»Danach habe ich nie gefragt.«
»Tut mir leid.«
»Mir noch viel mehr. Ich muß jetzt ein sehr peinliches Telefonat mit Vancouver führen ... oh, einen Namen habe ich entdeckt. Der hat nichts mit meinem Vetter zu tun, aber ich glaube, es ist die Freundin einer Freundin. Eine Frau namens Staples.«
»Unsere Katharina die Große? Ja, die ist allerdings hier, obwohl es eine Menge Leute hier gibt, die gar nichts dagegen einzuwenden hätten, wenn man sie zur Botschafterin beförderte und nach Osteuropa schickte - sie macht sie nervös. Die Frau ist klasse.«
»Oh, Sie meinen, sie ist jetzt im Haus?«
»Keine zehn Meter entfernt. Wollen Sie mir sagen, wie Ihre Freundin heißt, dann kann ich ja fragen, ob sie Zeit hat?«
Die Versuchung für Marie war groß, aber auf derart offiziellem Weg ging gar nichts. Wenn sich alles so entwickelt hatte, wie Marie glaubte, und man die befreundeten Konsulate bereits alarmiert hatte, dann könnte Catherine Staples sich genötigt sehen, mit den Behörden zu kooperieren. Wahrscheinlich würde sie das nicht tun, andererseits mußte sie auch die Integrität ihres Amtes wahren. Botschaften und Konsulate waren darauf angewiesen, sich gegenseitig Gefälligkeiten zu erweisen. Sie brauchte Zeit mit Catherine, und zwar nicht in einer offiziellen Umgebung. »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen«, sagte Marie zu der Sekretärin. »Meine Freundin würde sicher ganz aus dem Häuschen geraten ... Augenblick, haben Sie Katharina gesagt?«
»Ja. Katharina alias Catherine Staples. Glauben Sie mir, sie ist einmalig.«
»Das glaube ich Ihnen sofort, aber die Freundin meiner Bekannten heißt Christine. Du lieber Gott, heute habe ich aber wirklich nicht meinen besten Tag. Sie sind sehr liebenswürdig gewesen, also will ich Ihnen nicht länger auf den Füßen stehen.«
»War mir doch ein Vergnügen, liebes Kind. Sie sollten mal sehen, was da für Leute kommen, die sich einbilden, sie hätten eine Cartier-Uhr für ein Butterbrot gekauft, bis sie dann stehenbleibt und ein Juwelier ihnen sagt, daß die Uhr anstatt eines Werks bloß zwei Gummibänder hat.« Der Blick der Sekretärin fiel auf die Gucci-Handtasche mit den zwei auf dem Kopf stehenden Gs. »Ts, ts«, machte sie leise.
»Wie bitte?«
»Nichts. Viel Glück mit Ihrem Telefonat.«
Marie wartete eine Weile in der Halle des Asian House, ging dann hinaus und schlenderte fast eine Stunde lang auf der überfüllten Straße vor dem Eingang auf und ab. Es war kurz nach Mittag, und sie überlegte, ob Catherine sich wohl überhaupt die Mühe machte, zu Mittag zu essen - ein gemeinsames Mittagessen wäre ganz bestimmt eine gute Idee. Außerdem gab es noch eine weitere Möglichkeit, vielleicht auch eine Unmöglichkeit, aber immerhin eine, um die sie beten konnte, falls sie noch wußte, wie das ging. David könnte auftauchen, aber dann nicht als David, sondern als Jason Borowski, und das könnte jeder sein. Ihr Mann in der Maske Borowskis würde viel geschickter sein; sie hatte in Paris eine Probe seines Geschicks erlebt, und da war er wie ein Wesen aus einer anderen Welt gewesen, einer tödlichen Welt, wo ein einziger Fehltritt einem Menschen das Leben kosten konnte. Jeder Schritt wurde in drei oder vier Dimensionen geplant. Was, wenn ich ...? Was, wenn er ...? In dieser Welt der Gewalt spielte der Intellekt eine viel bedeutendere Rolle, als die nicht gewalttätigen Intellektuellen je zugegeben hätten - in dieser Welt, die sie als barbarisch verabscheuten, wären sie einfach umgekommen, weil sie nicht schnell und nicht gründlich genug zu denken vermochten. Cogito ergo - nichts. Warum dachte sie so etwas? Sie gehörte in die normale Welt, und ebenso auch David! Und dann war ihr die Antwort plötzlich sonnenklar. Man hatte sie zurückgeschleudert in jene andere Welt; sie mußten überleben und einander finden.
Da war sie! Catherine Staples kam aus dem Asian House und bog nach rechts. Sie war vielleicht zwölf Meter von ihr entfernt; Marie fing zu laufen an, bahnte sich einen Weg durch die
Passanten und versuchte, sie einzuholen. Versuche nie zu laufen, das macht dich auffällig. Das ist mir egal! Ich muß mit ihr reden!
Catherine Staples strebte plötzlich quer über den Bürgersteig auf die Straße zu. Ein Wagen des Konsulats wartete am Randstein auf sie; das war an dem Ahornblatt zu erkennen, das auf die Türe aufgemalt war. Sie wollte einsteigen.
»Nein! Warten Sie!« rief Marie, stürzte sich durch die Menge auf die Tür zu und packte den Griff, als Catherine gerade dabei war, die Tür zuzumachen.
»Wie bitte?« rief Catherine Staples, und der Fahrer fuhr auf dem Sitz herum und hatte plötzlich eine Pistole in der Hand.
»Bitte! Ich bin das! Ottawa. Die Kurse.«
»Marie! Das bist du!«
»Ja. Ich stecke in der Klemme und brauche deine Hilfe.«
»Steig ein«, sagte Catherine Staples und rutschte zur Seite. »Stecken Sie das alberne Ding weg«, befahl sie dem Fahrer. »Das ist eine Freundin von mir.«
Unter dem Vorwand, die britische Delegation habe sie kurzfristig zu einem Gespräch eingeladen - was während der Konferenzen über die 1997er Verträge häufig geschehen war -, wies Catherine Staples den Fahrer an, sie am Anfang der Food Street in der Causeway Bay abzusetzen. Food Street war ein faszinierendes Schauspiel von rund dreißig Restaurants im Bereich von nur zwei Häuserblocks. Jeglicher Fahrzeugverkehr war auf der Straße verboten, was freilich völlig unnötig war, da es auch ohne ein solches Verbot keine Möglichkeit gegeben hätte, daß irgendein Fahrzeug sich seinen Weg durch die Menschenmassen hätte bahnen können, die dort auf der Suche nach einem von etwa viertausend Tischen waren. Catherine führte Marie zum Hintereingang des Restaurants. Sie klingelte, und die Tür öffnete sich fünfzehn Sekunden später, und die Gerüche hundert asiatischer Speisen schlugen ihnen entgegen.
»Miss Staples, was für ein Vergnügen, Sie zu sehen«, sagte der Chinese in der weißen Schürze des Küchenchefs. »Bitte, bitte. Für Sie haben wir immer einen Tisch.«
Während sie durch das Chaos der riesigen Küche gingen, wandte sich Catherine Marie zu. »Gott sei Dank gibt es in diesem jämmerlich unterbezahlten Beruf wenigstens einige Privilegien. Der Besitzer hat Verwandte in Quebec - ein verdammt gutes Restaurant an der St. John Street - und ich sorge dafür, daß sein Visum, wie man hier sagt, >schnell, schnell< bearbeitet wird.«
Catherine deutete mit einer Kopfbewegung auf einen der wenigen freien Tische im hinteren Teil des Restaurants, in der Nähe der Küchentür. Als sie Platz genommen hatten, bot ihnen der beständige Strom von Kellnern, die pausenlos durch die Pendeltüren hin und her rasten, perfekte Tarnung.
»Danke, daß du an ein solches Lokal gedacht hast«, sagte Marie.
»Meine Liebe«, erwiderte Catherine Staples mit ihrer kehligen, ausdrucksstarken Stimme, »jemand, der so aussieht wie du, sich so kleidet, wie du jetzt angezogen bist, und sich so schminkt, will offensichtlich in keiner Weise auffallen.«
»Das ist noch milde ausgedrückt, wie es immer heißt. Werden die Leute, mit denen du zum Essen verabredet bist, die Geschichte von der britischen Delegation glauben?«
»Aber sofort. Das Mutterland setzt seine wortgewaltigsten Leute ein. Beijing kauft riesige Mengen Weizen von uns - aber das weißt du ja genausogut wie ich, und in Dollar und Cent ausgedrückt, vielleicht sogar besser.«
»Ich bin nicht mehr ganz auf dem laufenden.«
»Ja, verstehe.« Catherine Staples nickte und sah Marie streng und doch freundlich an. Ihre Augen blickten fragend. »Ich war damals hier, aber wir haben die Gerüchte gehört und auch die europäischen Zeitungen gelesen. Wenn ich sage, daß wir schockiert waren, so ist das wohl nur ein gelinder Ausdruck für das, was diejenigen von uns, die dich gekannt haben, wirklich empfanden. In den Wochen danach versuchten wir alle, mehr zu erfahren, aber man sagte uns, wir sollten uns nicht darum kümmern, das Thema fallenlassen - dir zuliebe. >Kümmern Sie sich nicht darumc, hat man uns immer wieder gesagt ... >Es liegt in ihrem größten Interesse, daß Sie sich um nichts kümmern.< Natürlich haben wir am Ende gehört, daß du in allen Punkten völlig rehabilitiert worden bist - Herrgott, wie beleidigend das doch nach all dem klingt, was du durchmachen mußtest! Und dann bist du einfach vom Erdboden verschwunden, und niemand hat mehr etwas über dich gehört.«