Jetzt sah er, was er schon auf der Wiese erwartet hatte. Ein Soldat in Uniform mit einer Waffe an der Hüfte stand knappe sechs Meter links von dem Feuer. Es war, als wollte er gesehen, aber nicht erkannt werden. Nicht im Gleichgewicht. Der Mann sah auf die Uhr; das Warten hatte angefangen.
Es dauerte fast eine Stunde. Der Soldat hatte in der Zeit fünf Zigaretten geraucht; Jason hatte sich nicht von der Stelle gerührt und nur verhalten geatmet. Und dann geschah es, langsam, ohne Fanfarenstoß, ein Auftritt ohne jegliche Dramatik. Eine zweite Gestalt tauchte auf; ganz gemächlich kam sie aus den Schatten heraus, schob die Zweige auseinander und trat aus dem Wald heraus. Und dann zuckten ohne Warnung Blitze vom Nachthimmel und brannten sich in David Webbs Kopf, betäubten Jason Borowskis Bewußtsein.
Denn als der Mann in den Feuerschein trat, stöhnte Borowski auf und umkrampfte den Lauf der Pistole, um nicht zu schreien -oder zu töten. Er sah ein Gespenst seiner selbst, einen Geist aus der Vergangenheit, der jetzt wieder umging und Jagd auf ihn machte, auch wenn er im Augenblick selbst der Gejagte war. Das Gesicht war zugleich sein Gesicht und doch nicht das seine
- vielleicht das Gesicht, wie es gewesen war, ehe die Chirurgen es zum Gesicht von Jason Borowski machten. Ebenso wie der schlanke, straffe Körper war auch das Gesicht jünger - jünger als der legendäre Mann, den er imitierte -, und in seiner Jugend lag Kraft, die Kraft eines Delta von Medusa. Es war unglaublich, da war selbst der vorsichtige, katzenhafte Gang, die locker schwingenden langen Arme, die sich so meisterhaft auf die Kunst des Tötens verstanden. Es war Delta, der Delta, von dem man ihm erzählt hatte, der Delta, der Kain geworden war und schließlich Jason Borowski. Er sah sich selbst und doch nicht sich selbst, und dennoch einen Killer. Einen Meuchelmörder.
Ein Krachen in der Ferne durchbrach die Geräusche des Bergwaldes. Der Meuchelmörder blieb stehen, wirbelte dann vom Feuer weg und tauchte nach rechts, während der Soldat sich zu Boden fallen ließ. Eine ohrenbetäubende, hallende Gewehrsalve brach aus dem Wald; der Killer wälzte sich blitzschnell im Gras, und die Kugeln fetzten die Erde auf, während er das schützende Dickicht erreichte. Der chinesische Soldat hatte sich niedergekniet und feuerte wild in die Richtung des Meuchelmörders.
Und dann eskalierte der ohrenbetäubende Schlachtlärm. Die Explosionen waren immens. Eine erste Granate zerstörte den Lagerplatz, dann folgte eine zweite, die Bäume entwurzelte. Die trockenen, vom Wind zerzausten Äste fingen Feuer, und dann kam schließlich eine dritte Granate, die hoch in der Luft detonierte, mit ungeheurer Gewalt, an der Stelle, wo das Maschinengewehr gewesen war. Plötzlich waren überall Flammen, und Borowski schützte seine Augen, schob sich um den Felsbrocken herum, die Waffe in der Hand. Man hatte dem Killer eine Falle gestellt, und er war hineingelaufen! Der chinesische Soldat war tot, zerfetzt, die Waffe war ihm aus der Hand geflogen. Plötzlich kam eine Gestalt von links gerannt, in das Inferno hinein, das gerade noch ein Lagerfeuer gewesen war, und dann wirbelte sie herum, rannte quer durch die Flammen, entdeckte Jason und schoß auf ihn. Der Meuchelmörder war in den Wald gerannt in der Hoffnung, die töten zu können, die ihn töten wollten. Borowski fuhr herum, sprang zuerst nach rechts, dann nach links und ließ sich zu Boden fallen, ohne den laufenden Mann aus den Augen zu lassen. Dann richtete er sich auf. Er durfte ihn nicht entkommen lassen! Er raste durch die wütenden Flammen; die Gestalt vor ihm bahnte sich den Weg durch die Bäume. Das war der Killer! Der Mann, der sich als tödliche Legende ausgab, die Asien in Furcht und Schrecken versetzte, der Mann, der sich eben diese Legende zunutze machte, indem er das Original zerstörte und die Frau, die jener Mann liebte. Borowski rannte, wie er noch nie zuvor gerannt war, wich Bäumen aus und sprang so behend über das Unterholz, als lägen nicht Jahre zwischen Medusa und der Gegenwart. Er war wieder bei Medusa. Er war Medusa! Und alle zehn Meter schrumpfte der Abstand um fünf zusammen. Er kannte die Wälder, und jeder Wald war ein Dschungel, und jeder Dschungel sein Freund. Er hatte in den Dschungeln überlebt; er kannte instinktiv ihre Schleichpfade, ihr Gestrüpp, die Löcher im Boden und die Gräben. Er holte auf, holte auf! Und dann war der Killer nur noch wenige Schritte vor ihm.
Mit, wie ihm schien, der letzten Luft, die er bekam, sprang Jason ihn an, sprang Borowski Borowski an! Seine Hände waren die Krallen einer Bergkatze, als er die Schultern der rennenden Gestalt vor sich packte, und seine Finger gruben sich in das harte Fleisch und die Knochen, als er den Killer herumriß, die Absätze in die Erde stemmte und dem Mann das rechte Knie gegen die Wirbelsäule rammte. In seiner Raserei mußte er sich mit Gewalt daran erinnern, daß er ihn nicht umbringen durfte. Bleib am Leben! Du bist meine Freiheit, unsere Freiheit!
Der Meuchelmörder schrie auf, als der echte Jason Borowski ihm mit dem Arm den Hals zudrückte, seinen Kopf nach rechts preßte und ihn schließlich zu Boden drückte. Beide stürzten, aber Borowskis Unterarm lag immer noch an der Kehle des Mannes, und mit der linken geballten Faust schlug er dem Killer in den Unterleib und trieb die Luft aus seinem geschwächten Körper.
Das Gesicht? Das Gesicht? Wo war das Gesicht aus der Vergangenheit? Das einem Gespenst gehörte, das ihn in eine Hölle zurückholen wollte, die sein Gedächtnis verdrängt hatte. Wo war das Gesicht? Das war es nicht!
»Delta!« schrie der Mann unter ihm.
»Wie haben Sie mich genannt?« brüllte Borowski.
»Delta!« kreischte die sich windende Gestalt. »Kain ist für Carlos, Delta ist für Kainl«
»Zur Hölle mit Ihnen! Wer -«
»D'Anjou! Ich bin d'Anjou! Medusa! Tarn Quan! Wir haben keine Namen, nur Symbole! Um Gottes willen, Paris! Der Louvre! Sie haben mir in Paris das Leben gerettet - so wie Sie bei Medusa so vielen das Leben gerettet haben! Ich bin d'Anjoul
Ich habe Ihnen in Paris gesagt, was Sie wissen mußten! Sie sind Jason Borowski! Der Irre, der vor uns flieht, ist nur ein Geschöpf!Mein Geschöpf!«
Webb starrte das verzerrte Gesicht unter sich an, den perfekt gestutzten grauen Schnurrbart und das silbergraue Haar. Der Alptraum war zurückgekehrt ... er war wieder in den dampfenden Dschungeln von Tarn Quan, und es gab keinen Weg aus dem Dschungel, und rings um sie lauerte der Tod. Und dann war er plötzlich in Paris und näherte sich im grellen Nachmittagssonnenschein den Louvretreppen. Schüsse. Quietschende Reifen, schreiende Menschen. Er mußte das Gesicht unter sich retten! Mußte das Gesicht retten, das zu Medusa gehörte, weil dieser Mann die fehlenden Stücke in dem irrwitzigen Puzzle liefern konnte!
»D'Anjou?« flüsterte Jason. »Sie sind d'Anjou?«
»Wenn Sie meinen Hals loslassen«, würgte der Franzose, »erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Sie können mir bestimmt auch eine erzählen.«
Philippe d'Anjou sah sich die Überreste des Lagerplatzes an, wo jetzt nur noch rauchende Trümmer waren. Er bekreuzigte sich, während er die Taschen des toten Soldaten durchsuchte und ihnen alles Wertvolle entnahm. »Wenn wir gehen, befreien wir den Mann auf der Wiese«, sagte er. »Es gibt keinen anderen Zugang zu diesem Platz. Deshalb habe ich ihn dort unten aufgestellt.«
»Und wonach sollte er Ausschau halten?«
»Ich komme wie Sie von Medusa. Wiesen sind - allen Dichtern und Verbrauchern zum Trotz - gleichzeitig Straßen und Fallen. Guerillas wissen das. Wir wußten das.«
»Mit mir können Sie nicht gerechnet haben.« »Kaum. Aber ich habe jeden Schachzug meines Geschöpfes im voraus berechnet. Er sollte allein kommen. Die Anweisungen waren klar, aber wer kann ihm schon trauen? Ich zuallerletzt.«