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»Das hat sie getan?«

»Havilland hat erlaubt, daß ich Ihnen alles sage. Ja, das hat sie getan und ist damit durchgekommen. Wer sollte denn schon dagegen protestieren? Sie hatte das geheime Washington genau dort, wo sie es haben wollte. Verängstigt und verlegen, und beides bis über beide Ohren.«

»Je mehr ich erfahre, desto mehr bewundere ich sie.«

»Sie können sie bewundern, so sehr Sie wollen, aber Sie müssen sie finden.«

»Weil wir schon gerade vom Botschafter sprechen, wo ist er?«

»Er ißt gerade mit dem kanadischen Hochkommissar zu Mittag.«

»Wird er ihm alles sagen?«

»Nein, er wird blinde Unterstützung verlangen mit einem Telefon auf dem Tisch, um London zu erreichen. London wird den Hochkommissar anweisen, alles zu tun, worum Havilland ihn bittet. Das ist alles schon vorbereitet.«

»Der bringt die Dinge in Bewegung, wie?«

»Er ist einmalig. Er müßte jetzt jeden Augenblick wiederkommen, tatsächlich hat er sich bereits verspätet.« Das Telefon klingelte, und McAllister nahm ab. »Ja? ... Nein, er ist nicht hier. Wer? ... Ja, natürlich, ich werde mit ihm sprechen.« Der Staatssekretär legte die Hand über die Sprechmuschel und sagte zu dem Major gewandt: »Das ist unser Generalkonsul. Ich meine, der amerikanische.«

»Irgend etwas ist passiert«, sagte Lin und erhob sich nervös aus seinem Sessel.

»Ja, Mr. Lewis, hier spricht McAllister. Ich möchte Ihnen nur sagen, wie dankbar wir Ihnen für alles sind, Sir. Das Konsulat war äußerst kooperativ.«

Plötzlich ging die Tür auf, und Havilland kam ins Zimmer.

»Der amerikanische Generalkonsul ist am Apparat, Herr Botschafter«, sagte Lin. »Ich glaube, er wollte mit Ihnen sprechen.«

»Jetzt ist keine Zeit für seine verdammten Dinnerpartys.«

»Einen Augenblick, Mr. Lewis. Der Botschafter ist gerade gekommen. Sie wollen sicher mit ihm sprechen.« McAllister reichte Havilland, der schnell an den Schreibtisch trat, das Telefon.

»Ja, Jonathan, was ist?« Der hochgewachsene, schlanke Botschafter stand lauschend da, seine Augen fixierten einen unsichtbaren Punkt im Garten. Schließlich meinte er: »Danke, Jonathan, das haben Sie richtig gemacht. Sagen Sie absolut nichts, zu niemandem, und überlassen Sie das Weitere mir.« Havilland legte auf und sah zuerst McAllister und dann Lin an. »Unser Durchbruch - wenn es ein solcher ist - kam eben aus der falschen Richtung. Nicht aus dem kanadischen, sondern aus dem amerikanischen Konsulat.«

»Das paßt nicht«, sagte McAllister. »Das ist nicht Paris, nicht die Straße mit dem Ahornbaum, dem Ahornblatt. Das ist das kanadische Konsulat, nicht das amerikanische.«

»Sollen wir den Hinweis deshalb übergehen?«

»Natürlich nicht. Was ist passiert?«

»Eine Kanadierin, deren amerikanischer Mann verschwunden ist, hat einen Attache namens Nelson auf der Garden Road angesprochen. Dieser Nelson hat angeboten, ihr zu helfen, mit ihr zur Polizei zu gehen, aber das hat sie abgelehnt. Sie wollte nicht zur Polizei und auch nicht mit ihm in sein Büro.«

»Hat sie irgendwelche Gründe dafür genannt?« fragte Lin. »Zuerst bittet sie um Hilfe und dann lehnt sie sie ab.«

»Nur, daß es persönliche Gründe seien. Nelson hat sie als angespannt und übernommen geschildert. Sie hat sich als Marie Webb zu erkennen gegeben und gesagt, ihr Mann sei vielleicht ins Konsulat gekommen und habe dort nach ihr gesucht. Ob Nelson sich erkundigen könne, sie würde ihn dann zurückrufen.«

»Das ist aber eindeutig nicht das, was sie vorher gesagt hat«, protestierte McAllister. »Da hat sie sich ganz eindeutig auf das bezogen, was ihnen in Paris widerfahren war, und das bedeutete, daß sie an einen Beamten ihrer eigenen Regierung, ihres eigenen Landes herantreten würde. Kanada.«

»Warum sind Sie so hartnäckig?« fragte Havilland. »Das soll keine Kritik sein, ich will es nur wissen.«

»Ich weiß nicht genau. Irgend etwas stimmt nicht. Unter anderem hat der Major gerade festgestellt, daß sie im kanadischen Konsulat war.«

»Oh?« Der Botschafter sah den Mann von MI-6 an.

»Die Sekretärin am Empfang hat es bestätigt. Die Beschreibung paßte ziemlich gut, ganz besonders für jemanden, der von einem Chamäleon ausgebildet worden ist. Ihre Geschichte war, sie habe ihrer Familie versprochen, sich nach einem entfernten Vetter zu erkundigen, dessen Familiennamen sie vergessen hatte. Die Empfangssekretärin gab ihr ein Telefonverzeichnis, und sie hat es durchgeblättert.«

»Sie hat jemanden gefunden, den sie kannte«, unterbrach McAllister. »Sie hat den Kontakt hergestellt.«

»Dann haben Sie Ihre Antwort«, sagte Havilland mit fester Stimme. »Sie erfuhr, daß ihr Mann nicht zu einer Straße mit einer Reihe von Ahornbäumen gegangen war, also entschied sie sich für das Nächstbeste, für das amerikanische Konsulat.«

»Und gibt sich zu erkennen, wo sie doch wissen muß, daß man in ganz Hongkong nach ihr sucht?«

»Einen falschen Namen anzugeben, hätte doch keinen Sinn«, erwiderte der Botschafter.

»Herr Botschafter«, sagte Lin Wenzu und wandte langsam den Blick von McAllister. »Ich habe gehört, was Sie dem amerikanischen Generalkonsul gesagt haben, nämlich, daß er niemandem etwas sagen soll. Und jetzt, wo ich begreife, weshalb Ihr Geheimhaltungsbedürfnis so groß ist, nehme ich an, daß Mr. Lewis nicht über die Situation informiert worden ist.«

»Das ist richtig, Major.«

»Wie kam er dann darauf, Sie anzurufen? Hier in Hongkong gehen oft Leute verloren. Ein verschwundener Mann oder eine verschwundene Frau ist nichts so Ungewöhnliches.«

Einen Augenblick lang zogen Zweifel über Havillands Gesicht. »Jonathan Lewis und ich kennen einander schon sehr lange«, sagte er, aber seiner Stimme fehlte dabei die gewohnte Autorität. »Er mag so etwas wie ein Bonvivant sein, aber ein Trottel ist er nicht - sonst wäre er nicht hier. Und die Begleitumstände, unter denen die Frau seinen Attache ansprach - nun, Lewis kennt mich und hat gewisse Schlüsse gezogen.« Der Diplomat wandte sich McAllister zu; als er jetzt fortfuhr, war seine Autorität langsam wieder zu spüren. »Rufen Sie Lewis zurück, Edward. Sagen Sie ihm, er soll diesen Nelson anweisen, auf einen Anruf von Ihnen zu warten. Ich würde eine etwas weniger direkte Methode vorziehen, aber dafür haben wir keine Zeit. Ich möchte, daß Sie ihn ausfragen, ihn über alles und jedes ausfragen, das Ihnen einfällt. Ich werde mithören.«

»Dann sind Sie also meiner Meinung«, sagte der Staatssekretär. »Irgend etwas stimmt nicht.«

»Ja«, antwortete Havilland und sah dabei Lin an. »Der Major hat es erkannt und ich nicht. Ich würde es etwas anders formulieren, aber mich stört das jetzt auch. Die Frage ist nicht, warum Lewis mich angerufen hat, sondern, weshalb ein Attache zu ihm ging. Was ist passiert - eine ungeheuer aufgeregte Frau sagt, ihr Mann sei verschwunden, will aber nicht zur Polizei gehen, das Konsulat nicht betreten. Normalerweise würde man eine solche Person als Verrückte abtun. Ganz sicher jedenfalls ist das auf den ersten Blick keine Angelegenheit, mit der man einen überarbeiteten Generalkonsul behelligt. Rufen Sie Lewis an.«

»Selbstverständlich. Aber zuerst - ist mit dem kanadischen Hochkommissar alles glattgegangen? Wird er uns unterstützen?«

»Die Antwort auf Ihre erste Frage lautet nein, es ist nicht alles glattgegangen. Was die zweite angeht - er hat keine Wahl.«

»Ich verstehe nicht.«

Havilland atmete tief und resigniert. »Er wird uns über Ottawa eine Liste sämtlicher Mitarbeiter seines Konsulats liefern, die in irgendeiner Weise einmal mit Marie St. Jacques zu tun hatten - aber nur widerwillig. Man hat ihm das zwar aufgetragen, aber er hat sich doch recht gesträubt. Erstens hat er vor vier Jahren selbst ein zweitägiges Seminar mit ihr mitgemacht, und er meint, das gleiche gelte wahrscheinlich für ein Viertel des Konsulats. Nicht daß sie sich an sie erinnern würde, wohl aber umgekehrt. Sie war >außergewöhnlich<, so hat er es formuliert. Außerdem sei sie eine Kanadierin, der von einer Bande von amerikanischen Arschlöchern - er hatte nicht die geringsten Hemmungen, dieses Wort zu gebrauchen -ziemlich übel mitgespielt worden sei, bei irgendeiner schwachsinnigen, kriminellen Operation - ja, das war seine Formulierung: schwachsinnig. Bei einer idiotischen Operation dieser Arschlöcher - tatsächlich, er hat es wiederholt -, die nie befriedigend aufgeklärt worden sei.« Der Botschafter hielt kurz inne, lächelte und stieß dann einen Laut aus, den man als Lachen deuten konnte. »Es war alles sehr erfrischend. Er hat kein Blatt vor den Mund genommen, und seit dem Tod meiner lieben Frau hat niemand mehr so mit mir geredet. Ich könnte mehr davon vertragen.«