»Wo ist ein Großer?« fragte Jason Borowski auf chinesisch, die Augen auf die reglose Kobra gerichtet. Das Fett aus dem Zeitungspapier floß über seine linke Hand.
»Sie kommen früh«, erwiderte die Frau ausdruckslos. »Es ist dunkel, aber Sie kommen früh.«
»Man hat mich schnell gerufen. Zweifeln Sie an den Anweisungen des Taipan?«
»Beschissener Geizhals! Von wegen Taipan!« stieß sie in kehligem Kantonesisch hervor. »Aber mir kann das ja egal sein. Gehen Sie die Stufen hinter mir nach unten und nehmen Sie die erste Gasse links. Fünfzehn, zwanzig Meter weiter wird eine Hure stehen. Sie wartet auf den weißen Mann und wird ihn zu dem Taipan führen ... Sind Sie der weiße Mann? Das kann ich in diesem Licht nicht sagen, und Ihr Chinesisch ist gut - aber Sie sehen nicht aus wie ein weißer Mann und tragen auch nicht die Kleidung eines weißen Mannes.«
»Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie dann wie ein weißer Mann aussehen wollen und sich wie ein weißer Mann kleiden, wenn man Ihnen sagte, Sie sollen hierherkommen?«
»Ich würde mir wie tausend Teufel Mühe geben, so auszusehen, als käme ich aus Qing Gaoyan!« sagte die Frau und ließ beim Lachen ihre fauligen Zähne sehen. »Ganz besonders, wenn Sie Geld bei sich tragen. Tragen Sie Geld bei sich ... unser Zhongguo ren?«
»Sie schmeicheln mir - nein.«
»Sie lügen. Weiße lügen mit Engelszungen, wenn es um Geld geht.«
»Also gut, dann lüge ich eben. Hoffentlich greift mich Ihre Schlange deswegen nicht an.«
»Sie Idiot! Das ist ein ganz Alter, hat keine Giftzähne mehr. Aber er ist das himmlische Abbild des männlichen Organs. Er bringt mir Geld. Werden Sie mir Geld geben?«
»Für eine Gefälligkeit, ja.«
»Aiya! Wenn Sie diesen alten Körper wollen, müssen Sie eine Axt in der Hose haben! Dann sollten Sie lieber die Hure zerhacken, nicht mich!«
»Keine Axt, nur Worte«, sagte Borowski, und seine rechte Hand glitt in die Hosentasche. Er holte eine Hundert-DollarNote heraus und hielt sie der Schlangenverkäuferin vor das Gesicht, so daß die anderen Kauflustigen sie nicht sehen konnten.
»Aiya - aiya!« flüsterte die Frau, als Jason den Geldschein wieder wegzog; die tote Schlange fiel zwischen ihre dicken Beine.
»Die Gefälligkeit, die ich von Ihnen will«, wiederholte Borowski. »Da Sie dachten, ich wäre einer von Ihnen, nehme ich an, daß andere das auch denken werden. Ich möchte von Ihnen nur, daß Sie jedem, der danach fragt, sagen, der weiße Mann sei nie erschienen. Ist das fair?«
»Fair! Her mit dem Geld!«
»Und die Gefälligkeit?«
»Sie haben Schlangen gekauft! Schlangen! Was weiß ich schon von einem weißen Mann. Er ist nicht aufgetaucht! Hier. Hier ist die Schlange. Jetzt können Sie Liebe machen!« Die Frau nahm den Geldschein und stopfte die Eingeweide, die sie in der anderen Hand hielt, in eine Plastiktüte mit dem Schriftzug eines Modeschöpfers. Christian Dior.
Immer noch gebückt, verbeugte Borowski sich schnell zweimal hintereinander und schob sich rückwärts aus der Menge heraus. Als er weit genug von der Straßenlaterne entfernt war, ließ er den Schlangenkörper in den Rinnstein fallen. Das Zeitungspapier mit dem stinkenden Fisch hielt er immer noch in der Hand, und tat wiederholt so, als würde er daraus essen, während er sich langsam auf die Treppe zu arbeitete und in die dampfenden Eingeweide der Ummauerten Stadt hinunterstieg. Er sah auf die Uhr, wobei ihm ein paar Stücke von dem Fisch aus der Tüte fielen. Es war neun Uhr fünfzehn; bald würden die Streifen des Taipan ihre Posten beziehen.
Er mußte wissen, wie gut die Sicherheitsvorkehrungen des Bankiers waren. Für ihn war wichtig, daß die Lüge, die er dem Scharfschützen in dem verlassenen Büro über dem Hafen aufgetischt hatte, zur Wahrheit wurde. Anstatt beobachtet zu werden, wollte er der Beobachter sein. Jedes Gesicht würde er in seinem Gedächtnis einprägen, jede Rolle in der Kommandostruktur, die Schnelligkeit, mit der die einzelnen Leute unter Druck reagierten, die Kommunikationsgeräte - und ganz besonders wichtig war für ihn, die Schwächen in den Sicherheitsvorkehrungen des Taipan zu entdecken. David begriff, daß Jason Borowski dabei war, die Kontrolle zu übernehmen; in dem, was er tat, war Sinn. Die Nachricht des Bankiers hatte mit den Worten begonnen: Eine Frau für eine Frau ... Daran mußte nur ein Wort verändert werden. Ein Taipan für eine Frau.
Borowski bog in die Gasse zu seiner Linken und ging achtlos an Dingen vorbei, die auch ein Bewohner der Ummauerten Stadt nicht beachtet hätte. Auf einer dunklen Treppe vollführte eine Frau kniend den Akt, für den sie bezahlt wurde, und der Mann über ihr hielt Geld über ihrem Kopf in der Hand; ein junges Paar, ganz offensichtlich zwei Drogensüchtige, der Verzweiflung nahe, bettelten einen Mann in einer teuren schwarzen Lederjacke an; ein kleiner Junge, der eine
Marihuanazigarette rauchte, urinierte gegen die Steinmauer; ein Bettler ohne Beine klapperte auf seinem Räderbett über das Kopfsteinpflaster und sang dabei Bong ngo, bong ngo! - eine Bitte um Almosen; auf einer anderen schwach beleuchteten Treppe bedrohte ein auffallend gekleideter Zuhälter eine seiner Huren, er werde ihr das Gesicht zerschneiden, wenn sie nicht mehr Geld abliefere. David Webb sinnierte, daß er sich nicht gerade in Disneyland befand, während Jason Borowski die Gasse studierte, als handle es sich um eine Kampfzone hinter den feindlichen Linien. Neun Uhr vierundzwanzig. Die Soldaten würden jetzt ihre Posten einnehmen. Der Mann an der Oberfläche und der darunter machten kehrt und gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Die Hure des Bankiers bezog gerade Position; ihre grellrote Bluse war aufgeknöpft und bedeckte kaum ihre kleinen Brüste. Und der traditionelle Schlitz in ihrem schwarzen Rock reichte weit über ihre Schenkel. Sie war eine Karikatur. Der »weiße Mann« durfte keinen Fehler machen. Punkt eins: das
Augenfällige hervorheben. Etwas, das er sich merken mußte; die Gegenseite war nicht gerade subtil. Einige Meter hinter der Hure sagte ein Mann etwas in ein tragbares Funkgerät; jetzt hatte er die Frau erreicht, schüttelte den Kopf und eilte weiter, auf das Ende der Gasse und die Treppen zu. Borowski blieb stehen, sackte noch mehr in sich zusammen und wandte sich der Wand zu. Die Schritte waren jetzt hinter ihm, wurden schneller, eindringlicher, beschleunigten sich. Ein zweiter Chinese erschien und ging an ihm vorbei, ein kleiner Mann in mittleren Jahren in einem dunklen Straßenanzug mit auf Hochglanz polierten Schuhen. Dies war kein Bürger der Ummauerten Stadt; sein Ausdruck war eine Mischung aus Unruhe und Ekel. Ohne auf die Hure zu achten, sah er auf die Uhr und eilte weiter. Der Eindruck, den er vermittelte, war der eines leitenden Angestellten, dem man Pflichten übertragen hat, die er widerlich fand. Ein Firmenangestellter, präzise, ordentlich, profitorientiert, weil Zahlen nicht lügen. Ein Bankangestellter?
Jason studierte die unregelmäßige Reihe von Treppen. Über eine dieser Treppen mußte der Mann gekommen sein. Der Klang seiner Schritte war abrupt gewesen, und er hatte ihn noch nicht lange im Ohr. Dem Tempo nach zu schließen, hatten diese Schritte höchstens zwanzig oder dreißig Meter entfernt begonnen. Auf der dritten Treppe links oder der vierten rechts. In einer der Wohnungen über einer der beiden Treppen erwartete ein Taipan seinen Besucher. Borowski mußte herausfinden, welche Wohnung es war und auf welcher Etage sie lag. Der Taipan mußte überrascht, ja erschreckt werden. Er mußte erkennen, mit wem er sich angelegt hatte und was ihn seine Handlungen kosten würden.