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Plötzlich kam ein Wagen auf den Parkplatz gerast und bremste mit quietschenden Reifen vor der Tür zur Notaufnahme. Marie richtete sich auf und spähte durch die Wagenfenster. Der hünenhafte chinesische Major und der kalte, sachliche Arzt sprangen aus dem Wagen und liefen auf den Eingang zu. Als sie durch die Tür verschwanden, rannte Marie vom Parkplatz auf die Straße.

Sie ging stundenlang, machte Station in einem Schnellimbiß, wo sie sich vollstopfte, bis sie keinen Hamburger mehr sehen konnte. Dann ging sie in die Damentoilette und betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte abgenommen und dunkle Ringe unter den

Augen, aber sie war noch sie selbst. Bloß das verdammte Haar! Sie würden ganz Hongkong nach ihr absuchen, und ihre Größe und ihr Haar würden die wichtigsten Punkte jeder Beschreibung sein. Am ersten Punkt konnte sie wenig ändern, dafür um so mehr am zweiten. In einer Drogerie kaufte sie Haarnadeln und Spangen. Dann erinnerte sie sich an das, worum Jason sie in Paris gebeten hatte, als ihr Foto in den Zeitungen erschienen war. Sie kämmte sich das Haar straff nach hinten, band es zu einem Knoten zusammen und steckte sich die Seitenpartien am Kopf fest. Das Ergebnis war ein viel strengeres Gesicht, was durch ihren Gewichtsverlust und das fehlende Make-up noch betont wurde. So hatte es Jason - David - in Paris haben wollen ... Nein, überlegte sie, das in Paris war nicht David gewesen. Das war Jason Borowski. Und es war Nacht, wie damals in Paris.

»Warum tun Sie das, Miss?« fragte eine Verkäuferin, die neben dem Spiegel an der Kosmetiktheke stand. »Sie haben so hübsches Haar, sehr schön.«

»Oh? Ich bin es einfach leid, es immer bürsten zu müssen. Das ist alles.«

Marie verließ die Drogerie, kaufte von einem Straßenhändler flache Sandalen und von einem anderen eine imitierte Gucci-Handtasche - die G's standen auf dem Kopf. Jetzt hatte sie noch dreihundert Hongkong-Dollar übrig und keine Ahnung, wo sie die Nacht verbringen sollte. Zum Konsulat zu gehen, war es sowohl zu spät als auch zu früh. Eine Kanadierin, die nach Mitternacht dort eintraf und um eine Liste des im Konsulat beschäftigten Personals bat, würde Mißtrauen auslösen; außerdem hatte sie noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie sie die Bitte vorbringen sollte. Wohin also gehen? Sie brauchte Schlaf. Unternimm nichts, wenn du müde oder erschöpft bist. Die Gefahr, einen Fehler zu machen, ist dann zu groß. Ruhe ist eine Waffe. Vergiß das nicht.

Sie kam an einer Arkade vorbei, die gerade im Begriff war zu schließen. Ein junges amerikanisches Paar in Bluejeans feilschte mit dem Besitzer eines T-Shirt-Standes.

»Hey, jetzt kommen Sie schon, Mann«, sagte der junge Mann. »Sie wollen doch heute abend noch etwas verkaufen, oder nicht? Ich meine, Sie verdienen dann ein bißchen weniger, aber immerhin sind das ein paar dineros in Ihrer Tasche, stimmt's?«

»Keine dineros«, schrie der Händler grinsend, »nur Dollars, und davon bieten Sie mir zu wenig! Ich habe Kinder. Sie stehlen ihnen das kostbare Essen vom Mund!«

»Wahrscheinlich gehört ihm ein Restaurant«, sagte das Mädchen.

»Sie wollen Restaurants? Echtes chinesisches Essen?«

»Herrje, du hast recht, Lacy!«

»Mein dritter Vetter väterlicherseits hat einen Imbißstand zwei Straßen von hier. Ganz nahe, ganz billig, sehr gut.«

»Vergessen Sie's«, sagte der Junge. »Vier Dollar, US, für die sechs T-Shirts. Nehmen Sie's oder lassen Sie's bleiben.«

»Ich nehme es. Nur weil Sie zu stark für mich sind.« Der Händler griff nach den Geldscheinen, die der Amerikaner ihm hinhielt, und stopfte die T-Shirts in eine Papiertüte.

»Du bist großartig, Buzz.« Das Mädchen küßte ihn auf die Wange. »Er macht trotzdem noch vierhundert Prozent Profit.«

»Das ärgert mich so an euch Betriebswirten! Ihr habt einfach keinen Sinn für Ästhetik. Für das Jagdfieber, für die Freude am Wortwechsel!«

»Wenn wir je heiraten, werde ich dich den Rest meines Lebens ernähren müssen, du großer Geschäftsmann.«

Gelegenheiten werden sich bieten. Du mußt sie erkennen und schnell handeln. Marie ging auf die zwei Studenten zu.

»Bitte entschuldigen Sie«, sagte sie, hauptsächlich dem Mädchen zugewandt. »Ich habe Sie reden hören -« »War ich nicht großartig?« unterbrach sie der junge Mann.

»Sehr wortgewandt«, erwiderte Marie. »Aber ich fürchte, daß Ihre Freundin recht hat. Diese T-Shirts haben ihn ganz bestimmt weniger als fünfundzwanzig Cent das Stück gekostet.«

»Vierhundert Prozent«, sagte das Mädchen und nickte.

»Ich bin von Banausen umgeben!« schrie der junge Mann. »Ich studiere Kunstgeschichte. Eines Tages werde ich das Metropolitan-Museum leiten!«

»Versuch bloß nicht, es zu kaufen«, sagte das Mädchen und wandte sich wieder Marie zu. »Tut mir leid, wir sind nicht verrückt, uns macht das nur einen Riesenspaß. Wir haben Sie unterbrochen.«

»Mir ist das wirklich ausgesprochen peinlich, aber mein Flugzeug hat sich um einen Tag verspätet, und ich habe meine Gruppe nach China verpaßt. Das Hotel ist voll, und jetzt hätte ich gerne -«

»Eine Bleibe brauchen Sie?« unterbrach sie der Kunststudent.

»Ja. Offen gestanden, ich habe nicht allzuviel Geld. Ich bin Handelsschullehrerin und komme aus Maine -Betriebswirtschaft, muß ich leider gestehen.«

»Keine Ursache«, sagte das Mädchen und lächelte.

»Morgen kann ich mich meiner Gruppe anschließen, aber eben leider erst morgen.«

»Wir können Ihnen helfen, nicht wahr, Lacy?«

»Natürlich können wir das. Unser College hat eine Übereinkunft mit der chinesischen Universität von Hongkong.«

»Der Zimmerservice ist zwar nicht besonders, aber der Preis stimmt«, sagte der junge Mann. »Drei US-Dollar pro Nacht. Aber, heiliger Strohsack, die sind vielleicht vorsintflutlich!«

»Er meint, daß sie hier ziemlich puritanisch sind. Die Geschlechter schlafen getrennt.«

»>Boys und Girls zusammen««, sang der Kunststudent. »Den Teufel sind sie!« fügte er dann hinzu.

Marie saß auf der Pritsche in dem riesigen Raum, dessen Decke bestimmt fünfzehn Meter hoch war; wahrscheinlich handelte es sich um eine Turnhalle. Rings um sie junge Frauen, manche schlafend, manche nicht. Die meisten waren still, aber ein paar schnarchten, andere zündeten sich Zigaretten an, und gelegentlich hörte man eine zur Toilette schlurfen, wo die Neonbeleuchtung eingeschaltet war. Sie war unter Kindern, und sie wäre jetzt auch gern ein Kind gewesen, frei von den Schrecken, die überall waren. David, ich brauche dich! Du glaubst, ich sei so stark, aber, Liebling, ich schaffe das nicht! Was soll ich tun? Wie soll ich es tun?

Studiere alles. Du wirst etwas finden, was du gebrauchen kannst. Jason Borowski.

Kapitel 13

Regen peitschte vom Himmel, schlug Krater in den Sand und klatschte gegen die Scheinwerfer, die die bizarren Statuen an der Repulse Bay anstrahlten - riesenhafte Standbilder chinesischer Götter, zornige Götzen Asiens in wütenden Posen, von denen manche bis zu zehn Meter hoch aufragten. Der finstere Strand war verlassen, aber in dem alten Hotel, oben an der Straße, und dem Hamburger-Restaurant, das wie die Faust aufs Auge hierherpaßte, drängten sich Menschenmassen. Es waren Spaziergänger, zufällige Passanten, Touristen ebenso wie Bewohner der Insel, die auf einen abendlichen Drink oder um eine Kleinigkeit zu essen zur Bucht heruntergekommen waren, um von dort aus die drohenden Statuen zu betrachten, die dastanden, als würden sie alle bösen Geister vertreiben, die sonst vielleicht plötzlich aus dem Meer heraussteigen könnten. Der Wolkenbruch hatte die Spaziergänger nach dinnen getrieben.