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»McAllister war da anderer Ansicht. Er hat behauptet, die besten Leute im Geheimdienst der USA und Großbritanniens seien damit beschäftigt. Er sagte, wenn dieser Killer, der sich als mein Mann ausgibt - als das, was mein Mann in den Augen vieler war -, wenn dieser Killer einen Spitzenpolitiker ermordete oder einen Bandenkrieg anzettelte, geriete Hongkongs Status sofort in Gefahr. Peking würde schnell handeln und die Macht übernehmen, unter dem Vorwand des Siebenundneunziger-Vertrages. >Asiaten dulden keine ungehorsamen Kinder.< Das hat er wörtlich gesagt.«

»Das kann ich weder akzeptieren noch glauben!« erwiderte Catherine Staples. »Der Staatssekretär ist entweder ein Lügner oder nicht ganz bei Trost! Er hat dir jeden Grund genannt, der unsere Geheimdienste veranlassen sollte, sich aus der Sache herauszuhalten, die Finger davon zu lassen! Schon der bloße Verdacht auf eine Geheimoperation wäre katastrophal. Das könnte die Falken im Zentralkomitee auf den Plan rufen. Doch wie dem auch sei, ich glaube von dem, was er gesagt hat, kein Wort. London würde das nie zulassen, würde nicht einmal erlauben, daß der MI-6 auch nur erwähnt wird.«

»Catherine, du irrst dich. Du hast mir nicht richtig zugehört. Der Mann, der nach Washington flog, um die Treadstone-Akte zu holen, war Brite und war vom MI-6. Du lieber Gott, er ist um dieser Akte willen ermordet worden.«

»Das habe ich schon gehört, ich glaube es nur einfach nicht. Das Auswärtige Amt würde unter allen Umständen darauf bestehen, daß die Polizei, und nur die Polizei sich um diesen Schlamassel kümmert. Die würden nicht einmal zulassen, daß

MI-6 im selben Restaurant mit einem Kriminalbeamten ißt, nicht einmal am selben Imbißstand. Glaube mir, meine Liebe, ich weiß, wovon ich rede. Wir leben in sehr schwierigen Zeiten, und für solche Spielchen ist keine Zeit, schon gar nicht für Geheimdienstoperationen, wegen eines Meuchelmörders. Nein, man hat dich aus einem ganz anderen Grund hierhergeholt und deinen Mann gezwungen, dir zu folgen.«

»Um Himmels willen, was ist das für ein Grund?« rief Marie und beugte sich in ihrem Stuhl vor.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht weiß es jemand anders.«

»Wer?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

Schweigen. Zwei hochintelligente Frauen überlegten jedes Wort, das gesprochen worden war.

»Catherine«, sagte Marie schließlich. »Ich akzeptiere ja, daß alles, was du sagst, logisch ist, aber du hast auch gesagt, daß hinter dem Ganzen unlogische Logik steckt. Nehmen wir einmal an, ich hätte recht, und die Männer, die mich gefangengehalten haben, waren keine Killer und keine Kriminellen, sondern Bürokraten, die lediglich Anweisungen befolgten, die sie gar nicht begriffen, und gehen wir auch davon aus, daß sie nach Regierung aussahen. Das stand hnen im Gesicht geschrieben, das habe ich an ihren Ausreden gemerkt und an ihrer Sorge um mein Wohlbefinden. Ich weiß, du glaubst, daß der McAllister, von dem ich dir erzählt habe, ein Lügner oder ein Vollidiot ist, aber angenommen, er ist nur ein Lügner und keineswegs ein Vollidiot? Wenn wir davon ausgehen - und ich bin davon überzeugt -, dann sprechen wir von zwei Regierungen, die in diesen so schwierigen Zeiten gemeinsame Sache machen. Was dann?«

»Dann braut sich eine Katastrophe zusammen«, sagte Catherine Staples leise.

»Diese Katastrophe dreht sich um meinen Mann?«

»Falls du recht hast, ja.«

»Und möglich ist es, nicht wahr?« »Ich mag nicht einmal daran denken.«

Kapitel 15

Vierzig Meilen südwestlich von Hongkong, jenseits der Inseln im Südchinesischen Meer, liegt die Halbinsel Macao, eine portugiesische Kolonie, wenn auch nur dem Namen nach. Ihre historischen Ursprünge liegen in Portugal, aber der Reiz, der für den internationalen Jet-set von ihr ausgeht, der jährlich veranstaltete Grand Prix, die Spielhöllen, die Jachten, beruht auf dem Luxus und einem Lebensstil, wie die Reichen Europas ihn fordern. Doch der Schein trügt. Macao ist chinesisch, und die Fäden werden in Peking gezogen.

Niemals! Auf keinen Fall in Macao! Dann wird schnell ein Befehl erteilt und noch schneller ausgeführt werden! Dann stirbt Ihre Frau!

Aber der Meuchelmörder war in Macao, das Chamäleon mußte sich Zugang zu einem weiteren Dschungel verschaffen.

Jedes Gesicht musternd und in die von Schatten verhüllten Winkel des engen, vollgepackten Terminals spähend, ließ Borowski sich von der Menschenmenge auf den Pier des Tragflügelbootes nach Macao schieben, eine Fahrt, die etwas über eine Stunde dauerte. Die Passagiere teilten sich in drei ganz deutliche Kategorien: Bewohner der portugiesischen Kolonie, die zurückkehrten - vorwiegend Chinesen, die schwiegen; berufsmäßige Spieler verschiedener Rassen, die sich leise unterhielten, wenn sie überhaupt redeten, und sich dabei dauernd umsahen, um die Konkurrenz einzuschätzen; und außerdem lärmende Touristen, ausschließlich Weiße, viele von ihnen betrunken, mit merkwürdigen Hüten und grellbunten Tropenhemden.

Er hatte Shenzen verlassen und den Drei-Uhr-Zug von Lo Wu nach Kowloon genommen. Die Fahrt war anstrengend, er war gefühlsmäßig wie ausgepumpt und sein Denkvermögen irgendwie gelähmt. Er war dem Killer so nahe gewesen. Wenn er den Mann aus Macao auch nur den Bruchteil einer Minute hätte isolieren können, dann hätte er ihn gehabt! Es gab Mittel und Wege. Sie hatten beide Visa, die in Ordnung waren; ein Mann, der sich vor Schmerz zusammenkrümmte, weil seine Kehle so verletzt war, daß er kein Wort herausbrachte, ließ sich leicht als Kranker ausgeben, ein nicht willkommener Besuch, den sie mit Freuden würden gehenlassen. Aber es hatte nicht sein sollen, nicht diesmal. Wenn er ihn nur wenigstens hätte sehen können!

Und dann die verblüffende Entdeckung, daß dieser neue Meuchelmörder, diese Legende, die gar keine Legende war, sondern ein brutaler Killer, Kontakte zur Volksrepublik hatte. Das war ungeheuer beunruhigend, denn wenn die chinesische Regierung zu einem solchen Mann Verbindungen hatte, dann nur, um ihn zu benutzen. Das war eine Komplikation, die David gar nicht recht war. Das hatte überhaupt nichts mit Marie und ihm zu tun, und sie beide waren das einzige, was ihm wichtig war. Alles, was ihm wichtig war! Jason Borowski: Du mußt den Mann aus Macao holen!

Er war zum Peninsula zurückgegangen und hatte unterwegs kurz im New World Centre haltgemacht, um sich eine dunkle, hüftlange Nylonjacke und ein Paar dicksohlige Turnschuhe zu kaufen. David Webbs Furcht nahm überhand. Jason Borowski plante, ohne bewußt einen Plan zu haben. Er bestellte sich eine leichte Mahlzeit auf das Zimmer und stocherte in dem Essen herum, während er auf der Bettkante saß und sich, ohne etwas aufzunehmen, eine Nachrichtensendung im Fernsehen ansah. Dann legte David sich zurück, schloß kurz die Augen und überlegte, woher die Worte kamen. Ruhe ist eine Waffe. Vergiß das nie. Borowski wachte fünfzehn Minuten später auf.

Jason hatte sich während des Berufsverkehrs an einer Verkaufsstelle in Tsim Sha Tsui ein Ticket für das Boot um acht Uhr dreißig gekauft. Um sicherzugehen, daß man ihm nicht folgte - und er mußte absolut sicher sein -, hatte er dreimal das Taxi gewechselt und sich bis auf fünfhundert Meter an den Pier der Macao-Fähre bringen lassen, und zwar eine Stunde vor der Abfahrt. Den Rest des Weges war er zu Fuß gegangen. Dann hatte er ein Ritual praktiziert, das man ihm in seiner Ausbildungszeit beigebracht hatte. Die Erinnerung an jene Ausbildung war nur schemenhaft, nicht aber das Ritual. Er war vor dem Terminal in den Menschenscharen untergetaucht, hatte sich im Zickzack bewegt, von einem Punkt zum anderen, und war dann ganz plötzlich reglos am Rand stehengeblieben, hatte sich auf die Bewegungsmuster hinter ihm konzentriert und sich umgesehen, ob da jemand war, den er Augenblicke vorher gesehen hatte, ein Gesicht oder ein Paar ängstlicher Augen, die auf ihn gerichtet waren. Da war niemand gewesen. Und doch hing Maries Leben davon ab, daß er ganz sicher war, und so hatte er das Ritual noch zweimal wiederholt, ehe er schließlich den schwach beleuchteten Warteraum betreten hatte. Er sah sich immer noch nach einem angespannten Gesicht um, einem Kopf, der sich drehte, einer Person, die unruhig dasaß und jemanden suchte. Doch auch diesmal war da niemand gewesen. Er war frei und konnte nach Macao fahren. Und nach dort war er jetzt unterwegs.