»Wir haben heute abend leider keinen Tisch mehr frei, Monsieur«, sagte der Maitre d'hotel. Er war der einzige Franzose, der weit und breit zu sehen war.
»Man hat mir gesagt, ich solle nach Jiang Yu fragen und sagen, es sei dringend«, hatte Borowski erwidert und ihm eine Hundert-Dollar-Note gezeigt, US-Dollar natürlich. »Glauben Sie, er könnte etwas finden, wenn das hier ihn findet?«
»Ich werde etwas finden, Monsieur.« Der Mann schüttelte Jason die Hand und nahm dabei das Geld in Empfang. »Jiang Yu ist zwar ein wichtiges Mitglied unserer kleinen Gemeinschaft, aber ich bin derjenige, der die Auswahl trifft.
Comprenez vous?«
»Absolument.«
»Bien! Sie sind ein gut aussehender Mann und wirken kultiviert. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Monsieur.«
Zum Abendessen sollte es nicht kommen; dazu entwickelten sich die Dinge zu schnell. Schon Minuten nachdem sein Drink gebracht worden war, erschien ein schlanker Chinese in schwarzem Anzug an seinem Tisch. Wenn an ihm etwas seltsam war, dachte David Webb, dann seine dunkle Hautfarbe und die auffällig schrägliegenden Augen. Er mußte malaysisches Blut in den Adern haben. Hör auf! befahl Borowski. Das bringt uns nichts!
»Sie haben nach mir gefragt?« sagte der Geschäftsführer und musterte das Gesicht, das zu ihm aufblickte. »Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?«
»Indem Sie zuerst einmal Platz nehmen.«
»Es ist ungehörig, sich zu den Gästen zu setzen.«
»Eigentlich nicht. Wo Ihnen das Lokal doch gehört. Bitte, setzen Sie sich.«
»Ist das schon wieder so eine Belästigung vom Finanzamt? In dem Fall hoffe ich, daß Sie Ihr Abendessen genießen. Sie werden es selbst bezahlen müssen. Meine Buchhaltung ist sauber und völlig korrekt.«
»Wenn Sie mich für einen Briten halten, haben Sie nicht richtig zugehört. Und wenn Sie mit >Belästigung< meinen, daß eine halbe Million Dollar langweilig ist, dann können Sie gern verschwinden, dann werde ich mein Abendessen genießen.« Borowski lehnte sich in der Nische zurück und führte mit der linken Hand das Glas zum Mund. Die Rechte war verborgen.
»Wer hat Sie geschickt?« fragte der Halbblutchinese und setzte sich.
»Kommen Sie näher. Ich möchte ganz leise sprechen.«
»Ja, selbstverständlich.« Jiang Yu schob sich auf der Bank weiter, bis er Borowski unmittelbar gegenübersaß. »Ich muß fragen: Wer hat Sie geschickt?«
»Ich muß fragen«, sagte Jason, »mögen Sie amerikanische Filme? Ganz besonders unsere Wildwestfilme?«
»Natürlich. Amerikanische Filme sind schön, und am meisten bewundere ich Ihre Filme aus dem Wilden Westen. So poetisch und so rechtschaffen gewalttätig. Drücke ich mich richtig aus?«
»Ja. Denn Sie treten eben in einem auf.«
»Wie bitte?« »Ich habe hier unter dem Tisch eine ganz besondere Waffe. Sie zielt zwischen Ihre Beine.« Jason hob den Bruchteil einer Sekunde lang das Tischtuch an und zog die Waffe in die Höhe, so daß man den Lauf sehen konnte, schob sie aber dann gleich wieder zurück. »Sie ist mit einem Schalldämpfer ausgestattet, so daß der Schuß wie das Knallen eines Champagnerkorkens klingt
- anfühlen wird er sich nicht so. Liao jie mu?«
»Liao jie ...«, sagte der Asiate und atmete in seiner Angst tief durch. »Gehören Sie zum MI-6?«
»Ich gehöre zu gar niemandem, nur zu mir.«
»Es geht also nicht um eine halbe Million Dollar?«
»Es geht um das, was Ihrer Meinung nach Ihr Leben wert ist.«
»Warum ich?«
»Sie stehen auf der Liste«, antwortete Borowski, der Wahrheit entsprechend.
»Für die Exekution?« flüsterte der Chinese mit verzerrtem Gesicht.
»Das hängt von Ihnen ab.«
»Ich muß Sie dafür bezahlen, daß Sie mich nicht töten?«
»In gewissem Sinne ja.«
»Ich habe keine halbe Million Dollar in der Tasche! Auch nicht hier im Restaurant!«
»Dann bezahlen Sie mich mit etwas anderem.«
»Was? Wieviel? Sie machen mich ganz konfus!«
»Informationen anstelle von Geld.«
»Was für Informationen?« fragte der Chinese, dessen Furcht in Panik umschlug. »Was für Informationen sollte ich denn haben? Warum kommen Sie zu mir?«
»Weil Sie mit einem Mann zu tun haben, den ich finden will. Dem bezahlten Killer, der sich Jason Borowski nennt.«
»Nein! Mit dem hatte ich niemals zu tun!«
Die Hände des Asiaten begannen zu zittern. Die Adern an seinem Hals pochten, und seine Augen lösten sich das erstemal von Jasons Gesicht. Der Mann hatte gelogen.
»Sie sind ein Lügner«, sagte Borowski leise und schob den rechten Arm noch weiter unter den Tisch, indem er sich vorbeugte. »Sie haben die Verbindung in Macao hergestellt.«
»Macao, ja! Aber keine Verbindung. Das schwöre ich beim Grab meiner Familie!«
»Sie sind nahe daran, Ihren Magen und Ihr Leben zu verlieren. Man hat Sie nach Macao geschickt, um mit ihm Verbindung aufzunehmen!«
»Man hat mich geschickt, aber ich habe ihn nicht erreicht!«
»Dann beweisen Sie es mir. Wie sollten Sie Kontakt aufnehmen?«
»Der Franzose. Ich sollte auf der obersten Stufe der ausgebrannten Basilika von St. Paul auf der Calcada stehen. Ich sollte ein schwarzes Tuch um den Hals tragen, und wenn ein Mann auf mich zukam und eine Bemerkung über die Schönheit der Ruinen machte, sollte ich die folgenden Worte sagen: >Kain ist für Delta<. Und wenn er darauf antwortete >Und Carlos ist für Kain<, sollte ich ihn als Verbindungsmann zu Jason Borowski akzeptieren. Aber ich schwöre Ihnen, er ist nie -«
Was der Mann noch sagte, hörte Borowski nicht. In seinem Kopf gab es ein Stakkato von Explosionen; sein Bewußtsein wurde in die Vergangenheit zurückgeschleudert. Blendend weißes Licht erfüllte seine Augen, und der Lärm war unerträglich, das Krachen. Kain ist für Delta, und Carlos ist für Kain ... Kain ist für Delta! Delta eins ist Kain! Medusa bewegt sich; die Schlange streift ihre Haut ab. Kain ist in Paris und Carlos wird ihm gehören! Das waren die Worte, die Codes, die Herausforderung, die dem Schakal entgegengeschleudert wurden. Ich bin Kain, und ich bin überlegen, und ich bin hier! Komm, finde mich, Schakal. Ich fordere dich heraus, Kain zu finden, denn er tötet besser als du. Es wäre besser für dich, wenn du mich findest, ehe ich dich finde, Carlos. Du bist Kain nicht gewachsen!
Du großer Gott! War es denn möglich, daß jemand auf der anderen Seite der Welt jene Worte kannte - konnte er sie kennen? Die waren doch in den tiefsten Archiven eingeschlossen! Sie waren die direkte Verbindung zu Medusa!
Fast hätte Borowski den Abzug der unsichtbaren Pistole betätigt, so plötzlich war der Schock dieser unglaublichen Enthüllung. Er zog den Zeigefinger zurück, legte ihn neben den Abzug; fast hätte er jetzt einen Mann dafür getötet, daß er ihm eine außergewöhnliche Information geliefert hatte. Aber wie war das möglich, wie konnte es dazu gekommen sein? Wo war die Verbindung zu dem neuen »Jason Borowski«? Und wer war es, der solche Dinge wußte?!
Er mußte ruhiger werden, das wußte er. Sein Schweigen verriet ihn, verriet sein Erstaunen. Der Chinese starrte ihn an; der Mann schob seine Hand langsam an den Nischenrand. »Ziehen Sie die Hand zurück, oder ich jage Ihnen eine Kugel in die Eier.«
Die Schulter des Asiaten zuckte in die Höhe, und seine Hand lag wieder auf dem Tisch. »Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt«, erklärte er. »Der Franzose ist nie zu mir gekommen. Wenn er gekommen wäre, würde ich Ihnen alles sagen. Das würden Sie an meiner Stelle auch. Ich schütze mich nur selbst.«