»Mgoi«, sagte der Mann in der Schürze und dankte ihm.
»Hou«, sagte Jason mit großzügiger Geste.
Sorge für freundliche Kontakte, sobald das möglich ist. Besonders an einem fremden Ort, wo es Feindseligkeit geben könnte. Solche Kontakte können dir zu der Chance oder der Zeit, die du brauchst, verhelfen. War das Medusa oder war es Treadstone? Es tat nichts zur Sache, daß er sich daran nicht erinnern konnte.
Er drehte sich langsam auf dem Hocker herum und blickte zu den Spieltischen hinüber; jetzt entdeckte er die von der Decke hängende Tafel mit dem chinesischen Schriftzeichen, das >fünf< bedeutete. Er drehte sich wieder zur Bar herum und holte sein Notizbuch und einen Kugelschreiber heraus. Dann riß er ein Blatt heraus und schrieb die Telefonnummer eines Hotels in Macao darauf, die er sich aus dem Voyager-Magazin gemerkt hatte, das man an die Passagiere auf dem Tragflügelboot verteilt hatte. Er setzte in Druckschrift einen Namen dahinter, an den er sich nur wenn unbedingt nötig erinnern würde, und fügte hinzu: Kein Freund von Carlos.
Er hielt das Glas unter die Bartheke, vergoß den Drink und hob die Hand, um sich einen neuen zu bestellen. Als er gebracht wurde, fiel das Trinkgeld noch reichlicher aus.
»Mgoi saai«, sagte der Barkeeper und verbeugte sich.
»Msa«, sagte Borowski wieder mit einer großzügigen Geste, winkte dann aber dem Barkeeper, er solle da bleiben. »Würden Sie mir einen kleinen Gefallen tun?« fuhr er in der Sprache des Mannes fort. »Es kostet Sie höchstens zehn Sekunden.«
»Was soll ich tun, Sir?«
»Geben Sie dem Bankhalter an Tisch fünf diesen Zettel. Er ist ein alter Freund von mir, und ich möchte, daß er erfährt, daß ich hier bin.« Jason faltete den Zettel zusammen. »Ich bezahle Sie für die Gefälligkeit.«
»Es ist mir eine Ehre, Sir.«
Borowski beobachtete das Geschehen am Spieltisch. Der Bankhalter nahm den Zettel, faltete ihn schnell auseinander, als der Barkeeper kehrtmachte, und schob ihn unter den Tisch. Jetzt begann das Warten.
Es dauerte endlos, so lange, daß der Barkeeper in der Zwischenzeit abgelöst wurde. Der Bankhalter wurde an einen anderen Tisch versetzt, und zwei Stunden später wurde auch er abgelöst, und nach wiederum zwei Stunden übernahm ein neuer Bankhalter Tisch fünf. Auf dem Boden unter ihm war jetzt eine Whiskylache; Jason bestellte jetzt Kaffee und gab sich dann mit Tee zufrieden; es war zehn Minuten nach zwei Uhr morgens. Eine Stunde noch, dann würde er in das Hotel gehen, dessen Nummer er aufgeschrieben hatte, und sich dort ein Zimmer nehmen, und selbst wenn das bedeuten sollte, daß er dafür Hotelaktien kaufen mußte. Er war todmüde.
Und dann war er plötzlich hellwach. Jetzt passierte es! Eine Chinesin im geschlitzten Kleid einer Prostituierten ging auf Tisch fünf zu. Sie zwängte sich an den Spielern vorbei in die rechte Ecke und sagte schnell etwas zu dem Bankhalter, der unter die Theke griff und ihr unauffällig den Zettel gab. Sie nickte und strebte der Tür des Casinos zu.
Er erscheint natürlich nicht selbst. Er benutzt Straßenmädchen.
Borowski verließ die Bar und folgte der Frau. Auf der dunklen Straße angelangt, auf der zwar noch etliche Passanten waren, die aber nach den Maßstäben von Hongkong geradezu menschenleer war, hielt er sich etwa fünfzehn Meter hinter der Frau und blieb immer wieder stehen, um sich beleuchtete Schaufenster anzusehen. Dann ging er wieder schneller, um sie nicht zu verlieren.
Du darfst nicht gleich auf das Signal reagieren. Die können genausogut denken wie du. Der erste kann ein harmloser Bettler sein, der auf ein paar Dollar aus ist und nichts weiß. Auch der zweite oder der dritte. Du wirst die Kontaktperson erkennen. Sie wird anders sein.
Ein gebeugter alter Mann ging auf die Hure zu. Sie stießen zusammen, und sie kreischte ihn an, während sie ihm den Zettel reichte. Jason spielte den Betrunkenen und drehte sich halb herum, folgte der zweiten Spur.
Vier Straßen weiter geschah es. Und der Mann war anders. Ein kleiner, gut gekleideter Chinese, sein kompakter Körper mit den breiten Schultern und den schmalen Hüften strahlte Stärke aus. Die schnellen Gesten, mit denen er den heruntergekommenen alten Mann bezahlte, und die Art und Weise, wie er dann mit schnellen Schritten über die Straße ging, waren eine Warnung für jeden Feind. Für Borowski war das eine unwiderstehliche Einladung; dies war eine Kontaktperson mit Autorität, eine Verbindung zu dem Franzosen.
Jason huschte auf die andere Straßenseite; er war knapp fünfzig Meter hinter dem Mann, verlor aber Boden. Doch jetzt bestand keine Notwendigkeit mehr zur Vorsicht. Er fing zu laufen an. Sekunden später war er unmittelbar hinter dem Chinesen; die weichen Kreppsohlen seiner Turnschuhe hatten jeden Laut verschluckt. Vor ihnen war eine Passage zwischen zwei Bürogebäuden mit dunklen Fenstern. Er mußte sich schnell bewegen, aber in der Art und Weise, die nicht auffiel, die den nächtlichen Passanten keinen Anlaß gab, die Polizei zu rufen. Die Chancen standen günstig für ihn; die meisten Leute, die jetzt noch unterwegs waren, waren eher betrunken als nüchtern oder standen unter Drogen, und der Rest waren müde Arbeiter, die nach Hause wollten. Der Kontaktmann näherte sich dem Eingang zur Passage. Jetzt.
Borowski rannte los, auf die rechte Seite des Mannes zu. »Der Franzose!« sagte er auf chinesisch. »Ich habe Nachrichten von dem Franzosen! Schnell!« Er bog in die Passage ein und der andere hatte keine Wahl, als wie benommen mitzugehen. Jetzt!
Jason machte einen Satz nach vorne, packte den Mann am linken Ohr, drehte es herum, trieb ihn weiter, drückte dem Mann das Knie gegen die Wirbelsäule und hielt ihn mit der anderen Hand am Hals fest. Er schleuderte ihn mitten in die dunkle Passage hinein, rannte ihm nach, trat ihm mit dem Turnschuh in die Kniekehle; der Mann stürzte, drehte sich dabei halb herum und starrte zu Borowski herauf.
»Sie! Sie sind das!« Dann zuckte der Chinese in dem schwachen Licht zusammen. »Nein«, sagte er plötzlich ganz ruhig. »Sie sind es nicht!«
Ohne eine warnende Bewegung zuckte das rechte Bein des Chinesen vor und katapultierte Borowski vom Pflaster. Er traf Jason am linken Schenkel und setzte mit dem linken Fuß nach, schmetterte ihn Borowski in den Leib, und dann stand er mit ausgestreckten, starren Händen da, und sein muskulöser Körper bewegte sich fließend, ja elegant, im Halbkreis.
Was dann folgte, war ein Kampf von Tieren, von zwei trainierten Killern, jede Bewegung war wohl überlegt, jeder Schlag tödlich, wenn er sein Ziel voll traf. Der eine kämpfte um sein Leben, der andere um das Überleben und die Erlösung ... und um die Frau, ohne die er nicht leben konnte, nicht leben wollte! Schließlich gaben Größe und Gewicht und ein Motiv, das über das bloße Überleben hinausging, den Ausschlag.
Gegen die Wand gepreßt, schwitzend und angeschlagen, mit Blutfäden in den Mundwinkeln, hielt Borowski den Hals des Chinesen von hinten umfaßt. Das linke Knie hatte er dem Mann ins Kreuz gepreßt, und das rechte Bein um die Fesseln des Chinesen geschlungen.
»Sie wissen, was als nächstes kommt!« flüsterte er auf chinesisch, die Worte sorgfältig voneinander absetzend, um ihnen noch mehr Nachdruck zu verleihen. »Ich brauche nur zuzudrücken, dann bricht Ihnen das Rückgrat durch. Keine angenehme Art zu sterben. Und Sie brauchen nicht zu sterben.
Sie können leben. Sie können leben mit mehr Geld, als der Franzose Ihnen je zahlen würde. Ich gebe Ihnen mein Wort, der Franzose und sein Killer werden verschwinden. Wählen Sie. Jetzt!« Jason drückte fester zu; die Adern am Hals des Mannes drohten zu bersten.