- er erinnerte sich jetzt nicht an Einzelheiten, wohl aber an das Schema. Ein Mann würde das Feuer verlassen, und er würde diesem Mann lautlos wie eine Katze durch den Wald folgen, bis der Augenblick kam. Und wiederum würde er den richtigen Augenblick wissen, und der Mann würde ihm gehören.
Marie, diesmal werde ich nicht versagen. Ich kann mich jetzt mit einer schrecklichen Art von Reinheit bewegen - ich weiß, das klingt verrückt, und doch ist es wahr ... ich kann mit Reinheit hassen. Dort bin ich, glaube ich, hergekommen. Drei blutige Leichen, die an ein Flußufer getrieben wurden, haben mich gelehrt zu hassen. Ein blutiger Handabdruck an einer Tür in Maine hat mich gelehrt, meinen Haß noch zu steigern und nicht zuzulassen, daß es wieder geschieht. Ich bin nicht oft anderer Meinung als du, meine Liebste, aber du hattest unrecht in Genf und unrecht in Paris. Ich bin ein Killer.
»Was ist denn mit Ihnen?« flüsterte der Führer, den Mund dicht an Jasons Ohr. »Sie haben nicht auf mein Signal reagiert!«
»Tut mir leid. Ich habe nachgedacht.«
»Das tue ich auch, peng you! Schließlich geht es um unser Leben!«
»Keine Sorge, Sie können jetzt gehen. Ich sehe das Feuer dort oben auf dem Hügel.« Borowski zog Geld aus der Tasche. »Ich gehe lieber allein. Die Gefahr, daß man einen Mann entdeckt, ist geringer als bei zweien.«
»Und wenn da andere Männer sind - Streifen? Sie haben mich in Macao niedergekämpft, aber ich bin in dieser Beziehung nicht schlecht.«
»Wenn solche Männer dort sind, will ich einen von ihnen finden.«
»Herr und Heiland, warum?«
»Ich brauche eine Waffe. Ich konnte das Risiko nicht eingehen, eine Pistole über die Grenze zu bringen.«
»Aiya!«
Jason reichte dem Mann das Geld. »Da haben Sie es. Neuntausendfünfhundert. Wollen Sie in den Wald zurückgehen und es zählen? Ich habe eine kleine Taschenlampe.«
»Man zweifelt nicht an dem Mann, der einen besiegt hat. Eine solche Ungehörigkeit wäre unwürdig.«
»Das sind große Worte, aber hüten Sie sich davor, in Amsterdam einen Diamanten zu kaufen. Verschwinden Sie. Das hier ist mein Territorium.«
»Und das hier ist meine Pistole«, sagte der Führer und zog eine Waffe aus dem Gürtel und reichte sie Borowski, während er mit der anderen Hand das Geld nahm. »Schießen Sie damit, wenn Sie müssen. Das Magazin ist voll - neun Schuß. Sie ist nicht registriert, läßt sich nicht zu mir zurückverfolgen. Das habe ich von dem Franzosen gelernt.«
»Die haben Sie über die Grenze mitgebracht?«
»Sie haben die Uhr gekauft, nicht ich. Ich hätte sie in einen Müllsack werfen können, aber dann habe ich sein Gesicht gesehen. Ich werde sie jetzt nicht brauchen.«
»Danke. Aber das sollte ich Ihnen noch sagen - wenn Sie mich angelogen haben, werde ich Sie finden. Darauf können Sie sich verlassen.«
»Dann wären es nicht meine Lügen, und Sie bekämen Ihr Geld zurück.«
»Sie sind einmalig.«
»Sie haben mich besiegt. Ich muß in allen Dingen ehrenwert sein.«
Borowski kroch langsam, ganz langsam durch das stachlige hohe Gras, das voll Nesseln war, zog sich die Stacheln vom Hals und der Stirn und war froh, daß die Nylonjacke sie abstieß. Er wußte instinktiv etwas, was sein Führer nicht wußte, nämlich warum er den Chinesen nicht bei sich haben wollte. Eine Wiese mit hohem Gras war der beste Ort für Streifen; die Halme bewegten sich, wenn Eindringlinge durch sie krochen. Deshalb mußte man die schwankenden Grashalme vom Boden aus beobachten und durfte sich nur dann bewegen, wenn eine Brise darüberstrich.
Er sah den Waldrand, Bäume, die am Ende der Grasfläche aufragten. Er richtete sich vorsichtig ein Stück weit auf und ließ sich dann schnell wieder fallen. Er blieb reglos liegen. Vor ihm, zu seiner Rechten, stand ein Mann am Wiesenrand; er hielt ein Gewehr in der Hand und beobachtete das Gras im Mondlicht, hielt nach Halmen Ausschau, die sich gegen die Brise bewegten. Ein Windstoß wehte von den Bergen herunter. Borowski nutzte ihn aus, kam bis auf drei Meter an den Mann heran. Zentimeter für Zentimeter kroch er auf den Wiesenrand zu; er bewegte sich jetzt parallel zu dem Mann, dessen Konzentration sich nach vorn, nicht auf die Seiten richtete. Jason hob den Kopf, um über die Grashalme wegsehen zu können. Der Mann blickte nach links. Jetzt!
Borowski sprang auf und warf sich mit einem Satz auf den Mann. In seiner Panik schwang der Wächter instinktiv den Gewehrkolben herum, um den plötzlichen Angriff abzuwehren. Jason packte die Waffe am Lauf, riß sie herum, ließ sie dem Mann auf den ungeschützten Schädel krachen und rammte ihm gleichzeitig das Knie in den Brustkorb. Der Posten brach zusammen. Borowski zerrte ihn schnell ins hohe Gras, wo er unsichtbar war. Mit so wenig Bewegung wie möglich zog er dem Posten die Jacke herunter und riß ihm das Hemd vom Rücken, fetzte das Tuch in Streifen. Wenige Augenblicke später war der Mann so gefesselt, daß er mit jeder Bewegung die Fesseln noch straffer zog. Er hatte einen Knebel im Mund, festgebunden mit einem Ärmel um den Kopf.
Normalerweise hätte Borowski, so wie in der Vergangenheit -er wußte instinktiv, daß das in ähnlichen Situationen sein normales Vorgehen gewesen war -, keine Zeit verloren und wäre quer durch den Wald auf das Feuer zugerannt. Statt dessen musterte er den bewußtlosen Asiaten, der vor ihm lag; irgend etwas störte ihn ... etwas paßte nicht ins Bild. Zuallererst hatte er erwartet, einen Posten in chinesischer Armeeuniform vorzufinden, denn er erinnerte sich nur allzu deutlich an den Dienstwagen in Shenzen und den Mann darin. Aber nicht nur die fehlende Uniform störte ihn, auch die Kleider, die der Mann trug. Sie waren billig und schmutzig und rochen nach ranzigen Speiseresten. Er bückte sich, drehte das Gesicht des Mannes herum, machte ihm den Mund auf; nur wenige Zähne, und die wenigen schwarz und faulig. Was für ein Posten war das, was für eine Streife? Das war ein Schläger - ohne Zweifel erfahren -, aber ein primitiver Verbrecher aus der Gosse Asiens, wo ein Menschenleben billig war. Und doch handelten die Männer bei dieser »Lagebesprechung« mit Zehntausenden von Dollar. Der Preis, den sie für ein Menschenleben bezahlten, war sehr hoch. Irgend etwas war hier tatsächlich nicht im Gleichgewicht.
Borowski packte das Gewehr und kroch aus dem Gras. Als er außer dem Säuseln des Waldes nichts hörte und auch nichts sah, richtete er sich auf und rannte zwischen die Bäume. Er arbeitete sich schnell und lautlos nach oben und hielt wie vorher jedesmal an, wenn ein Vogel schrie oder Schwingen flatterten oder das Grillenkonzert verstummte. Er kroch diesmal nicht auf dem Bauch, sondern auf Knien und Ellbogen und hielt den Gewehrlauf fest, um die Waffe, wenn nötig, als Keule zu benutzen. Schießen würde er nicht, es sei denn, sein Leben hinge davon ab, er durfte die Leute am Feuer nicht warnen. Die Falle war jetzt am Zuschnappen, es war einzig und allein eine Frage der Geduld. Jetzt hatte er den höchsten Punkt des Waldes erreicht und glitt hinter einen Felsbrocken am Rand des Lagerplatzes. Lautlos legte er das Gewehr ab und zog die Pistole aus dem Gürtel, die der Führer ihm gegeben hatte. Er spähte um den Felsbrocken herum.