»Ein Mann ist heute nachmittag auf dem Kai-tak-Flughafen angekommen, ein Staatsmann, der stets viel mehr als ein bloßer Diplomat war. Wir alle wissen das, nur die Welt weiß es nicht. Seine Ankunft ist uns über Computer gemeldet worden. Als die Medien ihn interviewen wollten, hat er abgelehnt und erklärt, er mache lediglich Urlaub in seinem geliebten Hongkong.«
»Und?«
»Er hat in seinem ganzen Leben noch nie Urlaub genommen.«
McAllister rannte in den von einer Mauer umgebenen Garten mit seinen Spalieren und weißen Schmiedeeisenmöbeln und den Rosenbeeten und den kleinen Teichen hinaus. Er hatte die Treadstone-Akte in den Safe gelegt, aber was er gelesen hatte, war seinem Bewußtsein unauslöschlich eingeprägt. Wo waren sie? Wo war er?
Dort waren sie! Sie saßen auf zwei Betonbänken unter einem Kirschbaum. Lin beugte sich vor und war, seinem Ausdruck nach zu schließen, völlig gebannt. McAllister konnte einfach nicht anders; er fing zu rennen an und war außer Atem, als er den Baum erreichte. Er starrte den Major von MI-6 an.
»Lin! Als Webbs Frau mit ihrem Mann telefonierte - das Gespräch, das Sie dann unterbrochen haben -, was hat sie da genau gesagt?«
»Sie fing an, über eine Straße in Paris zu reden, mit einer Baumreihe, ihren Lieblingsbäumen, hat sie, glaube ich, gesagt«, erwiderte Lin verwirrt. »Sie versuchte offenbar, ihm zu sagen, wo sie war, aber das war völlig falsch.«
»Das war völlig richtig'. Als ich Sie ausgefragt habe, haben Sie auch erwähnt, sie habe Webb gesagt, auf dieser Straße in Paris sei es >schrecklich< gewesen, oder so etwas Ähnliches -«
»Ja, das hat sie gesagt.«
»In Paris ist ein Mann in der Botschaft getötet worden, ein Mann, der versucht hat, den beiden zu helfen!«
»Was wollen Sie damit sagen, McAllister?« unterbrach Havilland.
»Die Baumreihe ist ohne Belang, Herr Botschafter, aber nicht ihr Lieblingsbaum. Der Ahornbaum, das Ahomblatt. Das Symbol Kanadas! Es gibt in Hongkong keine kanadische Botschaft, wohl aber ein Konsulat. Das ist ihr Treffpunkt. Dasselbe Schema! Es ist wieder wie in Paris!«
»Sie haben keine befreundeten Botschaften - Konsulate -alarmiert?«
»Verdammt!« brach es aus dem Staatssekretär heraus. »Was, zum Teufel, hätte ich denn sagen sollen? Ich bin eidesstattlich zum Schweigen verpflichtet, haben Sie das vergessen, Sir?«
»Sie haben völlig recht. Den Tadel habe ich verdient.« »Sie können uns nicht ganz die Hände binden, Herr Botschafter«, sagte Lin. »Ich habe den allerhöchsten Respekt für Sie, aber einigen von uns gebührt auch ein gewisses Maß an Respekt, wenn wir unsere Arbeit tun sollen. Derselbe Respekt, den Sie mir gerade erwiesen haben, indem Sie mir von dieser schrecklichen Geschichte erzählt haben. Sheng Chou Yang. Unglaublich!«
»Ich muß mich auf absolute Diskretion verlassen.«
»Das können Sie«, sagte der Major.
»Das kanadische Konsulat«, sagte Havilland. »Ich brauche eine vollständige Liste des gesamten Konsulatspersonals.«
Kapitel 16
Der Anruf war um fünf Uhr nachmittags gekommen, Borowski war bereit gewesen. Es waren keine Namen gefallen.
»Es ist arrangiert«, sagte der Anrufer. »Wir sollen kurz vor einundzwanzig Uhr an der Grenze sein, wenn Wachwechsel ist. Ihr Visum für Shenzen wird überprüft, aber nicht abgestempelt werden. Sobald Sie drüben sind, sind Sie auf sich gestellt, aber Sie sind nicht über Macao eingereist.«
»Und wie ist es mit der Rückreise? Wenn das stimmt, was Sie mir gesagt haben und alles richtig läuft, komme ich nicht allein zurück.«
»Aber nicht mit mir. Ich bringe Sie hinüber und an den richtigen Ort. Anschließend verlasse ich Sie.«
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
»Das ist nicht so schwierig, wie hineinzukommen. Es sei denn, man durchsucht Sie und findet Schmuggelware.«
»Das wird man nicht.« »Dann würde ich vorschlagen, daß Sie sich betrunken stellen. Das fällt nicht auf. Außerhalb von Shenzen ist ein Flugplatz, der von speziellen -«
»Ich kenne ihn.«
»Sie waren vielleicht in der falschen Maschine, aber auch das fällt kaum auf. Die Flugpläne in China sind ausgesprochen unzuverlässig.«
»Was kostet das Arrangement heute abend?«
»Viertausend Hongkong-Dollar und eine neue Uhr.«
»Einverstanden.«
Etwa fünfzehn Kilometer nördlich des kleinen Dorfes Gongbei steigen die Hügel an und gehen kurz darauf in eine kleine, dicht bewaldete Bergkette über. Jason und sein Gegner aus der Passage in Macao gingen auf einem schmalen Fußweg. Der Chinese blieb stehen und blickte zu den Hügeln auf.
»Noch fünf oder sechs Kilometer, dann kommen wir an ein Feld. Das überqueren wir und gehen dann in den Wald. Wir müssen vorsichtig sein.«
»Sind Sie sicher, daß die dort sind?«
»Ich habe die Nachricht überbracht. Wenn dort ein Lagerfeuer brennt, sind sie dort.«
»Was war das für eine Nachricht?«
»Eine Lagebesprechung war nötig.«
»Warum jenseits der Grenze?«
»Sie konnte nur jenseits der Grenze stattfinden. Auch das stand in der Nachricht.«
»Aber Sie wissen nicht, warum.«
»Ich bin nur der Bote. Die Dinge sind nicht im Gleichgewicht.« »Das haben Sie gestern nacht schon gesagt. Können Sie mir nicht erklären, was Sie damit meinen?«
»Ich kann es mir selbst nicht erklären.«
»Könnte es deshalb sein, weil die Lagebesprechung hier stattfinden mußte? In China?«
»Das ist sicher ein Teil davon.«
»Gibt es noch mehr?«
»Wen ti«, sagte der Führer. »Fragen, die aus Gefühlen entstehen.«
»Ich glaube, das verstehe ich.« Und Jason verstand es tatsächlich. Er hatte dieselben Fragen, dieselben Gefühle gehabt, als er sah, wie der Meuchelmörder, der sich Borowski nannte, in einem Staatswagen der Volksrepublik China fuhr.
»Sie waren zu großzügig zu dem Grenzbeamten. Die Uhr war zu teuer.«
»Es könnte sein, daß ich ihn wieder brauche.«
»Vielleicht ist er nicht auf demselben Posten.«
»Ich werde ihn schon finden.«
»Er wird die Uhr verkaufen.«
»Gut. Dann bekommt er eine neue.«
Geduckt rannten sie durch das hohe Gras auf dem Feld, Borowski immer direkt hinter dem Führer; seine Augen
schweiften beständig zu ihren Flanken und nach vorne,
entdeckten Schatten in der Dunkelheit - aber völlig dunkel war es nicht. Schnelle, tieffliegende Wolken verdunkelten den Mond und filterten sein Licht, aber der Mondschein brach immer
wieder für kurze Augenblicke durch und beleuchtete die
Landschaft. Sie erreichten einen Steilhang mit hohen Bäumen. Der Chinese blieb stehen, drehte sich um und hob beide Hände.
»Was ist?« flüsterte Jason.
»Wir müssen langsamer gehen und ganz leise sein.«
»Streifen?«
Der Führer zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Da ist keine Harmonie.«
Sie krochen durch dichtes Unterholz, hielten jedesmal inne, wenn ein aufgescheuchter Vogel kreischte und dann sein Flügelschlag zu hören war. Das Summen des Waldes durchdrang alles; die Grillen zirpten ihre pausenlose Symphonie, eine einsame Eule schrie in der Ferne, dann gab ihr eine andere Antwort, und kleine Geschöpfe, Frettchen ähnlich, huschten durch das Unterholz. Jetzt hatten Borowski und sein Führer den Waldrand erreicht; vor ihnen erstreckte sich eine zweite Wiese mit hohem Gras, und in der Ferne waren die ausgezackten Umrisse eines weiteren steilen Waldstücks zu erkennen.
Und dort war noch etwas. Ein Feuerschein auf dem höchsten Punkt des nächsten Hügels, über den Baumwipfeln. Das war ein Lagerfeuer, das Lagerfeuer! Borowski mußte sich zusammenreißen, damit er nicht aufsprang, quer über die Wiese rannte und sich in den Wald stürzte, auf das Feuer zu. Doch alles hing jetzt davon ab, daß er Geduld hatte, und er agierte in einer Grauzone, die er gut kannte; unbestimmte Erinnerungen sagten ihm, daß er auf sich selbst vertrauen sollte - sie sagten ihm, daß er der Beste war. Geduld. Er würde das Feld überqueren und sich lautlos zu dem höchsten Punkt des Waldes schleichen; er würde eine Stelle im Wald finden, von der aus er einen guten Ausblick auf das Feuer und auf den Treffpunkt hatte. Er würde warten und beobachten; er würde wissen, wann er handeln mußte. Er hatte das in der Vergangenheit so oft getan