Borowski starrte den Mann an. Er steckte die Waffe in den Gürtel zurück, packte den Mann am Arm und stieß ihn nach rechts. »Seien Sie still. Kommen Sie mit.«
Neunzig Sekunden später waren Jason und der Chinese durch das triefend nasse Unterholz bis zu einer Stelle etwa sechs Meter westlich von dem massiven Götzenbild gekrochen. Der Regen prasselte so laut herunter, daß sie keine Sorge zu haben brauchten, man könnte sie hören. Plötzlich packte Borowski den Chinesen an der Schulter. Vor ihnen war jetzt der Späher zu sehen; geduckt lauerte er neben dem Fußweg, eine Waffe in der Hand. Einen Augenblick lang fiel das Licht des Scheinwerfers auf ihn, es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber es reichte. Borowski sah den Chinesen an.
Der war verblüfft. Er konnte den Blick nicht von der Stelle wenden, wo der Mann in dem Regenmantel gewesen war. Er war entsetzt, das konnte man an seinem starren Blick ablesen. »Sie«, flüsterte er. »Jiägian!«
»Mit knappen englischen Worten«, sagte Jason halblaut im Regen, »dieser Mann ist ein Henker?«
»Shi!... Ja.«
»Sagen Sie, was haben Sie mir gebracht?«
»Alles«, antwortete der Chinese, immer noch starr vor Schrecken. »Die Anzahlung, die Anweisungen ... alles.«
»Ein Klient schickt kein Geld, wenn er vorhat, den Mann zu töten, den er anheuert.«
»Ich weiß«, sagte der Chinese leise und nickte und schloß dann die Augen. »Mich wollen die töten.«
Was er zu Liang auf dem Hafenweg gesagt hatte, war prophetisch gewesen, dachte Borowski. Das ist keine Falle für mich ... sie gilt Ihnen. Sie haben Ihren Auftrag erledigt, und die können sich nicht leisten, daß es Spuren gibt. Die können sich Sie nicht länger leisten.
»Oben im Hotel ist noch einer. Ich habe gesehen, wie sie einander mit Taschenlampen Signale gaben. Deshalb konnte ich Ihnen ein paar Minuten lang nicht antworten.«
Der Asiate drehte sich um und sah Jasori an; in seinem Blick war keine Spur von Selbstmitleid. »Das sind die Risiken meines Berufes«, sagte er ruhig. »Ich werde also zu meinen Ahnen eingehen, wie man in meinem albernen Volk sagt, und ich hoffe, daß die nicht so albern sind. Hier.« Der Mann griff in die Innentasche und zog einen Umschlag heraus. »Hier ist alles.«
»Haben Sie es überprüft?«
»Nur das Geld. Es ist alles da. Ich hätte mich nicht mit dem Franzosen getroffen, ohne das bei mir zu haben, was er gefordert hat, und den Rest will ich nicht wissen.« Plötzlich sah der Mann Borowski scharf an und kniff dann die Augen zusammen. »Aber Sie sind gar nicht der Franzose!«
»Ganz ruhig«, sagte Jason. »Das ist für Sie heute abend alles sehr schnell gegangen.«
»Wer sind Sie?«
»Jemand, der Ihnen einfach klargemacht hat, wo Sie stehen. Wieviel Geld haben Sie gebracht?«
»Dreißigtausend US-Dollar.«
»Wenn das erst die Anzahlung ist, muß es sich um einen sehr wichtigen Menschen handeln.«
»Ja, das nehme ich an.«
»Behalten Sie es.«
»Was? Was sagen Sie da?«
»Ich bin nicht der Franzose, wissen Sie noch?«
»Ich verstehe nicht.«
»Ich will nicht einmal die Instruktionen haben. Ich bin sicher, daß jemand mit Ihren beruflichen Fähigkeiten einen Vorteil aus diesen Instruktionen ziehen kann. Ein Mann zahlt gut für Informationen, die ihm helfen; und für sein Leben zahlt er noch eine Menge mehr.«
»Warum tun Sie das?«
»Weil das alles nichts mit mir zu tun hat. Mich interessiert nur eines. Ich will den Mann haben, der sich Borowski nennt, und habe keine Zeit zu vergeuden. Sie haben das, was ich gerade angeboten habe, und noch einen Bonus - ich werde Sie lebend hier herausholen, auch wenn ich zwei Leichen hier zurücklassen muß. Das ist mir gleichgültig. Aber Sie müssen mir das geben, was ich am Telefon verlangt habe. Sie haben gesagt, Ihr Klient hätte Ihnen gesagt, der Killer des Franzosen sei anderswo. Wo? Wo ist Borowski?«
»Sie reden so schnell -«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, ich habe keine Zeit! Sagen Sie es mir! Wenn Sie sich weigern, gehe ich weg, und dann bringt Ihr Klient Sie um. Sie können es sich aussuchen.«
»Shenzen«, sagte der Chinese, als hätte er Angst vor dem Namen.
»China? Jemand in Shenzen?«
»Anzunehmen. Mein wohlhabender Klient hat Verbindungen zu der Queen's Road.«
»Was ist das?« »Das Konsulat der Volksrepublik. Ein äußerst ungewöhnliches Visum ist ausgestellt worden. Offenbar sind die höchsten Stellen in Beijing eingeschaltet. Warum das so ist, wußte mein Gewährsmann nicht, und als er die Entscheidung in Frage stellte, ist er sofort aus seiner Abteilung entfernt worden. Das hat er meinem Klienten berichtet. Natürlich gegen Geld.«
»Warum war das Visum so ungewöhnlich?«
»Weil es keine Wartezeit gab und der Antragsteller nicht auf dem Konsulat erschienen ist. Beides ist außergewöhnlich, noch nie dagewesen.«
»Trotzdem, es war nur ein Visum.«
»In der Volksrepublik gibt es so etwas nicht - >nur ein Visumc. Besonders nicht für einen Weißen, der alleine reist und einen fragwürdigen Paß besitzt, der in Macao ausgestellt wurde.«
»Macao?«
»Ja.«
»Und wann ist das Einreisedatum?«
»Morgen. Bei Lo Wu über die Grenze.«
Jason musterte den Chinesen prüfend. »Sie haben gesagt, Ihr Klient hätte Gewährsleute im Konsulat. Haben Sie die auch?«
»Was Sie jetzt denken, wird Sie sehr viel Geld kosten, weil das Risiko sehr groß ist.«
Borowski hob den Kopf und blickte durch den strömenden Regen zu dem von Scheinwerfern angestrahlten Götzenbild hinüber. Etwas hatte sich bewegt; der Späher suchte sein Ziel. »Warten Sie hier«, sagte er.
Die Fahrt im Frühzug von Kowloon zum Grenzkontrollpunkt Lo Wu dauerte nur eine knappe Stunde. Die Erkenntnis, daß er sich in China befand, dauerte keine zehn Sekunden.
Lang lebe die Volksrepublik!
Das Ausrufezeichen war überflüssig, die Grenzposten lebten es. Sie waren steif, unfreundlich, fast rüde, und knallten ihre Gummistempel mit der Wut feindseliger Jugendlicher in die Pässe. Dafür gab es etwas anderes, was dafür entschädigte. Hinter den Grenzwachen stand eine Schar uniformierter junger Frauen lächelnd an ein paar langen Tischen, die mit Prospekten überhäuft waren, die die Schönheit und die Tugenden ihres Landes und seines Systems priesen.
Wenn das Heuchelei war, merkte man es ihnen jedenfalls nicht an.
Borowski hatte dem verratenen, todgeweihten Kontaktmann siebentausend Dollar für das Visum bezahlt. Es war fünf Tage gültig. Als Besuchsgrund stand darauf »geschäftliche Investitionen in der Wirtschaftszone«, und es konnte von der Einwanderungsbehörde von Shenzen verlängert werden, falls er Beweise seiner Investitionen vorlegte und mit ihm ein chinesischer Bankier dort erschien, der das Geschäft vermittelt hatte. In seiner Dankbarkeit hatte der Kontaktmann ihm noch gratis den Namen eines Bankiers in Shenzen genannt, der »Mr. Cruett« ohne Mühe Investitionsmöglichkeiten bescheinigen konnte, wobei besagter Mr. Cruett immer noch im Regent-Hotel in Hongkong gemeldet war. Dann gab es noch einen Bonus von dem Mann, dessen Leben er an der Repulse Bay gerettet hatte: die Beschreibung des Mannes, der mit einem in Macao ausgestellten Paß über den Grenzkontrollpunkt gegangen war. Er war 1,83m groß, 83kg schwer, von weißer Hautfarbe und hatte hellbraunes Haar. Jason hatte sich die Notiz verblüfft angesehen und sich unbewußt der Daten auf dem eigenen Ausweis erinnert: dort stand Gr.: 1,83 m, Gew.: 84kg. Männlich. Haarfarbe: hellbraun. Ein seltsames Gefühl der Furcht machte sich in ihm breit. Nicht die Furcht vor einer Konfrontation; die wünschte er sich sogar, weil er Marie zurückhaben wollte, mehr als alles andere. Nein, es war der Schrecken darüber, daß er für die Erschaffung eines Ungeheuers verantwortlich war. Ein tödlicher Killer, der aus einem tödlichen Virus hervorgegangen war, den er in dem Labor seines Bewußtseins und seines Körpers zur Perfektion herangezüchtet hatte.