»Man hat dir die Wahrheit gesagt, Catherine. Es lag in meinem Interesse - unserem Interesse - unterzutauchen. Man hat uns monatelang versteckt gehalten, und als wir schließlich wieder leben durften wie andere Leute auch, dann an einem abgelegenen Ort unter einem Namen, den nur wenige kannten. Aber bewacht wurden wir immer noch.«
»Wir?«
»Ich habe den Mann geheiratet, von dem du in den Zeitungen gelesen hast. Natürlich war er nicht der Mann, den die Zeitungen aus ihm gemacht haben; er war ein Untergrundagent der amerikanischen Regierung. Für diesen seltsamen Auftrag hat er einen großen Teil seines Lebens aufgegeben.«
»Und jetzt bist du in Hongkong und sagst mir, daß du in der Klemme steckst.«
»Ich bin in Hongkong und stecke ernsthaft in der Klemme.«
»Darf ich davon ausgehen, daß die Ereignisse des letzten Jahres mit deinen augenblicklichen Problemen in Verbindung stehen?«
»Ich glaube, das darfst du.«
»Was kannst du mir sagen?«
»Alles, was ich weiß, weil ich deine Hilfe brauche. Ich habe nicht das Recht, dich um Hilfe zu bitten, wenn du nicht alles weißt, was ich weiß.«
»Ich mag es, wenn man die Dinge beim Namen nennt. Nicht nur, weil das Klarheit schafft, sondern auch, weil es gewöhnlich den Menschen definiert, der mit einem spricht. Du willst damit auch sagen, daß ich wahrscheinlich überhaupt nichts tun kann, wenn ich nicht alles weiß.«
»So habe ich es nicht gesehen, aber wahrscheinlich hast du recht.«
»Gut. Ich habe dich auf die Probe gestellt. In der Diplomatie ist heute diese Art von Offenheit gleichzeitig Tarnung und Werkzeug geworden. Man setzt diese Taktik häufig ein, um den Gegner zu entwaffnen. Ich beziehe mich damit auf die jüngsten Informationen aus deinem neuen Vaterland - neu als Ehefrau natürlich.«
»Ich bin Wirtschaftswissenschaftlerin, Catherine, nicht Diplomatin.«
»Wenn du Gebrauch machst von all deinen Talenten, die ich kenne, kannst du in Washington ebenso Karriere machen wie in Ottawa. Aber dann hättest du nicht die Anonymität, die du in deinem neuen Leben brauchst.«
»Wir brauchen sie. Nur darauf kommt es an.«
»Ich habe dich noch einmal auf die Probe gestellt. Du warst nicht ohne Ehrgeiz. Du liebst diesen Mann, den du geheiratet hast.«
»Ja. Ich will ihn finden. Ich will ihn wiederhaben.«
Catherines Kopf ruckte zurück und sie riß die Augen auf. »Er ist hier!«
»Irgendwo. Das ist ein Teil der Geschichte, die ich dir erzählen will.«
»Ist sie kompliziert?«
»Sehr.«
»Kannst du dich noch etwas gedulden und sie zurückhalten -das meine ich wörtlich, Marie -, bis wir irgendwo sind, wo es ruhiger ist?«
»Ich habe Geduld von einem Mann gelernt, dessen Leben drei Jahre lang vierundzwanzig Stunden am Tag davon abhing.«
»Du lieber Gott. Hast du Hunger?«
»Ich bin am Verhungern. Auch das gehört zu der Geschichte. Könnten wir bestellen?«
»Das dim sum würde ich nicht nehmen, das ist zu stark gebraten. Aber die Ente, die es hier gibt, ist die beste von ganz Hongkong ... Kannst du wirklich warten, Marie? Würdest du lieber gehen?«
»Ich kann warten. Mein ganzes Leben ist sozusagen in der Schwebe. Auf eine halbe Stunde kommt es da nicht an. Und wenn ich nichts esse, kann ich sowieso nicht richtig erzählen.«
»Ich weiß. Das gehört auch mit zu der Geschichte.«
Sie saßen einander in Catherines Büro gegenüber, zwischen sich ein Beistelltischchen, und tranken Tee.
»Ich glaube«, sagte Catherine, »ich habe gerade etwas gehört, was auf den eklatantesten Amtsmißbrauch in dreißig Jahren Auswärtigen Dienstes hinausläuft - auf unserer Seite natürlich. Sofern ich nicht etwas gründlich mißverstehe.«
»Das soll heißen, daß du mir nicht glaubst.«
»Ganz im Gegenteil, meine Liebe, das alles kannst du gar nicht erfunden haben. Du hast völlig recht. Die ganze verdammte Geschichte ist voll von unlogischer Logik.«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Das war auch nicht nötig. Es liegt auf der Hand. Dein Mann wird scharfgemacht, und dann schießt man ihn ab wie eine Nuklearrakete. Warum?«
»Das habe ich dir doch gesagt. Es gibt einen Mann, der Menschen tötet und behauptet, er sei Jason Borowski. Die Rolle, die David drei Jahre lang gespielt hat.«
»Ein Killer ist ein Killer, ganz gleich, welchen Namen er annimmt, ob es nun Dschingis-Khan oder Jack the Ripper oder meinetwegen Carlos der Schakal ist. Selbst der Meuchelmörder Jason Borowski. Man stellt die Fallen für solche Männer mit Zustimmung der Fallensteller auf.«
»Ich verstehe dich nicht, Catherine.«
»Dann hör mir zu. Hier spricht jemand aus der guten alten Zeit. Weißt du noch, wie ich mich von dir über den Gemeinsamen Markt unter besonderer Betonung der Ostgeschäfte informieren ließ?«
»Ja, wir haben uns gegenseitig bekocht. Dein Essen war besser.«
»Ja, das war es. Aber in Wirklichkeit bin ich zu dir gekommen, um zu lernen, wie ich meine Kontaktleute im Ostblock davon überzeugen konnte, daß ich imstande war, die schwankenden Wechselkurse so einzusetzen, daß bei uns getätigte Käufe für sie unendlich lukrativer waren. Und das habe ich getan. Moskau war wütend.«
»Catherine, was, zum Teufel, hat das mit mir zu tun?«
Catherine Staples sah Marie an. Hinter ihrer Freundlichkeit verbarg sich unbeugsame Härte. »Ich will es dir deutlicher erklären. Wenn du überhaupt darüber nachgedacht hast, dann hast du bestimmt angenommen, ich sei nach Ottawa gekommen, um die europäische Wirtschaft besser zu verstehen und damit meine Arbeit besser tun zu können. In gewisser Hinsicht stimmte das auch, aber das war nicht der wirkliche Grund. Tatsächlich war ich bei dir, um zu lernen, wie man die schwankenden Wechselkurse der verschiedenen Währungen nutzen und unseren potentiellen Kunden besonders vorteilhafte Abschlüsse anbieten konnte. Wenn die Deutsche Mark stieg, verkauften wir gegen Francs oder Gulden oder was auch immer. Das war ein Bestandteil des Vertrages.«
»Aber das brachte uns doch nichts ein.«
»Wir waren auch nicht auf Profite aus, wir wollten uns neue Märkte erschließen. Die Profite würden später kommen. Du hast dich klar und deutlich über Wechselkursspekulationen geäußert. Du hast die Nachteile dieser Spekulationen angeprangert, und ich mußte lernen, mit üblen Methoden zu arbeiten - natürlich im Dienst einer guten Sache.«
»Also gut, du hast mein Fachwissen angezapft, ohne daß ich wußte, wozu -«
»Das Ganze mußte natürlich völlig geheim bleiben.«
»Ja, ich verstehe. Aber was hat das mit dem zu tun, was ich dir jetzt erzählt habe?«
»Ich wittere Unrat, und ich kann mich auf meine Nase verlassen. Ebenso wie ich meine Gründe hatte, mich in Ottawa an dich zu wenden - Gründe, von denen ich dir nichts gesagt habe -, haben die Leute, die euch das antun, weitreichendere Gründe als nur die, den Mann zu fangen, der die Rolle deines Mannes spielt.«
»Warum sagst du das?«
»Dein Mann hat es vor mir gesagt. Hier handelt es sich in erster Linie und völlig korrekt um eine Polizeiangelegenheit, ja sogar eine internationale Polizeiangelegenheit, um die Interpol sich kümmern müßte. Die sind für so etwas viel besser qualifiziert als Ministerien, als die CIA oder der MI-6. Der Geheimdienst befaßt sich normalerweise nicht mit nichtpolitischen Kriminellen - alltäglichen Mördern -, das können sie sich gar nicht leisten. Mein Gott, wenn diese Esel sich in die Arbeit der Polizei einmischten, würden sie ja doch bloß ihre Tarnung in Gefahr bringen.«