen braun, blau oder gefleckt; die Haut bleich oder gebräunt oder fleckig; die Kleider von guter, unauffälliger Eleganz, wenn das Treffen in einem gedämpft beleuchteten, teuren Cafe stattfand, oder zerdrückt und schlecht sitzend, falls der Treffpunkt in einem Hafenviertel oder in der finstersten Gegend einer beliebigen

Stadt war. Wechsel. Mühelos, mit einem Minimum an Aufwand. David Webb würde dem Chamäleon in seinem Inneren vertrauen. Sich einfach fallenlassen, dort hingehen, wo Jason Borowski ihn hinführte.

Nachdem er aus dem Daimler gestiegen war, hatte er sich ein Zimmer im Peninsula-Hotel genommen und den Aktenkoffer im Hotelsafe verwahrt. Er war so geistesgegenwärtig, sich unter dem Namen einzutragen, der in Cactus' drittem falschen Paß stand. Falls man ihn suchte, dann unter dem Namen, den er im Regent angegeben hatte; sonst gab es keinen Anhaltspunkt.

Er überquerte die Salisbury Road, nahm den Personalaufzug, ging schnell in sein Zimmer und packte die wenigen Kleidungsstücke, die er brauchte, in die Flugtasche. Aber er gab das Zimmer im Regent nicht auf. Falls man ihn suchte, so sollten sie das dort tun, wo er nicht war.

Im Peninsula angekommen, hatte er Zeit, etwas zu essen und bis zum Einbruch der Dunkelheit in ein paar Läden herumzustöbern. Wenn es dann dunkel war, würde er in der Ummauerten Stadt sein - vor neun Uhr dreißig. Jason Borowski gab die Befehle, und David Webb befolgte sie.

Die Ummauerte Stadt von Kowloon besitzt keine sichtbare Mauer, die sie umgibt, ist aber doch so klar und eindeutig umgrenzt, als ob die Mauer eine harte, hohe Stahlwand wäre. Man spürt das sofort, wenn man den überfüllten Markt unter freiem Himmel sieht, der vor den düsteren, heruntergekommenen Wohnungen an der Straßenseite verläuft -einfach Hütten, die aufeinandergetürmt sind und den Eindruck vermitteln, als würde das Ganze jeden Augenblick unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen und nichts als Schutt und Unrat hinterlassen. Und doch, wenn man ein paar Stufen ins Innere der Slums hinuntergeht, scheint dort auch eine Kraft zu walten, die freilich täuscht. Unter dem Straßenniveau führen mit

Kopfsteinpflaster bedeckte Gassen, meistenteils Tunnels, unter zerbrechlichen Bauten hindurch, und in den dreckigen Korridoren mischen sich verkrüppelte Bettler, halbnackte Prostituierte und Drogenhändler im gespenstischen Schein nackter Glühbirnen, die an freiliegenden Drähten an den Steinmauern hängen. Ein faulig-feuchter Dunst liegt über dem Ganzen; alles ist Fäulnis und Verwesung, aber zugleich scheint es, als hätte die Kraft der Zeit diesen Zustand des Verfalls besiegelt, ihn gleichsam eingemeißelt.

Zwischen den schmutzigen Gassen gibt es ohne besondere Ordnung enge, kaum beleuchtete Treppen, die in die heruntergekommenen Wohnbauten führen, die im Durchschnitt drei Stockwerke hoch sind, davon zwei über der Erde. In den kleinen, verkommenen Zimmern sind alle Variationen von Narkotika und Sex käuflich; alles jenseits des Zugriffs der Polizei - eine stumme Übereinkunft aller Betroffenen -, denn nur wenige Behörden der Kronkolonie legen Wert darauf, in die Eingeweide der Ummauerten Stadt einzudringen. Das Ganze ist eine in sich abgeschlossene Hölle.

Draußen, auf dem Markt, der die mit Unrat übersäten Straßen füllt, wo es keinen Verkehr gibt, zwängen sich schmutzige Tische voller Müll und Diebesgut zwischen schmierige Imbißbuden. Dort sieden in riesigen Kesseln, angefüllt mit kochendem Öl, bedenkliche Stücke von Fleisch, Geflügel und Schlangen, die dann mit großen Schöpfkellen herausgeholt und für den sofortigen Verzehr auf Zeitungspapier abgelegt werden. Die Menschenmassen schieben sich im schwachen Licht der Straßenlaternen von einem Händler zum nächsten, feilschen mit schrillen Stimmen, kaufen und verkaufen. Dann gibt es jene unterste Kategorie von Gewerbetreibenden, Männer und Frauen, ohne Tische und Stände, die ihre Ware auf dem Boden ausgelegt haben. Sie kauern hinter einem Tuch mit billigem Schmuck, größtenteils von den Docks gestohlen, und geflochtenen

Käfigen, in denen Käfer oder winzige flatternde Vögel zur Schau gestellt sind.

Nahe dem Eingang zu diesem stinkenden, widerwärtigen Bazar saß, etwas abgesondert, eine muskulös wirkende Frau auf einem niedrigen hölzernen Hocker, die dicken Beine gespreizt, und häutete Schlangen ab und nahm sie aus. Ihre dunklen Augen konzentrierten sich scheinbar ganz auf ihre Arbeit ... auf beiden Seiten von ihr standen Rupfensäcke, die in dauernder Bewegung waren und sich immer wieder aufbäumten, wenn die todgeweihten Reptilien in den Säcken zischend aufeinander losgingen. Mit dem rechten Fuß hielt die Frau eine Königskobra fest, deren jadeschwarzer Körper reglos und aufrecht dastand, der Kopf flach, die kleinen Augen unbewegt und von der sich vorbeischiebenden Menschenmenge hypnotisiert. Wie eine Barrikade schützten der Dreck und der Gestank des Marktes die mauerlose Ummauerte Stadt dahinter.

Jetzt kam am anderen Ende des langen Bazars eine armselig wirkende Gestalt um die Ecke und reihte sich in die Menschenschar ein. Der Mann trug einen billigen, schlecht sitzenden braunen Anzug mit zu weiten Hosen und einem zu großen Jackett, das nur um die nach vorne gebeugten Schultern eng anlag. Ein weicher, breitkrempiger Hut, schwarz und unverkennbar asiatischen Ursprungs, warf Schatten über sein Gesicht. Er bewegte sich langsam, wie es einem zukam, der die verschiedenen Imbißstände studierte und die Waren auf den Tischen begutachtete. Aber nur ein einziges Mal griff er vorsichtig in die Tasche, um etwas zu kaufen. Er hatte etwas Gebeugtes in seiner Haltung, wie ein Mann, den Jahre schwerer Arbeit auf den Feldern oder am Hafen niedergedrückt haben, in denen der Körper, dem so viel abverlangt wurde, nie genügend Nahrung bekommen hatte. Und dann war an diesem Mann eine Traurigkeit, ein Gefühl der Resignation, so als wäre für ihn immer alles zu wenig, zu spät und zu teuer gewesen. Es war die Erkenntnis der Machtlosigkeit, eines lange aufgegebenen

Stolzes, wo es doch nichts gab, worauf man stolz sein konnte; der Preis des Überlebens war zu hoch gewesen. Und dieser Mann, diese gebeugte Gestalt, die sich zögernd eine Zeitungspapiertüte voll gebratener, bedenklicher Fischstücke kaufte, war vielen der Männer auf dem Markt nicht unähnlich -man könnte sagen, er war von ihnen nicht zu unterscheiden. Jetzt trat er auf die muskulöse Frau zu, die gerade die Eingeweide aus einer immer noch zuckenden Schlange riß.