»Ich werde nicht darüber sprechen, aber vergessen kann ich es nicht. fch muß immer im Auge behalten, wer mein Dienstherr ist.«
»Erwähnen Sie diesen Namen vor niemandem, Herr Doktor«, sagte McAllister.
»Ich habe ihn bereits vergessen.«
»Was kann ich sagen? Was tun Sie?«
»Das Menschenmögliche«, antwortete der Major. »Wir haben Hongkong und Kowloon in Abschnitte unterteilt und befragen jedes Hotel, nehmen jedes Melderegister unter die Lupe. Wir haben Polizei und Marinestreifen alarmiert, Kopien ihrer Personenbeschreibung verteilt, und die entsprechenden Dienststellen sind davon verständigt, daß die Auffindung dieser Frau höchste Priorität hat.«
»Mein Gott, was haben Sie gesagt? Wie haben Sie das erklärt?«
»Da konnte ich behilflich sein«, sagte der Arzt. »Angesichts meiner Dummheit war das das wenigste, was ich tun konnte. Ich habe ärztlichen Alarm ausgegeben. Indem wir das taten, konnten wir auch die Pflegerteams einschalten, die von sämtlichen Krankenhäusern ausgeschickt wurden und die natürlich für den Fall anderer ärztlicher Notfälle in Funkkontakt bleiben. Sie suchen die Straßen ab.«
»Was für ein ärztlicher Alarm?« fragte McAllister scharf.
»Nur minimale Informationen, aber Informationen der Art, die Unruhe erzeugen. Die Frau hat eine namentlich nicht näher bezeichnete Insel in der Meerenge von Luzon besucht, die wegen der dort grassierenden Seuche für internationale Reisende zum Sperrgebiet erklärt worden ist.«
»Indem unser Freund das getan hat«, unterbrach Lin, »konnte er die Teams dazu veranlassen, ohne Zögern auf sie zuzugehen und sie in Gewahrsam zu nehmen. Nicht, daß wir sonst an der Loyalität unserer Leute gezweifelt hätten, aber es gibt immer faule Eier, und die können wir uns im Augenblick nicht leisten. Ich bin ehrlich überzeugt, daß wir sie finden werden, Edward. Wir wissen alle, daß es sich bei ihr um eine auffällige Erscheinung handelt, groß, attraktiv, ihr Haar - und mehr als tausend Leute halten nach ihr Ausschau.«
»Ich kann nur hoffen, daß Sie recht haben. Trotzdem mache ich mir Sorgen. Sie hat ihre Grundausbildung von einem Chamäleon erhalten.«
»Wie bitte?«
»Nichts, Herr Doktor«, sagte der Major. »Das ist ein Fachausdruck in unserer Branche.«
»Oh?«
»Ich brauche die ganze Akte, und zwar vollständig!«
»Was, Edward?«
»Man hat sie beide in Europa gejagt. Jetzt sind sie getrennt, aber man jagt sie wieder. Was haben sie damals getan? Was werden sie jetzt tun?«
»Ein Anhaltspunkt? Ein Muster?«
»Ja, so etwas gibt es nämlich immer«, sagte McAllister und rieb sich die rechte Schläfe. »Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie jetzt bitten zu gehen. Ich muß jetzt ein schreckliches Telefongespräch führen.«
Marie versetzte Kleider und zahlte für einige andere Kleidungsstücke ein paar Dollar drauf. Das Ergebnis war akzeptabeclass="underline" Mit ihrem unter einem breitkrempigen Sonnenhut zurückgebundenen Haar war sie eine einfach aussehende Frau in einem Faltenrock und einer unauffälligen grauen Bluse, die jede Andeutung ihrer Figur verbarg. Die flachen Sandalen ließen sie kleiner wirken, und die imitierte Gucci-Handtasche machte sie zur typischen Touristin, was sie auf keinen Fall war. Sie rief das kanadische Konsulat an und ließ sich erklären, wie sie mit dem Bus dorthin gelangen konnte. Die Büros befanden sich im 14. Stock des Asian House in Hongkong. Sie nahm den Bus von der chinesischen Universität durch Kowloon und den Tunnel zur Insel, beobachtete die Straßen, durch die sie fuhr, und stieg an der richtigen Haltestelle aus. Sie fuhr mit dem Aufzug nach oben und stellte beruhigt fest, daß sie keiner der Männer, die mit ihr nach oben fuhren, eines zweiten Blickes würdigte; das war nicht die Reaktion, die sie gewöhnt war. Sie hatte in Paris gelernt - in der Schule eines Chamäleons -, wie man mit einfachen Dingen sein Aussehen verändert. Jetzt erinnerte sie sich an diese Lektionen.
»Ich weiß, daß das recht lächerlich klingen wird«, sagte sie beiläufig und mit etwas belustigt und zugleich verwirrt klingender Stimme zu der Sekretärin im Empfang, »aber ein entfernter Vetter mütterlicherseits ist hier tätig, und ich habe versprochen, ihn zu besuchen.«
»Das kommt mir nicht lächerlich vor.«
»Das wird es gleich, wenn ich Ihnen sage, daß ich seinen Namen vergessen habe.« Beide Frauen lachten. »Wir sind uns natürlich nie begegnet, und er legt auch wahrscheinlich gar keinen Wert auf meine Bekanntschaft; aber wie sollte ich das der Familie zu Hause sagen?«
»Wissen Sie, in welcher Abteilung er arbeitet?«
»Es hat, glaube ich, etwas mit Wirtschaft zu tun.«
»Das ist dann höchstwahrscheinlich die Handelsabteilung.« Die Sekretärin zog eine Schublade heraus und entnahm ihr ein schmales, weißes Buch, in dessen Umschlag eine kanadische Fahne eingeprägt war. »Hier ist unser Telefon Verzeichnis. Setzen Sie sich doch und sehen Sie das Buch durch.«
»Vielen Dank«, sagte Marie, ging zu einem ledergepolsterten Sessel und nahm Platz. »Mir ist das wirklich schrecklich unangenehm«, fügte sie dann hinzu und schlug das Buch auf. »Ich meine, ich müßte seinen Namen kennen. Ich bin sicher, Sie wissen, wie Ihr Vetter zweiten Grades mütterlicherseits heißt.«
»Liebes Kind, ich habe nicht die leiseste Ahnung.« Das Telefon klingelte, und die Sekretärin nahm ab.
Marie durchblätterte das Buch, las schnell und ließ ihren Blick die Spalten entlangwandern und suchte dabei einen Namen, mit dem sich ein Gesicht verband. Sie entdeckte drei, aber die Bilder, die sich ihr darstellten, waren verschwommen, die Gesichtszüge unklar. Dann sprangen ihr auf der zwölften Seite ein Gesicht und eine Stimme entgegen, als sie den Namen las. Catherine Staples.
Die eiskalte Catherine. Der Spitzname war unfair und lieferte kein korrektes Bild der Frau. Marie hatte Catherine Staples während ihrer Tätigkeit im Schatzamt in Ottawa kennengelernt, als sie und die Kollegen in ihrer Abteilung das Diplomatische Corps vor Übersee-Einsätzen instruierten. Staples war zweimal bei ihnen gewesen, einmal, um einen Auffrischungskurs über den Gemeinsamen Markt Europas durchzumachen ... und das zweite Mal - ja, natürlich - für Hongkong! Das lag dreizehn oder vierzehn Monate zurück, und obwohl man ihre
Freundschaft nicht gerade als eng bezeichnen konnte - vier oder fünf gemeinsam eingenommene Mittagessen und ein Abendessen, das Catherine zubereitet hatte, und dann eine Gegeneinladung seitens Maries -, hatte sie doch eine ganze Menge über die Frau erfahren, die ihre Arbeit so gut machte, daß sie darin die meisten Männer übertraf.
Zuallererst hatte sie ihr schneller Aufstieg in der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten ihre Ehe gekostet. Sie hatte für den Rest ihres Lebens der Ehe abgeschworen, hatte sie erklärt, da die Reisetätigkeit und die unsinnige Arbeitszeit in ihrem Beruf für jeden Mann, mit dem zusammenzuleben es sich lohnte, unerträglich wären. Staples war jetzt Mitte der Fünfzig, eine schlanke, energische Frau von mittlerer Größe, die sich modisch, aber einfach kleidete. Zu Männern und Frauen, die für die Arbeit, die man ihnen ohne eigenen Ehrgeiz zugeteilt hatte, nicht qualifiziert waren, konnte sie freundlich, ja liebenswürdig sein, dafür aber zu den Verantwortlichen, gleich welchen Ranges, von brutaler Härte. Scheinheiligkeit jeder Art war ihr verhaßt. Wenn man Catherine Staples mit einem Schlagwort charakterisieren wollte, dann war dies »hart, aber gerecht« ... Aber dann war sie auch oft eine sehr amüsante Person, die durchaus imstande war, sich über sich selbst lustig zu machen. Marie hoffte, daß sie in Hongkong fair sein würde.
»Da ist kein Name, der mir vertraut klingt«, sagte Marie, stand auf und brachte der Empfangsdame das Buch zurück. »Ich komme mir so dumm vor.«
»Haben Sie die leiseste Ahnung, wie er aussieht?«