»Borowski versteht sich sehr gut auf das, was er tut - was er getan hat.«
»Er ist tödlich, Edward!«
»Sie sind aber doch wohl mit ihm fertig geworden.«
»Wobei ich jede Sekunde dachte, daß er das ganze Dreckloch hochgehen läßt! Ich war wie gelähmt. Dieser Mann ist total verrückt. Übrigens, warum soll er sich aus Macao heraushalten?«
»Von dort aus kann er nicht mehr tun als hier. Die Morde haben hier stattgefunden. Die Kunden seines Doppelgängers befinden sich ganz offensichtlich hier in Hongkong und nicht in Macao.«
»Wieder einmal keine Antwort, wie üblich.«
»Dann wollen wir es anders ausdrücken, und soviel zumindest kann ich Ihnen sagen. Sie wissen es ja bereits, nachdem Sie heute diese Rolle gespielt haben. Diese Lüge, wonach die junge Frau unseres imaginären Taipan mit ihrem Liebhaber in Macao ermordet worden ist. Fällt Ihnen dazu etwas ein?«
»Genial ausgedacht«, sagte Lin und runzelte die Stirn. »Man versteht nur wenige Racheakte so leicht wie den alten Satz >Auge um Auge<. In gewissem Sinne ist das die Basis Ihrer Strategie - oder zumindest dessen, was ich davon weiß.«
»Was würde Webb Ihrer Meinung nach tun, wenn er herausfände, daß es sich um eine Lüge handelt?«
»Das kann er nicht. Sie haben doch dafür gesorgt, daß die Spuren verwischt worden sind.«
»Sie unterschätzen ihn. Wenn er einmal in Macao wäre, würde er jedes Stück Unrat zweimal um drehen, um herauszubekommen, wer dieser Taipan ist. Er würde jeden Hotelpagen, jedes Zimmermädchen befragen - wahrscheinlich würde er ein Dutzend Hotelangestellte im Lisboa und den größten Teil der Polizei unter Druck setzen oder bestechen, bis er die Wahrheit erfahren hätte.«
»Aber wir haben seine Frau, und das ist keine Lüge. Er wird dementsprechend handeln.«
»Ja, aber in einer ganz anderen Dimension. Was auch immer er jetzt denkt - und er argwöhnt bestimmt einiges -, er kann es nicht wissen, wenigstens nicht genau. Wenn er aber in Macao zu graben anfängt und die Wahrheit erfährt, dann hat er Beweise, daß seine Regierung ihn getäuscht hat.«
»Was für Beweise?«
»Ein hoher Beamter des Außenministeriums, nämlich ich, hat ihn angelogen. Und das wäre nicht das erstemal, daß man ihn betrogen hat.«
»Soviel wissen wir.«
»Ich möchte, daß an der Paßkontrolle in Macao einer unserer Leute sitzt - rund um die Uhr. Stellen Sie Leute ein, denen Sie vertrauen können, und geben Sie ihnen Fotos, aber keine Informationen. Bieten Sie dem, der ihn entdeckt und Sie anruft, eine Sonderprämie an.«
»Das läßt sich machen, aber er würde dieses Risiko nicht eingehen. Er glaubt, daß die Chancen gegen ihn stehen. Ein Informant im Hotel oder im Polizeihauptquartier, und seine Frau stirbt. Er würde dieses Risiko nicht eingehen.«
»Und wir können dieses Risiko erst recht nicht eingehen, so klein es auch sein mag. Wenn er herausbekäme, daß er wieder benutzt wird - wieder betrogen -, dann könnte er durchdrehen und Dinge tun und sagen, die für uns alle unvorstellbare Konsequenzen haben könnten. Offen gestanden, wenn er nach Macao ginge, könnte er statt einer Trumpfkarte zu einer schrecklichen Belastung werden.«
»Liquidation?« fragte der Major nur.
»Ich kann dieses Wort nicht benutzen.«
»Ich glaube auch nicht, daß Sie das tun müssen. Ich war sehr überzeugend. Ich habe mit der Faust auf die Sessellehne geschlagen und wirkungsvoll die Stimme erhoben. >Ihre Frau wird sterben!< habe ich geschrien. Er hat mir geglaubt. Ich hätte mich für die Oper ausbilden lassen sollen.«
»Sie haben Ihre Sache gut gemacht.«
»Eine Vorstellung, die Akim Tamiroffs würdig gewesen wäre.«
«Wer ist das?«
»Bitte. Ich hab das am Tor schon einmal durchgemacht.«
»Wie bitte?«
»Vergessen Sie es. In Cambridge hat man mir gesagt, daß ich Leuten wie Ihnen begegnen würde. Ich hatte einen Dozenten in asiatischer Geschichte, der hat mir gesagt, daß Sie einfach nicht loslassen können, keiner von Ihnen. Sie bestehen darauf, Geheimnisse zu bewahren, weil die Zhongguo ren minderwertig sind, weil sie nichts kapieren. Ist das hier der Fall, yang quizi?«
»Du lieber Gott, nein.«
»Was machen wir dann? Das, was auf der Hand liegt, verstehe ich. Wir rekrutieren einen Mann, der in der einmaligen Position ist, einen Killer zu jagen, weil der Killer in seine Maske geschlüpft ist - in die Maske des Mannes, der er einmal war. Aber warum der ganze Aufwand - seine Frau entführen, uns in die Sache hineinziehen lassen, diese komplizierten und offen gestanden gefährlichen Spiele, die wir hier treiben? Ehrlich gesagt, Edward, als Sie mir mit dieser Räuberpistole gekommen sind, habe ich selbst in London rückgefragt. >Befolgen Sie die Anweisungen< haben die immer wieder gesagt. >Und bewahren Sie Stillschweigen, das ist das Allerwichtigste.< Nun, wie Sie selbst vor einer Weile sagten, das reicht einfach nicht. Wir müßten mehr wissen. Wie kann unsere Abteilung ohne Wissen Verantwortung übernehmen?«
»Für den Augenblick liegt die Verantwortung bei uns, treffen wir die Entscheidungen. London hat dem zugestimmt, und das hätte man bestimmt nicht getan, wenn wir die Engländer nicht davon überzeugt hätten, daß es so am besten ist. Das Wissen muß sich auf einige wenige beschränken, es darf einfach keine undichten Stellen geben. Übrigens, das hat London so formuliert.« McAllister beugte sich vor und krampfte die Hände ineinander, daß die Knöchel weiß hervortraten. »Soviel will ich Ihnen sagen, Lin. Mir wäre es lieber, wenn wir diese
Verantwortung nicht hätten, schon gar nicht ich. Nicht daß ich die letzten Entscheidungen treffe.
Aber am liebsten würde ich überhaupt keine Entscheidung treffen. Ich bin dazu nicht qualifiziert.«
»Das würde ich nicht sagen, Edward. Sie sind einer der gründlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Das haben Sie vor zwei Jahren bewiesen. Sie sind ein brillanter Analytiker. Sie brauchen selbst nicht über die Erfahrung zu verfügen, solange Sie Ihre Befehle von jemandem bekommen, der diese Erfahrung hat. Sie müssen nur verstehen und überzeugt sein -und daß Sie überzeugt sind, lese ich aus Ihrem besorgten Gesicht. Sie werden schon das Richtige tun, wenn Sie den Auftrag dazu bekommen.«
»Jetzt müßte ich mich wohl bei Ihnen bedanken.«
»Was Sie wollten, ist heute abend erledigt worden. Sie werden bald wissen, ob Ihr wiederentdeckter Jäger noch über sein Geschick von früher verfügt. In den nächsten Tagen können wir die Ereignisse im Auge behalten. Aber mehr können wir nicht. Wir haben die Dinge jetzt nicht mehr in der Hand. Borowski hat seine gefährliche Reise begonnen.«
»Dann hat er die Namen?«
»Die authentischen Namen, Edward. Die miesesten Mitglieder der Unterwelt von Hongkong und Macao - Söldner, die Befehle ausführen, Hauptleute, die Kontrakte arrangieren, alles gefährliche, gewalttätige Burschen. Wenn es im Territorium Leute gibt, die etwas über den Doppelgänger des Killers wissen, dann wird man sie auf dieser Liste finden.«
»Dann starten wir Phase zwei. Gut.« McAllister löste die Hände voneinander und sah auf die Uhr. »Du liebe Güte, ich hatte keine Ahnung, wie spät es ist. Das war ein langer Tag für Sie. Sie hätten die Uhr und die Manschettenknöpfe wirklich heute nicht mehr zurückzubringen brauchen.«
»Das wußte ich.«
»Warum haben Sie es dann getan?«
»Ich möchte Sie nicht noch mehr belasten, aber möglicherweise haben wir ein Problem am Hals, mit dem wir nicht gerechnet haben. Zumindest eines, das wir nicht in Betracht gezogen hatten, was vielleicht unklug war.«