Zwei Minuten später ging die Tür auf, und eine Chinesin, Mitte Vierzig, trat ein. Ihre Schwesternuniform war gestärkt und
makellos. »Was kann ich für Sie tun, meine Liebe?« sagte sie freundlich, in stark akzentuiertem Englisch.
»Ich bin schrecklich müde, aber es fällt mir furchtbar schwer einzuschlafen. Dürfte ich eine Tablette bekommen, die mir dabei hilft?«
»Ich frage Ihren Arzt, er ist noch hier. Bestimmt hat er nichts dagegen.« Die Schwester ging, und Marie stieg aus dem Bett. Sie ging zur Tür, und das schlecht sitzende Krankenhausnachthemd rutschte ihr über die linke Schulter. Die Klimaanlage und der Schlitz im Rücken ließen sie frösteln. Sie öffnete die Tür und erschreckte den muskulösen jungen Wachmann, der rechts vor der Tür auf einem Stuhl saß.
»Ja, Mrs ...?« Der Mann sprang auf.
»Schsch!« befahl Marie, den Zeigefinger auf den Lippen. »Kommen Sie herein! Schnell!«
Verwirrt folgte der junge Chinese in das Zimmer. Sie ging schnell zum Bett und stieg wieder hinein, zog aber die Decke nicht hoch. Sie schob die rechte Schulter etwas vor; das Nachthemd glitt herunter, kaum noch von ihren Brüsten festgehalten.
»Kommen Sie her!« flüsterte sie. »Niemand darf hören, was ich Ihnen sage.«
»Was ist denn, Lady?« fragte der Wachmann, bemüht, ihre Blöße nicht zu sehen; den Blick auf ihr Gesicht und ihr langes kastanienbraunes Haar gerichtet. Er trat ein paar Schritte vor, hielt aber immer noch Distanz. »Die Tür ist geschlossen. Niemand kann Sie hören.«
»Ich möchte, daß Sie -« Ihre Stimme wurde so leise, daß er nichts mehr hören konnte.
»Nicht mal ich kann Sie hören, Lady.« Der Mann trat näher.
»Sie sind von meinen Bewachern der netteste. Sie sind sehr freundlich zu mir gewesen.«
»Ich hatte keinen Grund, unfreundlich zu sein.«
»Wissen Sie, warum man mich hier festhält?«
»Zu Ihrer eigenen Sicherheit«, log der Wachmann mit ausdruckslosem Gesicht.
»Ich verstehe.« Marie hörte, wie draußen Schritte näher kamen. Sie wälzte sich im Bett herum und das Nachthemd rutschte nach oben, so daß jetzt auch ihre Beine entblößt waren. Die Tür ging auf, und die Schwester trat ein.
»Oh?« Die Chinesin war verblüfft. Was sie gesehen hatte, war in ihren Augen zweifellos ein widerwärtiges Schauspiel. Sie sah den verlegenen Wachmann an, während Marie sich bedeckte. »Ich habe mich schon gewundert, weshalb Sie nicht draußen sind.«
»Die Lady wollte mit mir sprechen«, erwiderte der Mann und trat zurück.
Die Schwester warf Marie einen schnellen Blick zu. »Ja?«
»Wenn er das sagt.« -
»Das ist doch Unsinn«, sagte der muskulöse Wachmann und ging zur Tür und öffnete sie. »Der Lady geht es nicht gut«, fügte er hinzu. »Sie ist nicht recht im Kopf. Sie redet Unsinn.« Er ging zur Tür hinaus und schloß sie fest hinter sich.
Wieder sah die Schwester Marie an, und ihr Blick war jetzt fragend. »Ist auch alles in Ordnung?« fragte sie.
»Ich bin recht im Kopf, und ich rede auch keinen Unsinn. Aber ich tue, was man mir sagt.« Marie hielt inne und fuhr dann nach kurzer Pause fort: »Wenn dieser Hüne von einem Major das Krankenhaus verläßt, dann kommen Sie doch bitte zu mir. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
»Es tut mir leid, aber das darf ich nicht. Sie brauchen Ruhe. Hier, ich habe ein Beruhigungsmittel für Sie. Wasser haben Sie ja.«
»Sie sind eine Frau«, sagte Marie und starrte die Schwester durchdringend an.
»Ja«, sagte die Chinesin nur und stellte einen winzigen Papierbecher mit einer Tablette auf Maries Nachttisch und ging zur Tür zurück. Sie warf ihrer Patientin einen letzten fragenden Blick zu und verließ das Zimmer.
Marie stieg aus dem Bett und ging lautlos zur Tür. Sie legte das Ohr an die Metallfüllung; draußen im Korridor war gedämpft ein schneller Wortwechsel zu hören, offensichtlich in chinesischer Sprache. Was auch immer dort gesprochen wurde und zu welchem Ergebnis auch immer das kurze, erregte Gespräch kam, sie hatte die Saat des Zweifels gesät. Konzentriere dich auf das Sichtbare, hatte Jason Borowski immer wieder betont, während der Hölle, die sie in Europa erlebt hatten. Das ist wirksamer als alles andere. Auf der Grundlage dessen, was sie sehen, werden die Leute viel bereitwilliger die Schlüsse ziehen, die du willst, als wenn du ihnen noch so überzeugende Lügen auftischst.
Sie ging zum Kleiderschrank und machte ihn auf. Die paar Sachen, die sie für sie in Hongkong gekauft hatten, hatten sie in dem Appartement gelassen, aber die Hose, die Bluse und die Schuhe, die sie an dem Tag getragen hatte, als man sie ins Krankenhaus gebracht hatte, waren da; niemand war es in den Sinn gekommen, sie zu entfernen. Warum auch? Sie konnten schließlich selbst sehen, daß sie sehr krank war. Das Zittern und die Krämpfe hatten sie überzeugt; alle sahen sie es. Jason Borowski würde das verstehen. Sie blickte auf das weiße Telefon auf dem Nachttisch. Es war sehr klein, die Tasten mit den Ziffern waren in den Hörer eingebaut. Sie überlegte, obwohl es niemanden gab, den sie hätte anrufen können. Sie ging an den Tisch und griff nach dem Telefon. Aber - wie nicht anders zu erwarten - es war tot. Es gab den Klingelknopf für die Schwester, das war alles, was sie brauchte, und alles, was man ihr erlaubte.
Sie ging ans Fenster und hob den weißen Vorhang etwas an, nur um die Nacht zu begrüßen. Die atemberaubenden farbigen Lichter Hongkongs erleuchteten den Himmel, und sie war näher am Himmel als am Boden. Wie David sagen würde - oder besser Jason: So sei es. Die Tür. Der Korridor.
So sei es.
Sie trat an das Waschbecken. Die Zahnbürste und die Zahnpasta, die das Krankenhaus gestellt hatte, waren noch in Plastik verpackt; auch die Seife war noch jungfräulich, in der Originalverpackung, mit der Garantie auf Reinheit, reiner als der Hauch von Engeln.
Daneben lag das Badezimmer; auch nichts Besonderes; nur ein Behälter mit Damenbinden und einer Aufschrift in vier Sprachen, was man mit ihnen nicht tun solle. Sie ging ins Zimmer zurück. Was suchte sie? Was auch immer es war, sie hatte es nicht gefunden.
Studiere alles. Du wirst etwas finden, das du brauchen kannst. Jasons Worte, nicht Davids. Und dann sah sie es.
Manche Krankenhausbetten - und dies war eines davon -haben einen Griff am Sockel, mit dem man das Bett hochstellen oder senken kann, je nachdem, in welche Richtung man ihn dreht. Diesen Griff kann man entfernen, wenn ein Patient intravenös ernährt wird oder wenn ein Arzt ihn in einer bestimmten Lage festhalten möchte, zum Beispiel im Falle eines Streckverbandes. Die Schwester kann diesen Griff abschrauben. Das geschieht häufig in der Besuchszeit, um zu verhindern, daß Besucher die Lage des Patienten gegen den Wunsch des Arztes verändern. Marie kannte diese Art von Betten und auch diesen Griff. Als David sich von den Verletzungen erholte, die ihm in Treadstone 71 zugefügt worden waren, wurde er intravenös ernährt; sie hatte den Schwestern zugeschaut. Die Schmerzen ihres künftigen Ehemannes waren schlimmer, als sie ertragen konnte, und die Schwestern spürten offenbar, daß sie, in dem