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»Vom Royal Commando«, sagte Jason leise. »Das paßt ins Bild. Wer ist er?«

»Er ist ein Mann ohne Namen, aber nicht ohne eine makabre Geschichte«, antwortete d'Anjou und blickte zu den Bergen in der Ferne hinüber.

»Kein Name ...?«

»Er hat mir nie einen genannt, den er nicht im nächsten Atemzug wieder dementiert hätte - und keiner davon war auch nur im entferntesten authentisch. Er hütet diesen Namen, als wäre er sein ganzes Leben, als würde seine Enthüllung unvermeidbar zu seinem Tod führen. Er hat natürlich recht. Wenn ich seinen Namen wüßte, könnte ich ihn über einen

Strohmann an die britischen Behörden in Hongkong weitergeben. Dann würden dort die Computer heißlaufen, man würde Spezialisten aus London einfliegen und eine Jagd in Gang setzen, wie ich sie nie zustande bekäme. Sie würden ihn niemals lebend fangen - das würde er nicht zulassen, und ihnen wäre es gleichgültig - und damit hätte ich mein Ziel erreicht.«

»Warum wollen ihn die Briten liquidieren?«

»Kurz gesagt, Washington hat sein My Lai und seine Medusa gehabt, während London in viel jüngerer Vergangenheit eine Kommandotruppe hatte, angeführt von einem geisteskranken Mörder, der Hunderte von Menschen auf dem Gewissen hat -wobei er zwischen Schuldigen und Unschuldigen kaum einen Unterschied machte. Er trägt zu viele Geheimnisse im Kopf herum, die im Nahen Osten und in Afrika zu Vergeltungsmaßnahmen führen könnten, wenn sie bekannt würden. Die Staatsraison steht immer an erster Stelle, das wissen Sie. Oder sollten es wissen.«

»Er hat die Truppe angeführt?« fragte Borowski, ebenso verblüfft wie benommen.

»Er war kein gewöhnlicher Soldat, Delta. Er war mit zweiundzwanzig Captain und mit vierundzwanzig Major, und das zu einer Zeit, als Whitehalls leere Kassen Beförderungen fast unmöglich machten. Wenn er weiterhin Glück gehabt hätte, wäre er jetzt ohne Zweifel schon Brigadier oder sogar General.«

»Hat er Ihnen das gesagt?«

»Im Quartalssuff, wenn die häßliche Wahrheit nach oben trieb

- aber nie sein Name. Das passierte gewöhnlich ein- bis zweimal im Monat und dauerte dann immer ein paar Tage, und dann spuckte er sein ganzes Leben in einem besoffenen Meer von Selbsthaß aus. Aber bevor es zu solchen Ausbrüchen kam, war er immer ganz vernünftig und sagte, ich solle ihn anschnallen, einsperren, ihn vor sich selbst schützen ... Im Suff erlebte er das Entsetzliche aus seiner Vergangenheit noch einmal, und seine

Stimme wurde heiser und kehlig, hohl. Wenn der Alkohol über ihn Macht gewann, schilderte er Szenen der Folterung und der Verstümmelung, in denen er Gefangene verhörte und ihnen Messer in die Augen bohrte, ihnen die Handgelenke aufschlitzte und seinen Gefangenen befahl, dabei zuzusehen, wie ihr Leben aus ihren Adern rann. Soweit ich die einzelnen Bruchstücke zusammensetzen konnte, hat er die gefährlichsten und brutalsten Operationen gegen die Fanatikeraufstände Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre befehligt, angefangen vom Jemen bis zu den Blutbädern in Ostafrika. In einem Moment trunkenen Jubels sprach er davon, daß selbst Idi Amin bei der Erwähnung seines Namens den Atem angehalten habe, so weit verbreitet sei sein Ruf gewesen, es Idi Amin in seiner Strategie der Brutalität gleichzutun - ja, ihn zu übertreffen.« D'Anjou hielt inne, nickte langsam und zog die Brauen hoch, als akzeptiere er das Unerträgliche. »Er war ein Untermensch - ist ein Untermensch -, aber trotz alledem ein hochintelligenter sogenannter Offizier und Gentleman. Ein völliges Paradoxon, ein totaler Widerspruch für jeden zivilisierten Menschen ... Er lachte nur darüber, daß seine Truppen ihn verachteten und ihn als Bestie bezeichneten, und doch wagte es nie einer, offiziell Beschwerde einzulegen.«

»Warum nicht?« fragte Jason, von dem, was er hörte, aufgewühlt und gequält. »Warum haben sie ihn nicht angezeigt?«

»Weil er sie immer wieder heil herausgebracht hat - die meisten jedenfalls -, wenn die Schlacht hoffnungslos verloren schien.«

»Ich verstehe«, sagte Borowski und ließ die Bemerkung gleichsam in der Bergbrise hängen. »Nein, ich verstehe nicht«, rief er dann zornig, als hätte ihn plötzlich und unerwartet etwas gestochen. »Warum haben seine Vorgesetzten ihn gewähren lassen? Sie müssen es doch gewußt haben!«

»Wenn ich ihn in seinem Suff richtig verstanden habe, schaffte er es, Aufträge zu erledigen, die andere nicht geschafft haben - oder nicht anpacken wollten. Er hat das Geheimnis gelernt, das wir bei Medusa vor langer Zeit gelernt haben. Man muß die brutalsten Spielregeln des Feindes übernehmen - muß die Regeln je nach Kultur ändern. Schließlich ist für andere ein Menschenleben nicht das, was es in der jüdisch-christlichen Zivilisation ist. Wie könnte es auch? Für so viele ist der Tod eine Erlösung aus unerträglichen Lebensumständen.«

»Atmen ist atmen!« beharrte Jason schroff. »Leben ist leben, und Denken ist denken!« fügte David hinzu. »Er ist ein Neandertaler.«

»Er war auch nicht schlimmer, als es Delta manchmal war. Und wie oft haben Sie -«

»Sagen Sie das nicht!« fiel der Mann von Medusa dem Franzosen ins Wort. »Das war nicht das gleiche.«

»Aber vergleichbar«, beharrte d'Anjou. »Am Ende kommt es doch eigentlich nicht auf die Motive an. Nur auf die Resultate. Oder wollen Sie die Wahrheit nicht akzeptieren? Früher haben Sie sich der Wahrheit gestellt. Lebt Jason Borowski jetzt mit Lügen?«

»Im Augenblick lebe ich nur - von einem Tag zum nächsten, von einer Nacht zur nächsten, bis es vorbei ist. So oder so.«

»Sie müssen sich deutlicher ausdrücken.«

»Wenn ich will oder muß«, erwiderte Borowski eisig. »Er ist also gut, nicht wahr? Ihr namenloser Major von der Commando-Truppe. Er versteht sich auf das, was er tut.«

»Ebensogut wie Delta - vielleicht besser. Sehen Sie, er hat kein Gewissen, überhaupt keines. Sie andererseits, so gewalttätig Sie auch waren, haben gelegentlich Mitgefühl gezeigt. Irgend etwas in Ihnen verlangte das. >Verschont diesen Manne, haben Sie manchmal gesagt. >Er ist ein Ehemann, ein Vater, ein Bruder. Macht ihn kampfunfähig, aber laßt ihn am

Leben, sorgt dafür, daß er nicht zum Krüppel wird ... Mein Geschöpf, Ihr Doppelgänger, würde das nie tun. Er ist immer auf die Endlösung aus - will sein Opfer sterben sehen.«

»Was ist mit ihm passiert? Warum hat er in London soviel Menschen umgebracht? Bloßer Suff ist kein Grund, nicht nach allem, was er hinter sich hatte.«

»Doch, wenn es eine Art zu leben ist, von der man sich nicht lösen kann.«

»Man läßt die Waffe stecken, wenn man nicht bedroht wird. Sonst provoziert man die Bedrohung nur.«

»Er hat keine Waffe benutzt. In jener Nacht in London waren es die bloßen Hände.«

»Was?«

»Er streifte durch die Straßen und suchte nach eingebildeten Feinden - so habe ich mir das aus seinem besoffenen Geschwätz zusammengereimt. >Es war in ihren Augen! < schrie er. >Man kann es ihnen immer an den Augen ablesen! Sie wissen, wer ich bin, was ich bin.< Ich sage Ihnen, Delta, es war ebenso erschreckend wie ermüdend, und er hat mir nie einen Namen genannt, mir nie einen Hinweis gegeben, bis auf den von Idi Amin, mit dem auch jeder andere betrunkene Glücksritter prahlen würde, um anzugeben. Die Briten in Hongkong einzuschalten, würde bedeuten, daß ich Farbe bekenne, und das kann ich nach allem, was war, auf keinen Fall tun. Das Ganze ist so frustrierend, also habe ich die Methoden von Medusa benutzt. Tu es selbst. Sie haben uns das beigebracht, Delta. Sie haben uns immer wieder gesagt - uns befohlen -, wir sollten von unserer Phantasie Gebrauch machen. Und das habe ich heute nacht getan. Und es ist danebengegangen, wie es von einem alten Mann nicht anders zu erwarten war.«