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Borowski hielt sich jetzt nicht länger geduckt. Das Chamäleon war verschwunden. Er hetzte über die von Menschen wimmelnde Straße, rannte die Stufen hinunter und in die Gasse. Er hatte es geschafft. Er hatte die Leibgarde beseitigt. Ein Taipan für eine Frau! Er erreichte die Treppe - die dritte Treppe an der rechten Mauer - und riß die erstaunliche Waffe heraus, die er dem Waffenhändler in Mongkok abgekauft hatte. So leise ihm das möglich war, und jede Stufe vorher mit dem Fuß erprobend, stieg er in den ersten Stock. Vor der Tür blieb er stehen, hob das linke Bein, spannte alle Muskeln an, achtete darauf, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und trat mit aller Kraft gegen das dünne Holz.

Die Tür flog auf. Er sprang hinein und kauerte sich nieder, die Waffe ausgestreckt.

Er sah sich drei Männern gegenüber, die einen Halbkreis bildeten. Jeder der drei Männer hielt eine Waffe auf seinen Kopf gerichtet. Hinter ihnen saß ein hünenhafter Chinese im weißen Seidenanzug in einem Sessel. Der Mann nickte seinen Leibwächtern zu.

Er hatte verloren. Borowski hatte sich verrechnet, und David Webb würde sterben. Und, was viel qualvoller war, er wußte, daß Maries Tod kurz darauf folgen würde. Sollen sie doch schießen, dachte David. Sollten sie doch abdrücken und ihn aus dieser Qual erlösen! Er hatte das einzige getötet, was in seinem Leben Bedeutung hatte.

»Schießt doch, ihr Schweine! Schießt!«

Kapitel 11

»Willkommen, Mr. Borowski«, sagte der in dem weißen Seidenanzug und winkte seine Wächter weg. »Ich nehme an, Sie sehen ein, daß es logisch ist, wenn Sie jetzt Ihre Waffe auf den Boden legen und von sich wegschieben. Es gibt wirklich keine Alternative. Das wissen Sie.«

Webb sah die drei Chinesen an; der Mann in der Mitte ließ den Hahn seiner Pistole zurückschnappen. David ließ die Waffe fallen und schob sie mit dem Fuß von sich. »Sie haben mich erwartet, nicht wahr?« fragte er leise und richtete sich auf, während der Leibwächter zu seiner Rechten die Waffe aufhob.

»Wir wußten nicht, was wir erwarten sollten - mit Ausnähme des Unerwarteten. Wie haben Sie es geschafft? Sind meine Leute tot?«

»Nein. Sie haben ein paar Schrammen und sind bewußtlos, aber sie sind nicht tot.«

»Erstaunlich. Haben Sie geglaubt, ich wäre allein hier?«

»Man hat mir gesagt, Sie seien mit Ihrem Mittelsmann und noch drei anderen unterwegs. Aber nicht mit sechs. Das kam mir logisch vor. Mehr hätte ich für zu auffällig gehalten.«

»Deshalb sind diese drei Männer schon früher gekommen, um die Vorbereitungen zu treffen. Und dann haben sie dieses Loch nicht mehr verlassen. Sie haben also geglaubt, Sie könnten mich in Ihre Gewalt bringen, als Austausch für Ihre Frau.«

»Es liegt doch auf der Hand, daß sie mit all dem nicht das geringste zu tun hatte. Lassen Sie sie frei; sie kann Ihnen doch gar nichts anhaben. Töten Sie mich, aber lassen Sie sie frei.«

»Pige!« sagte der Bankier und befahl damit zwei Leibwächtern, die Wohnung zu verlassen; sie verbeugten sich und gingen schnell hinaus. »Dieser Mann wird bleiben«, fuhr er fort und wandte sich wieder Webb zu. »Abgesehen von der ungeheuren Loyalität, die er mir entgegenbringt, versteht er kein Wort Englisch.«

»Ich sehe, Sie vertrauen Ihren Leuten.«

»Ich vertraue keinem.« Der Finanzier wies auf einen zerbrechlich wirkenden Holzstuhl auf der anderen Seite des schäbigen Zimmers und ließ dabei eine goldene Rolex an seinem Handgelenk sehen, deren Zifferblatt mit Diamanten besetzt war, passend zu den diamantbesetzten goldenen Manschettenknöpfen. »Setzen Sie sich«, befahl er. »Ich habe gewaltige Anstrengungen unternommen und viel Geld ausgegeben, um dieses Gespräch zustande zu bringen.«

»Ihr Mittelsmann - ich nehme an, es war Ihr Mittelsmann«, sagte Borowski, während er auf den Stuhl zuging und dabei jede Einzelheit des Zimmers musterte, »hat mir geraten, hier keine teure Uhr zu tragen. Ich nehme an, Sie haben nicht auf ihn gehört.«

»Ich bin in einem schmutzigen Lumpen von Kaftan hier angekommen, dessen Ärmel weit genug waren, um sie zu verbergen. Wenn ich mir Ihre Kleider ansehe, dann bin ich sicher, daß das Chamäleon das versteht.«

»Sie sind Yao Ming.« Webb setzte sich.

»Das ist ein Name, den ich benutzt habe. Das verstehen Sie sicherlich. Das Chamäleon hat auch viele Formen und Farben.«

»Ich habe Ihre Frau nicht getötet - und auch den Mann nicht, der bei ihr war.«

»Das weiß ich, Mr. Webb.«

»Was?« David fuhr aus dem Stuhl hoch, und der Leibwächter machte einen Schritt auf ihn zu, die Waffe schußbereit.

»Setzen Sie sich«, wiederholte der Bankier. »Erschrecken Sie meinen ergebenen Freund nicht, sonst könnten wir das beide bedauern, Sie viel mehr als ich.«

»Sie haben gewußt, daß ich es nicht war, und trotzdem haben Sie uns das angetan!«

»Setzen Sie sich bitte schnell wieder hin.«

»Ich will Antwort!« sagte Webb und setzte sich.

»Weil Sie der echte Jason Borowski sind. Deshalb sind Sie hier, und deshalb bleibt Ihre Frau in meinem Gewahrsam, bis Sie das erreicht haben, worum ich Sie bitte.«

»Ich habe mit ihr gesprochen.«

»Das weiß ich. Ich habe es erlaubt.«

»Sie klang ganz anders, als ich sie kenne - selbst wenn man die Umstände bedenkt. Sie ist stark, stärker als ich in diesen scheußlichen Wochen in der Schweiz und in Paris war. Irgend etwas stimmt nicht mit ihr! Steht sie unter Drogeneinfluß?«

»Auf keinen Fall.«

»Ist sie verletzt?«

»Höchstens seelisch angeschlagen, aber sonst in keiner Weise. Aber wenn Sie sich weigern, meinem Wunsch nachzukommen, dann wird man ihr weh tun, und dann wird sie sterben. Muß ich deutlicher werden?«

»Sie sind ein toter Mann, Taipan.«

»Jetzt spricht der wahre Borowski. Das ist sehr gut. Genau das brauche ich.«

»Werden Sie deutlicher.«

»Jemand, der Ihren Namen benutzt, ist hinter mir her«, begann der Taipan, und seine Stimme klang hart und wurde mit jedem Wort eindringlicher. »Und das ist viel schwerwiegender -mögen die Geister mir vergeben - als der Verlust einer jungen Frau. Von allen Seiten, aus allen Bereichen greift mich dieser

Terrorist, dieser neue Jason Borowski an! Er tötet meine Leute, sprengt wertvolle Warenladungen in die Luft und droht anderen Taipans mit dem Tod, wenn sie mit mir Geschäfte machen! Und seine unerhört hohen Honorare werden von meinen Feinden hier in Hongkong und Macao bezahlt. Und selbst aus dem Norden, aus den Provinzen!«

»Sie haben viele Feinde.«

»Ich habe ausgedehnte Interessen.«

»Die hatte angeblich auch der Mann, den ich in Macao nicht getötet habe.«

»Seltsamerweise«, sagte der Bankier, schwer atmend und sichtlich bemüht, sich zu beherrschen, »waren er und ich keine Feinde. In gewissen Bereichen trafen sich unsere Interessen. So hat er auch meine Frau kennengelernt.«

»Wie praktisch. Interessengemeinschaft nennt man das also.«