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»Ja, ja!« schrie der Chinese. »Ich will leben, nicht sterben!«

Sie saßen in der dunklen Passage, die Rücken an die Wand gelehnt, und rauchten. Der Mann sprach fließend englisch, er hatte es von den Schwestern in einer portugiesischen katholischen Schule gelernt.

»Sie sind sehr gut, das wissen Sie«, sagte Borowski und wischte sich das Blut von den Lippen.

»Ich bin der Champion von Macao, deshalb bezahlt mich der Franzose. Aber Sie haben mich besiegt. Ich bin entehrt, ganz gleich, was geschieht.«

»Das sind Sie nicht. Ich kenne nur ein paar schmutzige Tricks mehr als Sie. Dort, wo man Sie ausgebildet hat, werden die nicht gelehrt, und das ist auch richtig so. Außerdem wird es nie jemand erfahren.«

»Aber ich bin jung! Sie sind alt.«

»So weit würde ich nicht gehen. Außerdem halte ich mich recht gut in Form, das verdanke ich einem verrückten Arzt, der mir sagt, was ich tun muß. Wie alt glauben Sie denn, daß ich bin?«

»Sie sind über dreißig!«

»Zugegeben.«

»Alt!«

»Danke.«

»Sie sind auch sehr stark, sehr schwer - aber es kommt noch etwas hinzu. Ich bin geistig gesund. Das sind Sie nicht!«

»Vielleicht.« Jason drückte seine Zigarette auf dem Pflaster aus. »Wir wollen vernünftig miteinander reden«, sagte er und zog Geld aus der Tasche. »Mir war das ernst, was ich gesagt habe. Ich werde Sie gut bezahlen ... Wo ist der Franzose?«

»Es ist nicht alles im Gleichgewicht.«

»Was meinen Sie?«

»Gleichgewicht ist wichtig.«

»Das weiß ich, aber ich verstehe Sie nicht.«

»Die Harmonie ist gestört, und der Franzose ist zornig. Wieviel werden Sie mir bezahlen?«

»Wieviel können Sie mir sagen?«

»Wo der Franzose und sein Meuchelmörder morgen abend sein werden.«

»Zehntausend amerikanische Dollar.«

»Aiya!«

»Aber nur, wenn Sie mich dort hinbringen.«

»Es ist jenseits der Grenze!«

»Ich habe ein Visum für Shenzen. Es gilt noch drei Tage.«

»Das könnte helfen, aber es gilt nicht für den Übergang bei Guandong.«

»Dann müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Zehntausend amerikanische Dollar.«

»Ich werde mir etwas einfallen lassen.« Der Chinese hielt inne, und seine Augen musterten das Geld, das der Amerikaner ihm hinhielt.

»Kann ich einen - ich glaube, Sie nennen das Vorschuß -haben?«

»Fünfhundert Dollar, mehr nicht.«

»Die Verhandlungen an der Grenze werden viel mehr kosten.«

»Dann rufen Sie mich an. Ich bringe Ihnen das Geld.«

»Wo soll ich anrufen?«

»Besorgen Sie mir ein Hotelzimmer hier in Macao. Ich lege mein Geld dort in den Safe.«

»Das Lisboa.«

»Nein, nicht das Lisboa. Dort kann ich nicht hin. Irgendwo anders.«

»Kein Problem. Helfen Sie mir aufstehen ... Nein! Es ist besser für meine Würde, wenn ich keine Hilfe brauche.«

»Wie Sie wollen«, sagte Jason Borowski.

Catherine Staples saß an ihrem Schreibtisch, den stummen Telefonhörer immer noch in der Hand. Sie sah ihn geistesabwesend an und legte auf. Das Gespräch, das sie gerade beendet hatte, hatte sie verblüfft. Da der kanadische Geheimdienst im Augenblick nicht in Hongkong tätig war, hielten sich die Beamten des Auswärtigen Dienstes an Informanten von der Hongkonger Polizei, wenn sie Auskünfte brauchten. Es ging dabei immer um die Interessen kanadischer Bürger, die entweder in der Kronkolonie wohnten oder auf der Durchreise waren. Die Probleme reichten von Verhaftungen bis zu Raubüberfällen, von betrogenen Kanadiern zu Kanadiern, die selber Gauner waren. Dann gab es natürlich auch wichtigere Fälle, bei denen es um Sicherheit und Spionage ging, erstere, wenn hohe Regierungsbeamte die Stadt besuchten, letztere, wenn es darum ging, sich gegen elektronische Abhörmethoden zu schützen oder zu verhindern, daß Konsulatsbeamte erpreßt wurden, Geheiminformationen weiterzugeben. Es war allgemein bekannt, daß Agenten aus dem Ostblock und den religiös fanatischen Regimes der arabischen Welt in ihren ewigen Bemühungen um Geheimdaten feindlicher Regierungen Drogen und Prostituierte beider Geschlechter einsetzten. Und in diesem Bereich hatte Catherine Staples gute Arbeit geleistet. Sie hatte die Karriere von zwei Attaches im eigenen Konsulat und darüber hinaus die eines Amerikaners und dreier Briten gerettet.

Fotografien der Betroffenen in kompromittierenden Situationen waren mitsamt den Negativen vernichtet worden; man hatte die Erpresser aus der Kolonie ausgewiesen und sie nicht nur mit Anzeige, sondern auch mit körperlicher Gewalt bedroht. Einmal hatte sie ein iranischer Konsulatsbeamter beschuldigt, sie mische sich in Angelegenheiten, die sie überhaupt nichts angingen. Er hatte sie auf die übelste Weise beschimpft. Sie hatte sich den Esel so lange angehört, wie sie die nasale Stimme ertragen konnte, und hatte das Telefongespräch dann lakonisch beendet: »Wußten Sie das nicht? Khomeini mag kleine Jungen.«

Alles das war ihr durch ihre Beziehung zu einem englischen Witwer Ende der Sechzig möglich, der sich bei Scotland Yard hatte pensionieren lassen, um Leiter des Sicherheitsbüros der Kronkolonie zu werden. Mit siebenundsechzig hatte Ian Ballantyne sich mit der Tatsache abgefunden, daß zwar seine Laufbahn beim Yard beendet war, daß aber seine professionellen Fähigkeiten und Erfahrungen durchaus noch genutzt werden konnten. So ließ er sich bereitwillig im Fernen Osten stationieren, wo er die Sicherheitsabteilung der Polizei der Kronkolonie auf Vordermann brachte und auf seine ruhige Art eine wirkungsvolle Behörde aufbaute, die mehr über die Schattenwelt Hongkongs wußte als irgendeine andere Organisation im Territorium, nicht einmal MI-6. Catherine und Ian waren sich bei einem jener bürokratisch langweiligen Abendessen begegnet, wie sie das konsularische Protokoll vorschrieb, und nach einem längeren Gespräch mit viel Witz, bei dem er Gefallen an seiner Tischdame fand, hatte Ballantyne zu ihr gesagt: »Meinen Sie, wir können es noch, altes Mädchen?«

»Versuchen wir's«, hatte sie geantwortet.

Und das hatten sie. Sie hatten Spaß daran, und Ian war zu einem Fixpunkt in Catherines Leben geworden, ohne irgendwelche Verpflichtungen. Sie mochten einander, das war genug.

Und Ian Ballantyne hatte ihr gerade erklärt, daß alles, was Staatssekretär Edward McAllister Marie Webb und ihrem Mann in Maine erzählt hatte, gelogen gewesen sei. Es gab in Hongkong keinen Taipan namens Yao Ming, und seine verläßlichen - sprich gut bezahlten - Informanten in Macao versicherten ihm, es habe im Lisboa-Hotel keinen Doppelmord an der Frau eines Taipan und einem Drogenschmuggler gegeben. Solche Morde hatte es seit 1945 nicht mehr gegeben, als die japanischen Besatzungstruppen abgezogen waren. Rings um die Casinotische hatte es zahlreiche Messerstechereien und Schußwunden gegeben, und in den Nebenzimmern etliche Todesfälle, die auf Überdosis von Narkotika zurückzuführen waren, aber jedenfalls keinen Zwischenfall, wie Catherines Informantin ihn geschildert hatte.

»Das Ganze ist ein Lügengespinst, Cathy, altes Mädchen«, hatte Ian gesagt. »Was das für einen Zweck haben soll, dahinter bin ich noch nicht gekommen!«

»Meine Quelle ist authentisch, alter Liebling. Was witterst du?«

»Das stinkt, meine Liebe. Jemand geht da ein großes Risiko ein, also muß es um etwas Wichtiges gehen. Er schützt sich natürlich - hier drüben kann man alles kaufen, inklusive Schweigen -, aber die ganze verdammte Geschichte ist durch und durch erlogen. Willst du mir noch mehr sagen?«

»Wenn ich dir jetzt sage, daß alles auf Washington hindeutet, nicht auf Großbritannien?«

»Dann muß ich dir widersprechen. Bei einer Geschichte in dieser Größenordnung läuft ohne London nichts.«