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Der Zug, mit dem er Kowloon verlassen hatte, war der erste Zug am Tag gewesen, voll mit Facharbeitern und leitenden Angestellten, denen die Volksrepublik den Zugang zur feien Wirtschaftszone von Shenzen erlaubt hatte, in der Hoffnung, dort ausländische Investoren anzulocken. Bei jedem Halt auf dem Weg zur Grenze, während immer weitere Passagiere zustiegen, war Borowski durch die Waggons gegangen, und sein Blick hatte die weißen Männer gemustert, von denen es, als sie schließlich Lo Wu erreichten, insgesamt nur noch vierzehn gab. Keiner hatte auch nur entfernt der Personenbeschreibung des Mannes aus Macao entsprochen - der Personenbeschreibung, die auch auf ihn zutraf. Der neue »Jason Borowski« würde einen späteren Zug nehmen. Das Original würde auf der anderen Seite der Grenze warten. Und dort wartete er jetzt.

In den vier Stunden, die inzwischen verstrichen waren, hatte er sechzehnmal auf die Fragen des Grenzpersonals geantwortet, daß er auf einen Geschäftskollegen warte; er hatte offensichtlich den Fahrplan falsch verstanden und einen viel zu frühen Zug genommen. Wie es in fremden Ländern, aber ganz besonders in Asien, immer der Fall ist, war die Tatsache, daß ein höflicher Amerikaner sich die Mühe gemacht hatte, ihre Sprache zu lernen, ganz entschieden von Vorteil. Man hatte ihm vier Tassen Kaffee und siebenmal heißen Tee angeboten, und zwei der uniformierten Mädchen hatten ihm kichernd übersüßte chinesische Eiscreme gereicht. Er nahm alles an - alles andere wäre unhöflich gewesen, und da der größte Teil der Viererbande nicht nur das Gesicht, sondern auch den Kopf verloren hatte, war Unhöflichkeit aus der Mode, mit Ausnahme der Grenzwächter.

Es war zehn nach elf. Die Passagiere kamen durch den langen, eingezäunten Korridor unter freiem Himmel, nachdem sie die Paßkontrolle hinter sich gebracht hatten. Hauptsächlich handelte es sich um Touristen, überwiegend Weiße, meist verwirrt und von ehrfürchtigem Staunen darüber erfüllt, daß sie hier waren. In der Mehrzahl waren es kleine Touristengruppen, begleitet von Reiseleitern - je einer aus Hongkong und der Volksrepublik -, die akzeptables Englisch oder Deutsch oder Französisch und etwas widerstrebend Japanisch sprachen, für jene besonders unsympathischen Besucher mit mehr Geld als Marx oder Konfuzius je gehabt hatten. Jason studierte jeden einzelnen weißen Mann. Die vielen, die über einsachtzig groß waren, waren zu jung oder zu alt oder zu stattlich oder zu schmal, oder in ihren limonengrünen oder zitronengelben Hosen zu auffällig, als daß sie der Mann aus Macao hätten sein können.

Augenblick! Dort! Ein älterer Mann in einem beigefarbenen Gabardineanzug, der wie ein mittelgroßer, leicht hinkender Tourist aussah, war plötzlich größer geworden - und jetzt hinkte er auch nicht mehr! Er ging mit schnellen Schritten quer durch die Menschenmenge und rannte auf den riesigen Parkplatz, der mit Bussen und ein paar Taxis angefüllt war, von denen jedes an der Windschutzscheibe eine Plakette trug: zhan - außer Dienst. Borowski rannte hinter dem Mann her, zwängte sich zwischen den Leibern durch, ohne darauf zu achten, wen er beiseite stieß. Das war der Mann - der Mann aus Macao!

»Hey, sind Sie verrückt? Ralph, der hat mich gestoßen!«

»Dann stoß ihn doch auch. Was soll ich denn tun?«

»Etwas unternehmen

»Er ist weg.«

Der Mann in dem Gabardineanzug sprang durch die offene Tür eines Lieferwagens, eines dunkelgrünen Lieferwagens mit getönten Fenstern, der, den chinesischen Schriftzeichen nach zu schließen, der Chutang-Vogelschutzwarte gehörte. Die Türe wurde zugezogen, und das Fahrzeug raste vom Parkplatz auf die Ausfahrt zu. Borowski war verzweifelt; er durfte ihn nicht entkommen lassen! Ein altes Taxi stand zu seiner Rechten. Der Motor nagelte im Leerlauf. Er zog die Tür auf, wurde aber von einem unwilligen Ausruf begrüßt.

»Zhan!« schrie der Fahrer.

»Shima?« brüllte Jason und zog soviel amerikanisches Geld aus der Tasche, daß in der Volksrepublik fünf Jahre lang ein Luxusleben garantiert war.

»Aiya!«

»Zou!« befahl Borowski, sprang auf den Beifahrersitz und deutete auf den Lieferwagen, der sich inzwischen in den Verkehr eingereiht hatte. »Bleiben Sie hinter ihm, dann können Sie Ihr eigenes Geschäft im Grenzgebiet anfangen«, sagte er auf kantonesisch. »Das verspreche ich Ihnen!«

Marie, ich bin so nahe dran! Ich weiß, daß er es ist! Ich werde ihn erledigen! Jetzt gehört er mir! Er ist unsere Rettung!

Der Lieferwagen schoß auf die Straße, bog bei der ersten Ausfahrt nach Süden und vermied damit den großen Platz, der mit Touristenbussen und Scharen von Schaulustigen überfüllt war, wich vorsichtig dem endlosen Strom von Fahrrädern aus. Der Taxifahrer holte den Lieferwagen auf einer primitiven Straße ein, deren Belag mehr aus hartgetretenem Schlamm denn aus Asphalt bestand. Jetzt konnte man das Fahrzeug mit den dunklen Fenstern sehen, wie es vor ihnen vor einem offenen Kistenwagen, der mit landwirtschaftlichen Geräten beladen war, in eine lange Kurve einbog. Am Ende der Kurve wartete ein Touristenbus, bog jetzt hinter dem Pritschenwagen in die Straße ein.

Borowski blickte an dem Lieferwagen vorbei; vor ihnen wurde es hüglig, und die Straße stieg an. Jetzt erschien ein weiterer Touristenbus, diesmal hinter ihnen.

»Shumchun«, sagte der Fahrer.

»Bin do?« fragte Jason.

»Der Wasserspeicher von Shumchun«, antwortete der Fahrer auf chinesisch. »Ein sehr schönes Reservoir, einer der schönsten Seen von ganz China. Sein Wasser wird nach Süden geliefert, nach Kowloon und Hongkong. Um diese Jahreszeit von Besuchern überfüllt. Die Aussicht im Herbst ist herrlich.«

Plötzlich wurde der Lieferwagen schneller, preschte die Bergstraße hinauf, löste sich von dem Pritschenwagen und dem Ausflugsbus.

»Können Sie nicht schneller fahren? An dem Bus vorbei und dem Pritschenwagen!«

»Da sind so viele Kurven.«

»Versuchen Sie es!«

Der Fahrer drückte das Gaspedal durch und zwängte sich um den Bus herum, verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter, als ihnen ein Gleiskettenfahrzeug der Armee mit zwei Soldaten in der Fahrerkabine entgegenkam. Die Soldaten beschimpften ihn ebenso wie die Reiseleiter der Touristengruppe durch das offene Fenster. »Schlaft doch mit euren häßlichen Müttern!« schrie der Fahrer triumpherfüllt, was ihm aber gleich verging, als er vor sich den breiten Pritschenwagen mit den landwirtschaftlichen Geräten sah, der ihm den Weg versperrte.

Sie bogen jetzt in eine scharfe Rechtskurve. Borowski klammerte sich am Fenster fest und beugte sich hinaus, um besser sehen zu können. »Da kommt niemand!« brüllte er den Fahrer an. »Los! Sie können überholen. Schnell!«

Das tat der Fahrer, auch wenn er damit das alte Taxi an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit trieb; die Reifen drehten auf dem glatten Lehmboden durch, so daß der Wagen gefährlich vor dem Lkw zur Seite rutschte. Noch eine Kurve, diesmal scharf nach rechts und noch steiler. Vor ihnen war die Straße gerade und führte eine lange Steigung hinauf. Der Lieferwagen war nirgends zu sehen; er war hinter der Hügelkuppe verschwunden.

»Kuai!« schrie Borowski. »Fährt diese alte Kiste nicht schneller?«

»So schnell war sie noch nie! Ich denke, die Geister werden den Motor explodieren lassen! Und was werde ich dann tun? Ich mußte fünf Jahre sparen, bis ich mir diese Mühle kaufen konnte, und dann hat es mich noch eine ganze Menge Bestechungsgeld gekostet, im Grenzgebiet fahren zu dürfen.«