»Das gibt aber doch keinen Sinn!«
»Von deinem Standpunkt aus, Cathy. Den ihren kennst du nicht. Und das eine kann ich dir sagen - dieser Wahnsinnige, dieser Borowski, hat uns ganz schön am Wickel. Eines seiner
Opfer ist ein Mann, über den keiner reden will. Nicht einmal dir werde ich seinen Namen sagen, Mädchen.«
»Tust du das, wenn ich dir mehr Informationen bringe?«
»Wahrscheinlich nicht, aber du kannst es ja versuchen.«
Catherine Staples saß an ihrem Schreibtisch und filterte die Worte noch einmal durch.
Eines seiner Opfer ist ein Mann, über den keiner reden will.
Was meinte Ballantyne damit? Was ging da vor? Und warum war eine kanadische Wirtschaftswissenschaftlerin mitten in diesen Wirbelsturm geraten?
Wenigstens war Marie in Sicherheit.
Botschafter Havilland betrat mit dem Aktenkoffer in der Hand das Büro am Victoria Peak, und McAllister sprang aus seinem Sessel hoch, um ihn seinem Vorgesetzten freizumachen.
»Bleiben Sie, wo Sie sind, Edward. Was gibt es Neues?«
»Leider nichts.«
»Herrgott, das will ich nicht hören!«
»Tut mir leid.«
»Wo steckt der beschissene Kretin, der das zugelassen hat?«
McAllister wurde bleich, als Major Lin Wenzu, den Havilland nicht gesehen hatte, sich von der Couch an der hinteren Zimmerwand erhob. »Ich bin der beschissene Kretin, das Schlitzauge, dem das passiert ist, Herr Botschafter.«
»Ich werde mich nicht entschuldigen«, sagte Havilland schroff und wandte sich ihm zu. »Schließlich wollen wir euren Hals retten. Wir werden das überleben. Ihr nicht.«
»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu verstehen.«
»Es ist nicht seine Schuld«, protestierte der Staatssekretär.
»Ist es dann die Ihre!« schrie der Botschafter. »Waren Sie für ihre Bewachung verantwortlich?« »Ich bin hier für alles verantwortlich.«
»Das ist sehr christlich gedacht, Mr. McAllister, aber im Augenblick sind wir nicht in der Sonntagsschule und lesen auch nicht die Heilige Schrift.«
»Ich war dafür verantwortlich«, schaltete Lin sich ein. »Ich habe den Auftrag übernommen und versagt. Um es einfach auszudrücken, die Frau hat uns ausgetrickst.«
»Sie sind Lin vom MI-6?«
»Ja, Herr Botschafter.«
»Ich habe viel Gutes über Sie gehört.«
»Das hat jetzt sicher nichts mehr zu sagen.«
»Ich habe gehört, daß sie auch einen ausgesprochen tüchtigen Arzt ausgetrickst haben soll.«
»Das hat sie«, bestätigte McAllister. »Einen der besten Internisten im Territorium.«
»Ein Engländer«, fügte Lin hinzu.
»Das war nicht nötig, Major. Ebensowenig wie es nötig war, das Wort Schlitzauge in bezug auf Ihre Person zu verwenden. Ich bin kein Rassist. Die Welt weiß das nicht, aber für solchen Scheißdreck hat sie keine Zeit.« Havilland trat an den Schreibtisch, legte den Aktenkoffer darauf, klappte ihn auf und entnahm ihm einen dicken, schwarz geränderten Umschlag. »Sie haben die Treadstone-Akte verlangt. Hier ist sie. Ich brauche wohl nicht ausdrücklich zu sagen, daß die Akte diesen Raum nicht verlassen darf. Wenn Sie nicht darin lesen, sperren Sie sie im Safe ein.«
»Ich möchte so schnell wie möglich anfangen.«
»Sie glauben, Sie werden dort etwas finden?«
»Ich weiß nicht, wo ich sonst nachsehen soll. Übrigens, ich bin in ein Büro weiter unten am Flur umgezogen. Der Safe ist hier.«
»Sie können kommen und gehen, wie Sie wollen«, sagte der Diplomat. »Wieviel haben Sie dem Major gesagt?«
»Nur das, wozu man mich angewiesen hat.« McAllister sah Lin Wenzu an. »Er hat sich häufig beschwert und mehr wissen wollen. Vielleicht hat er recht.«
»Ich bin nicht in der Lage, mich zu beschweren, Edward. London hat sich unmißverständlich ausgedrückt, Herr Botschafter. Natürlich akzeptiere ich die Bedingungen.«
»Ich möchte nicht, daß Sie irgend etwas >akzeptieren<, Major. Ich möchte, daß Sie mehr Angst haben, als Sie in Ihrem ganzen Leben je gehabt haben. Wir werden jetzt Mr. McAllister seiner Lektüre überlassen und einen kleinen Spaziergang machen. Ich habe, als man mich hierher fuhr, einen großen, sehr hübschen Garten gesehen. Kommen Sie mit?«
»Es wäre mir eine Ehre, Sir.«
»Das möchte ich bezweifeln, aber es ist notwendig. Sie müssen das alles von Grund auf verstehen. Sie müssen diese Frau finden!«
Marie stand am Fenster in Catherines Wohnung und blickte auf das rege Treiben auf der Straße hinab. Die Straßen waren wie stets überfüllt, und sie empfand den überwältigenden Drang, das Appartement zu verlassen und sich anonym unter die Menge zu mischen und durch die Straßen zu laufen, in das Asian House zu gehen, in der Hoffnung, David zu finden. Dann würde sie sich wenigstens bewegen, Leute anstarren, hören, hoffen - und nicht immer nur stumm vor sich hingrübeln und dabei fast den Verstand verlieren. Aber sie konnte nicht weg; sie hatte Catherine ihr Wort gegeben. Sie hatte ihr versprochen, in der Wohnung zu bleiben, niemanden einzulassen und sich nur dann am Telefon zu melden, wenn es zuerst zweimal klingelte, dann wieder aufgelegt wurde und das Telefon gleich darauf noch mal läutete. Dann würde Catherine am Apparat sein.
Liebe Catherine, tüchtige Catherine - verängstigte Catherine. Sie versuchte, ihre Angst zu verbergen, aber man konnte diese Angst aus ihren tastenden Fragen heraushören, die zu schnell, zu eindringlich gestellt wurden, aus ihren viel zu fassungslosen Reaktionen auf Antworten, wenn sie schneller atmen mußte, während ihr Blick abschweifte und ihre Gedanken sich ganz offensichtlich überschlugen. Marie hatte das alles nicht verstanden, aber sie verstand sehr wohl, daß Catherine die Unterwelt des Fernen Ostens recht gut kannte, und wenn jemand mit solchem Wissen die Furcht vor dem Gehörten zu verbergen suchte, dann war an der Geschichte viel mehr dran, als die Erzählerin wußte.
Das Telefon. Es klingelte zweimal. Dann Stille. Dann ein drittes Klingeln. Marie rannte zum Couchtisch und hob den Hörer mitten im dritten Klingeln ab.
»Ja?«
»Marie, als dieser Lügner McAllister mit dir und deinem Mann sprach, hat er doch ein Variete in Tsim Sha Tsui erwähnt, wenn ich mich richtig erinnere. Habe ich recht?«
»Ja, das hat er. Er hat gesagt, eine Uzi - das ist eine Waffe -«
»Ich weiß, was eine Uzi ist. Angeblich sind die Frau des Taipan und ihr Liebhaber in Macao mit derselben Waffe umgebracht worden. War es nicht so?«
»So war es.«
»Aber hat er etwas über die Männer gesagt, die in dem Variete drüben in Kowloon getötet worden sind? Irgend etwas?«
Marie dachte nach. »Nein, ich glaube nicht. Nur die Waffe hat er erwähnt.«
»Und das weißt du ganz genau?«
»Ja. Sonst würde ich mich daran erinnern.«
»Bestimmt«, gab Catherine ihr recht.
»Ich bin dieses Gespräch tausendmal durchgegangen. Hast du etwas herausbekommen?«
»Ja. Im Lisboa-Hotel in Macao hat sich nie ein solcher Mord abgespielt, wie McAllister ihn euch geschildert hat.«
»Das ist vertuscht worden. Der Bankier hat dafür bezahlt.«
»Soviel wie mein verläßlicher Informant kann er gar nicht bezahlt haben - und mein Informant hat nicht nur in Geld, sondern mit dem begehrten makellosen Stempel seines Amtes bezahlt. Auf lange Sicht bringt das mehr ein. Vor allem beim Austausch von Informationen.«
»Catherine, was willst du damit sagen?«
»Daß das entweder die ungeschickteste Operation ist, von der ich je gehört habe, oder ein brillant ausgeheckter Plan, um deinen Mann in Machenschaften hineinzuziehen, die er nie in Betracht gezogen hätte, an denen er sich ganz bestimmt nie beteiligt hätte. Ich fürchte letzteres.«
»Warum sagst du das?«