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»Aber Sie haben ihm doch gesagt, daß es zu ihrem eigenen Vorteil ist? Daß wir sie finden müssen, ehe ihr ein Schaden zugefügt wird.«

»Ich gewann den deutlichen Eindruck, daß unser kanadischer Freund ernsthafte Zweifel an meinem Verstand hatte. Rufen Sie Lewis an. Der Himmel weiß, wann wir diese Liste bekommen. Unser Ahornblatt wird sie wahrscheinlich mit dem Zug von Ottawa nach Vancouver schicken lassen, und von dort aus auf einem langsamen Frachtdampfer nach Hongkong, wo sie in der Poststelle verlorengehen wird. Unterdessen haben wir einen Attache, der sich sehr eigenartig verhält. Er springt über Zäune, wenn kein Mensch von ihm solche Sprünge verlangt.«

»Ich kenne John Nelson, Sir«, sagte Lin. »Er ist ein intelligenter junger Mann und spricht ordentliches Chinesisch. Er ist recht populär.«

»Er ist noch ganz was anderes, Major.«

Nelson legte den Hörer auf. Auf seiner Stirn standen Schweißtröpfchen; er wischte sie mit dem Handrücken weg und war befriedigt, daß er in Anbetracht aller Umstände so gut gewesen war. Ganz besonders zufrieden war er damit, daß er die Stoßrichtung von McAllisters Fragen gegen den Frager selbst gerichtet hatte, wenn auch auf diplomatische Weise.

Warum hielten Sie es für angebracht, zum Generalkonsul zu gehen?

Mir scheint, Ihr Anruf gibt darauf die Antwort, Mr. McAllister. Ich hatte das Gefühl, daß etwas Außergewöhnliches geschehen war. Ich war der Meinung, der Konsul sollte das erfahren.

Aber die Frau hat sich geweigert, zur Polizei zu gehen; sie lehnte es sogar ab, das Konsulatsgebäude zu betreten.

Wie gesagt, es war außergewöhnlich, Sir. Sie war nervös und angespannt, aber nicht neben der Kappe.

Was?

Sie drückte sich völlig klar aus, man könnte sogar sagen beherrscht, und das trotz ihrer Angst.

Ich verstehe.

Das frage ich mich, Sir. Ich habe keine Ahnung, was der Generalkonsul Ihnen gesagt hat, aber ich habe ihm den Vorschlag gemacht, er könne angesichts des Hauses am Victoria Peak, der Marineinfanteristen und dann der Ankunft von Botschafter Havilland in Betracht ziehen, jemanden dort oben anzurufen.

Das haben Sie vorgeschlagen?

Ja, das habe ich.

Warum?

Ich glaube, es hätte wenig Zweck, wenn ich über diese Dinge Spekulationen anstellen würde, Mr. McAllister. Sie betreffen mich nicht.

Ja, Sie haben natürlich recht. Ich meine - ja, natürlich. Aber wir müssen diese Frau finden, Mr. Nelson. Ich habe Anweisung, Ihnen zu sagen, daß es sehr zu Ihrem Vorteil wäre, wenn Sie uns helfen würden.

Ich möchte Ihnen ja helfen, Sir. Wenn sie mich anruft, werde ich versuchen, irgendwo ein Zusammentreffen zu arrangieren und Sie dann anrufen. Ich weiß, daß ich richtig gehandelt habe, daß es richtig war, den Generalkonsul zu informieren.

Wir werden auf Ihren Anruf warten.

Catherine hatte ins Schwarze getroffen, dachte John Nelson, es gab da eine Verbindung. Eine so brisante Verbindung, daß er es nicht wagte, Catherine Staples von seinem Dienstapparat aus anzurufen. Aber wenn er sie anrief, würde er ihr ein paar recht bohrende Fragen stellen. Er hatte Vertrauen zu Catherine, aber trotz der Fotos und ihrer Konsequenzen war er nicht käuflich. Er stand auf und ging zur Tür. Daß ihm plötzlich ein Zahnarzttermin eingefallen war, würde als Ausrede ausreichen. Als er den Korridor hinunter zum Empfang ging, kehrten seine Gedanken zu Catherine Staples zurück. Catherine war eine der stärksten Persönlichkeiten, denen er je begegnet war, aber der Blick in ihren Augen hatte gestern abend nicht Stärke, sondern eine Art verzweifelter Furcht vermittelt. Das war eine Catherine, wie er sie noch nie gesehen hatte.

»Er hat Ihnen die Fragen im Mund umgedreht und sie sich zunutze gemacht«, sagte Havilland, der mit dem hünenhaften Lin Wenzu im Schlepptau zur Türe hereinkam. »Geben Sie mir recht, Major?«

»Ja, und das bedeutet, daß er auf die Fragen vorbereitet war.«

»Und das wiederum bedeutet, daß jemand ihn vorbereitet hat!«

»Wir hätten ihn nicht anrufen sollen«, sagte McAllister leise. Er saß hinter seinem Schreibtisch, und seine nervösen Finger massierten wieder seine rechte Schläfe. »Fast alles, was er gesagt hat, sollte eine Reaktion meinerseits provozieren.«

»Wir mußten ihn anrufen«, beharrte Havilland, »schon damit wir jetzt das wissen.«

»Er hat die Kontrolle behalten, ich habe sie verloren.«

»Sie konnten nicht anders reagieren, Edward«, sagte Lin, »sonst hätten Sie seine Motive anzweifeln müssen. Dann hätten Sie ihn aber praktisch bedroht.«

»Und im Augenblick wollen wir nicht, daß er sich bedroht fühlt«, stimmte Havilland zu. »Er besorgt für jemanden Informationen, und wir müssen herausfinden, wer das ist.«

»Und das bedeutet, daß Webbs Frau tatsächlich jemanden erreicht hat, den sie kannte, und dem Betreffenden alles gesagt hat.« McAllister lehnte sich vor. Seine Ellbogen waren auf den Tisch gestützt, seine Hände ineinander verschränkt.

»Sie hatten also doch recht«, sagte der Botschafter und sah den Unterstaatssekretär an. »Eine Straße mit ihren geliebten Ahornbäumen. Paris. Die unvermeidliche Wiederholung. Jetzt ist es ganz klar. Nelson ist für jemanden im kanadischen Konsulat tätig - und der oder die Betreffende wiederum steht mit Webbs Frau in Verbindung.«

McAllister blickte auf. »Dann ist Nelson entweder ein verfluchter Vollidiot oder ein noch viel größerer verfluchter Vollidiot. Er weiß nach eigener Aussage - zumindest tut er so -, daß er mit äußerst heiklen Informationen zu tun hat und daß ein Präsidentenberater involviert ist. Wenn man einmal davon absieht, daß er entlassen werden könnte, dann könnte ihm diese Geschichte dazu noch eine Gefängnisstrafe eintragen, wegen konspirativer Umtriebe gegen die Regierung.«

»Er ist kein Vollidiot, das kann ich Ihnen versichern«, sagte Lin.

»Dann gibt es entweder jemanden, der ihn zwingt, das gegen seinen Willen zu tun - höchstwahrscheinlich Erpressung -, oder er wird dafür bezahlt herauszufinden, ob es eine Verbindung zwischen Marie St. Jacques und diesem Haus am Victoria Peak gibt. Etwas anderes kann es nicht sein.« Havilland setzte sich mit gerunzelter Stirn auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch.

»Geben Sie mir einen Tag Zeit«, fuhr der Major von MI-6 fort. »Vielleicht kann ich es herausfinden. Wenn ja, werden wir die betreffende Person im Konsulat schnappen.«

»Nein«, sagte der Diplomat. »Sie haben bis acht Uhr heute abend Zeit. Wir können uns nicht einmal so viel Zeit leisten, aber wenn wir eine Konfrontation und sich daraus ergebende Peinlichkeiten vermeiden können, müssen wir das in Kauf nehmen. Alles kommt darauf an, daß wir das Problem im Griff behalten. Versuchen Sie es, Lin. Um Gottes willen, versuchen Sie es!«