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Bis auf die Haut durchnäßt, kauerte Borowski in den Sträuchern vor dem Sockel eines besonders wild blickenden Götzenbilds auf halbem Wege zum Strand. Er wischte sich den Regen vom Gesicht und starrte zu den Betonstufen hinüber, die zum Eingang des alten Kolonialhotels führten. Er wartete auf den dritten Namen auf der Liste des Taipan.

Der erste Mann hatte versucht, ihn auf der Star-Fähre, dem vereinbarten Treffpunkt, in die Falle zu locken. Aber Jason, der dieselben Kleider trug wie in der Ummauerten Stadt, hatte die zwei Komplizen des Mannes entdeckt. Es war nicht so leicht, wie nach Männern mit Funkgeräten Ausschau zu halten, aber schwierig war es auch nicht gewesen. Nach der dritten Fahrt quer über das Hafenbecken, als Borowski immer noch nicht an dem vereinbarten Fenster an der Steuerbordseite aufgetaucht war, waren dieselben zwei Männer zweimal an seinem Kontaktmann vorbeigegangen, wobei jeder ein paar Worte sagte und dann wieder Position bezog, ohne den Chef aus dem Auge zu lassen. Jason hatte gewartet, bis die Fähre sich dem Pier näherte und die Passagiere sich in Massen auf die Rampe im Bug zuschoben. Den Chinesen zur Rechten hatte er mit einem Nierenschlag kampfunfähig gemacht, als der in der Menge an ihm vorüberging, und hatte dem Mann dann noch mit dem schweren Briefbeschwerer aus Messing einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt; die Passagiere schoben sich unterdessen in der schwachen Beleuchtung vorbei, ohne etwas zu bemerken. Dann war Borowski quer durch die sich leerenden Bänke zur anderen Seite gegangen, hatte sich vor dem zweiten Mann aufgebaut, ihm die Pistole in den Magen gedrückt und ihn gezwungen, zum Heck zu gehen. Dort hatte er den Mann über die Reling gedrückt und ihn über Bord geschoben, als die Schiffssirene durch die Nacht hallte und die Fähre am Pier von Kowloon anlegte. Dann war er zu seinem Kontaktmann an dem verlassenen Fenster mittschiffs zurückgekehrt.

»Sie haben Wort gehalten«, sagte Jason. »Ich fürchte, ich habe mich verspätet.«

»Sie sind der Mann, der angerufen hat?« Die Augen des Kontaktmannes musterten Borowskis schäbige Kleidung.

»Der bin ich.«

»Sie sehen aber nicht wie ein Mann mit dem Geld aus, das Sie am Telefon erwähnten.«

»Diese Meinung ist Ihr gutes Recht.« Borowski zog ein Bündel amerikanischer Banknoten heraus, lauter Tausender, wie man sehen konnte, als er das Bündel aufklappte.

»Sie sind der Mann.« Der Chinese hatte schnell über Jasons Schulter geblickt. »Was wollen Sie?« fragte der Mann ängstlich.

»Informationen über jemanden, der sich Jason Borowski nennt und für Geld Aufträge annimmt.«

»Da sind Sie an den Falschen geraten.«

»Ich zahle großzügig.«

»Ich habe nichts zu verkaufen.«

»Ich denke doch.« Borowski hatte das Geld weggesteckt und seine Waffe herausgezogen und sich näher an den Mann herangeschoben, während die Passagiere aus Kowloon an Bord strömten. »Sie sagen mir entweder das, was ich wissen möchte, und lassen sich dafür bezahlen, oder Sie werden sich gezwungen sehen, es mir zu sagen, um am Leben zu bleiben.«

»Ich weiß nur eins«, protestierte der Chinese. »Meine Leute würden ihn nicht mit der Feuerzange anfassen!«

»Warum?«

»Das ist nicht derselbe Mann!«

»Was haben Sie gesagt?« Jason hielt den Atem an und behielt den Mann scharf im Auge.

»Er geht Risiken ein, die er früher nie eingegangen wäre.« Wieder blickte der Chinese an Borowski vorbei. Am Haaransatz

brach ihm der Schweiß aus. »Nach zwei Jahren kommt er zurück. Wer weiß, was geschehen ist? Alkohol, Drogen, Krankheiten von Huren, wer weiß?«

»Was meinen Sie mit Risiken?«

»Das meine ich! Er geht in ein Variete in Tsim Sha Tsui - dort war eine Schlägerei, die Polizei war schon unterwegs. Trotzdem geht er hinein und tötet fünf Männer! Man hätte ihn fangen können, die Spur zu seinen Auftraggebern zurückverfolgen! Vor zwei Jahren hätte er so etwas nicht getan.«

»Vielleicht haben Sie die Reihenfolge durcheinandergebracht«, sagte Jason Borowski. »Es könnte doch sein, daß er hineingegangen ist und mit der Schlägerei angefangen hat. Und dann tötet er als jener Mann und geht als ein anderer weg und entkommt in der Verwirrung.«

Der Asiate starrte kurz in Jasons Augen und sah sich dann noch einmal die schäbigen, schlecht sitzenden Kleider des anderen an. Er wirkte jetzt plötzlich viel verängstigter als vorher. »Ja, das könnte sein«, sagte er mit zitternder Stimme, und sein Kopf ruckte nach rechts und gleich darauf nach links.

»Wie kann man diesen Borowski erreichen?«

»Ich weiß es nicht, das schwöre ich bei den Geistern! Warum stellen Sie mir diese Fragen?«

»Wie?« wiederholte Jason und beugte sich so weit vor, daß seine Stirn die des Chinesen berührte. Gleichzeitig drückte seine Waffe gegen den Unterleib des Asiaten. »Sagen Sie mir, wo!«

»Beim Heiland der Christen -«

»Verdammt, den meine ich nicht! Borowski!»

»Macao! Man flüstert, daß er von Macao aus arbeitet. Das ist alles, was ich weiß, das schwöre ich!« Wieder blickte er in seiner Panik nach rechts und links.

»Wenn Sie Ihre zwei Männer suchen, dann können Sie sich die Mühe sparen«, erklärte Jason. »Der eine liegt dort drüben, und der andere kann hoffentlich schwimmen.«

»Diese Männer sind - wer sind Sie?«

»Ich glaube, das wissen Sie«, gab Borowski zur Antwort. »Gehen Sie auf der Fähre nach hinten und bleiben Sie dort. Wenn Sie auch nur einen Schritt nach vorne gehen, ehe wir anlegen, dann ist das Ihr letzter.«

»O Gott, Sie sind

»An Ihrer Stelle würde ich lieber nicht weitersprechen.«

Der zweite Name gehörte zu einer unwahrscheinlichen Adresse, einem Restaurant an der Causeway Bay, das sich auf die klassische französische Küche spezialisiert hatte. Nach Yao Mings kurzen Notizen agierte der Mann dort als Geschäftsführer, war aber in Wirklichkeit der Besitzer, und etliche seiner Kellner konnten ebensogut mit Pistolen wie mit Tabletts umgehen. Die Privatadresse des Kontaktmanns war unbekannt; er führte seine Geschäfte von seinem Restaurant aus, und man argwöhnte, daß er überhaupt keinen festen Wohnsitz hatte. Borowski war ins Peninsula zurückgekehrt, hatte sein Jackett und seinen Hut abgelegt und war mit schnellen Schritten durch die überfüllte Hotelhalle zum Lift geeilt; ein gut gekleidetes Ehepaar hatte sich redlich Mühe gegeben, sich den Schock bei seinem Anblick nicht anmerken zu lassen. Er hatte gelächelt und Nachsicht heischend gemurmelt: »Eine

Schnitzeljagd. Irgendwie albern, nicht wahr?«

In seinem Zimmer angekommen, hatte er sich ein paar Augenblicke lang gestattet, wieder David Webb zu sein. Das war ein Fehler; er konnte es nicht ertragen, Borowskis Gedankengang zu unterbrechen. Ich bin wieder er. Ich muß es sein. Er weiß, was zu tun ist ...! Er hatte den Schmutz der Ummauerten Stadt und die schwüle Feuchtigkeit der Star-Fähre unter der Dusche abgespült, sich den Bartschatten abrasiert und sich für ein spätes französisches Abendessen angekleidet.

Ich werde ihn finden, Marie! Ich schwöre bei Gott, ich werde ihn finden! Das war David Webbs Versprechen, aber Jason Borowski schrie es in seinem Zorn hinaus.

Das Restaurant wirkte eher wie ein exquisiter Speisepalast im Rokokostil auf dem Boulevard Montaigne in Paris als wie ein einstöckiges Gebäude in Hongkong. Von der Decke hingen Kronleuchter mit gedämpftem Licht aus winzigen Glühbirnen; auf den Tischen, die mit dem reinsten Leinen und dem feinsten Silber und Kristall gedeckt waren, flackerten Kerzen.