Jason setzte sich wieder in Bewegung, jetzt mit den Schritten eines Betrunkenen; ein altes chinesisches Volkslied kam ihm in den Sinn. »Me U hua cherng zhan lie yue«, sang er leise und stieß sich leicht von der Wand ab, als er sich der Hure näherte. »Ich habe Geld«, sagte er freundlich, mit etwas undeutlich ausgesprochenen chinesischen Worten. »Und du, schöne Frau, hast das, was ich brauche. Wo gehen wir hin?«
»Nirgends, du bekloppter Säufer. Hau ab.«
»Bong ngo! Cheng bong ngo!« kreischte der Bettler ohne Beine und klapperte die Gasse hinunter und stieß gegen die Mauer. »Cheng bong ngo!« schrie er.
»Jau!« kreischte die Frau. »Verschwinde, ehe ich deinen nutzlosen Leib von deinem Brett trete, Loo Mi! Ich hab dir gesagt, du sollst meine Geschäfte nicht stören!«
»Geschäfte? Dieser billige Säufer? Ich besorg dir etwas Besseres!«
»Mit dem hab ich nichts zu schaffen, Herzchen. Lästig ist er mir. Ich warte auf jemanden.«
»Dann hacke ich ihm die Füße ab!« schrie die groteske Gestalt und zog eine Fleischeraxt unter dem Rollbrett hervor.
»Was, zum Teufel, soll das?« brüllte Borowski auf englisch und trat dem Bettler gegen die Brust, so daß der beinlose Mann und sein Brett gegen die Wand prallten.
»Es gibt noch Gesetze!« kreischte der Bettler. »Sie haben einen Krüppel angegriffen! Sie berauben einen Krüppel!«
»Dann zeigen Sie mich doch an«, sagte Jason und wandte sich wieder der Frau zu, während der Bettler sich klappernd die Gasse hinunter entfernte.
»Sie sprechen ... englisch.« Die Hure starrte ihn an.
»Sie auch«, sagte Borowski.
»Sie sprechen chinesisch, aber Sie sind kein Chinese.«
»Im Geist vielleicht doch. Ich habe Sie gesucht.«
»Sie sind der Mann?«
»Der bin ich.«
»Ich bringe Sie zu dem Taipan.«
»Nein. Sagen Sie mir nur, welche Treppe und welche Etage.«
»Das ist gegen meine Anweisungen.«
»Das sind neue Anweisungen vom Taipan. Zweifeln Sie an seinen Anweisungen?«
»Ich muß sie von seinem Mittelsmann bekommen.«
»Dem kleinen Zhongguo ren im dunklen Anzug?«
»Der sagt uns alles. Er bezahlt uns für den Taipan.«
»Wen bezahlt er?«
»Fragen Sie ihn selbst.«
»Der Taipan will es wissen.« Borowski griff in die Tasche und holte ein Bündel zusammengefalteter Geldscheine heraus. »Er hat mir gesagt, ich soll Ihnen zusätzlich Geld geben, wenn
Sie mir helfen. Er glaubt, daß ihn sein Mittelsmann möglicherweise betrügt.«
Die Frau trat einen halben Schritt zurück und preßte sich gegen die Mauer. Ihr Blick wanderte zwischen dem Geld und Borowskis Gesicht hin und her. »Wenn Sie lügen -«
»Warum sollte ich lügen? Der Taipan will mit mir sprechen, das wissen Sie. Sie sollen mich zu ihm bringen. Er hat mir gesagt, daß ich mich so kleiden soll und mich so verhalten, Sie finden und seine Männer beobachten. Wie könnte ich über Sie Bescheid wissen, wenn er es mir nicht gesagt hätte?«
»Droben im Markt. Sie sollten jemanden aufsuchen.«
»Ich bin nicht dort gewesen. Ich bin sofort hier heruntergekommen.« Jason nahm ein paar Scheine aus dem Bündel. »Wir arbeiten beide für den Taipan. Da, er möchte, daß Sie das nehmen und weggehen, aber Sie sollen nicht zur Straße hinaufgehen.« Er hielt ihr das Geld hin.
»Der Taipan ist großzügig«, sagte die Hure und griff nach den Scheinen.
»Welche Treppe?« fragte Borowski und zog das Geld zurück. »Welche Etage? Das wußte der Taipan nicht.«
»Dort drüben«, erwiderte die Frau und wies auf die andere Seite der Gasse. »Die dritte Treppe, erste Etage. Das Geld.«
»Wer steht auf der Lohnliste des Mittelsmannes? Schnell.«
»Die alte Hexe mit den Schlangen und der Dieb, der billige Goldketten aus dem Norden verkauft, und der Mann vom Imbißstand mit dem schmutzigen Fisch.«
»Und das ist alles?«
»Wir reden. Das ist alles.«
»Der Taipan hat recht, er wird betrogen. Er wird Ihnen danken.« Borowski zog einen weiteren Schein aus dem Bündel heraus. »Aber ich möchte fair sein. Wie viele andere außer dem einen mit dem Funkgerät arbeiten noch für den Kopfmann?«
»Noch drei, die haben auch Funkgeräte«, sagte die Hure, die das Geld nicht aus den Augen ließ und deren Hand sich unwillkürlich nach vorne schob.
»Da, nehmen Sie es und gehen Sie. In die Richtung, und ja nicht auf die Straße.«
Die Frau riß die Scheine an sich und rannte die Gasse hinunter. Das Klappern ihrer hohen Absätze war noch zu hören, als ihre Gestalt bereits aus dem schwachen Lichtschein verschwunden war. Borowski wartete noch eine Weile, drehte sich dann um und ging schnell auf die Treppe zu. Er hatte jetzt wieder seine gebeugte Haltung eingenommen und kletterte zur Straße hinauf. Drei Wächter und ein Mittelsmann. Er wußte, was er zu tun hatte, und es mußte schnell geschehen. Es war neun Uhr sechsunddreißig. Ein Taipan für eine Frau.
Den ersten Wachmann fand er, wie er hektisch und mit scharfen, stechenden Handbewegungen auf den Fischhändler einredete. Der Händler schüttelte immer wieder den Kopf. Borowski suchte sich einen kräftig gebauten Mann aus, der neben dem Wächter stand; er stieß den arglosen Zuschauer gegen den Wächter und trat zur Seite, als der zurücktaumelte. In dem kurzen Handgemenge zog Jason den verwirrten Wächter zur Seite, versetzte ihm einen Handkantenschlag gegen die Kehle, stützte ihn, als er umfiel, und versetzte ihm dann einen weiteren Handkantenschlag in den Nacken, ganz oben, wo die Wirbelsäule ansetzt. Dann zerrte er den Bewußtlosen über das Pflaster und entschuldigte sich auf chinesisch bei der Menge für seinen betrunkenen Freund. Er ließ den Mann vor einem Ladeneingang fallen, nahm ihm das Funkgerät weg und zerschmetterte es.
Beim zweiten Mann des Taipan bedurfte es keiner solchen Taktik. Er hatte sich etwas von der Menge abgesetzt und schrie in sein Funkgerät. Borowski ging auf ihn zu. Wie er aussah, wirkte er nicht bedrohlich auf den Wächter. Er streckte die Hand aus, als wäre er ein Bettler. Der Wachmann wehrte ihn mit einer
Handbewegung ab; das war die letzte Geste, an die er sich erinnern würde, denn Borowski packte ihn am Handgelenk, drehte es herum und brach dem Mann den Arm. Vierzehn Sekunden später lag der zweite Wächter des Taipan hinter einem Müllhaufen, den jetzt sein kaputtes Funkgerät krönte.
Der dritte Wächter sprach gerade mit der »alten Hexe«. Borowski stellte befriedigt fest, daß sie ebenso wie der Fischhändler immer wieder den Kopf schüttelte; wenn man die Leute hier ordentlich bestach, dann gab es selbst in der Ummauerten Stadt eine gewisse Loyalität. Der Mann zog sein Funkgerät heraus, bekam aber keine Gelegenheit mehr, es zu benutzen. Jason rannte auf ihn zu, packte die alte, zahnlose Kobra und stieß dem Mann ihren flachen Kopf ins Gesicht. Der Schrei, den er ausstieß, wobei seine Augen sich entsetzt weiteten, reichte Jason Borowski als Reaktion. Er legte ihn lahm, indem er ihm die Nerven in der Kehlpartie abdrückte, und zerrte sein gelähmtes Opfer durch die Menge, immer wieder Entschuldigungen murmelnd, und ließ den bewußtlosen Wächter dann einfach auf dem Pflaster liegen. Er hielt sich das Funkgerät ans Ohr; über den Empfänger kam nichts herein. Es war jetzt neun Uhr vierzig. Blieb nur noch der Mittelsmann.
Der kleine Chinese mit dem teuren Anzug und den auf Hochglanz polierten Schuhen hätte sich am liebsten die Nase zugehalten, während er hin und her rannte und versuchte, seine Männer ausfindig zu machen; jeder körperliche Kontakt mit den Menschenscharen, die sich um die Imbißstände und Auslagen drängten, war ihm widerwärtig. Seine kleine Statur machte es ihm schwer, sich zu orientieren. Borowski beobachtete ihn einige Augenblicke, überholte ihn dann und drehte sich schnell um und trieb dem Mittelsmann des Taipan die Faust in den Unterleib. Als der Chinese zusammenklappte, griff Jason mit dem linken Arm um die Hüfte des Mannes, hob ihn auf und schleppte die schlaffe Gestalt zu einem Stück Bürgersteig, wo zwei Männer am Boden saßen und sich, leicht schwankend, abwechselnd aus einer Flasche bedienten. Er hieb dem Bankangestellten einen Wushu-Schlag über den Nacken und ließ ihn dann zwischen seine beiden neuen Gefährten fallen. Selbst in ihrem benebelten Zustand würden die Betrunkenen bestimmt dafür sorgen, daß ihr neuer Kumpan geraume Zeit nicht mehr zu Bewußtsein kam. Es gab Taschen zu leeren und einen Anzug und ein Paar Schuhe auszuziehen. Das alles würde etwas einbringen, und für Bargeld, gleich wieviel, lohnte sich jede Mühe. Neun Uhr dreiundvierzig.