Außer Atem erreichte sie die kurze Eingangshalle und nahm, so gut sie konnte, Haltung an, um die Blicke abzuwehren, die ihr von mehreren Mietern zugeworfen wurden, von denen einige kamen, andere gingen. Sie zählte nicht; sie konnte kaum sehen; sie mußte hinaus!
Mein Wagen steht in einer Garage, eine Straße rechts von dir, wenn du aus dem Haus kommst. Sie heißt Ming's. War es rechts? Oder war es links? Auf der Straße angekommen, zögerte sie. Rechts oder links? Sie versuchte zu denken. Was hatte Catherine gesagt? Rechts! Sie mußte nach rechts gehen; das war das erste, was ihr in den Sinn gekommen war. Darauf mußte sie sich verlassen.
Deine ersten Gedanken sind die besten, die genauesten, weil die Eindrücke in deinem Kopf gespeichert sind, so wie
Informationen in einer Datenbank. Und dein Kopf ist nichts anderes. Jason Borowski. Paris.
Sie fing zu rennen an. Der linke Schuh fiel ihr vom Fuß; sie blieb stehen, bückte sich, um ihn aufzuheben. Plötzlich kam ein Wagen um das Tor des Botanischen Gartens auf der anderen Straßenseite geschossen. Der Wagen bog im Halbkreis ab, und die Reifen quietschten auf dem Asphalt. Ein Mann sprang heraus und rannte auf sie zu.
Kapitel 18
Sie hatte keine andere Wahl. Sie war in die Enge getrieben, saß in der Falle. Marie schrie, und dann schrie sie wieder und wieder, und der chinesische Agent kam immer näher, und ihre hysterische Angst wuchs, als der Mann sie höflich, aber energisch am Arm packte. Sie erkannte ihn - er war einer von ihnen, einer von den Bürokraten! Ihre Schreie schwollen immer lauter an. Leute blieben auf der Straße stehen und drehten sich um. Ein paar Frauen stöhnten erschrocken auf und Männer traten zögernd auf sie zu, während andere sich verzweifelt nach der Polizei umsahen oder nach ihr riefen.
»Bitte, Mistreß!« rief der Asiate, bemüht, seine Stimme nicht zu laut werden zu lassen. »Es geschieht Ihnen nichts. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meinem Wagen begleite. Es ist zu Ihrem eigenen Schutz.«
»Helfen Sie mir doch!« kreischte Marie, während die Passanten sich rings um sie sammelten. »Dieser Mann ist ein Dieb! Er hat meine Handtasche gestohlen, mein Geld! Jetzt versucht er, mir meinen Schmuck wegzunehmen!«
»Jetzt hören Sie mal, Mann!« schrie ein älterer Engländer, humpelte auf sie zu und hob den Spazierstock. »Ich habe jemanden nach der Polizei geschickt, aber bis die da sind, werde ich Sie, bei Gott, selbst verprügeln!«
»Bitte, Sir«, beharrte der Mann von MI-6 mit leiser Stimme. »Das ist Angelegenheit der Behörden, und ich gehöre zu den Behörden. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen meinen Ausweis zeige.«
»Ganz ruhig, Kumpel!« brüllte eine Stimme, der man den Australier anhörte, und ein Mann sprang vor und schob den alten Engländer sacht beiseite. »Sie haben Mumm, alter Knacker, aber sparen Sie sich die Mühe! Mit diesen Gangstern wird ein Jüngerer besser fertig.« Jetzt stand der breitschultrige Australier vor dem chinesischen Agenten. »Nehmen Sie die Pfoten von der Dame, und zwar ein bißchen fix, wenn's recht ist.«
»Bitte, Sir, hier liegt ein Mißverständnis vor. Die Dame ist in Gefahr, und die Behörden möchten sie verhören.«
»Ich seh aber keine Uniform!«
»Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meine Papiere zeige.«
»Genau das hat er vor einer Stunde auch gesagt, als er mich an der Garden Road angriff«, schrie Marie hysterisch. »Da wollten mir die Leute auch helfen! Er hat alle angelogen! Und dann hat er mir die Handtasche gestohlen! Er hat mich verfolgt!« Marie wußte, daß nichts von dem, was sie hinausschrie, einen Sinn ergab. Sie konnte nur auf die Verwirrung hoffen, so wie Jason es sie gelehrt hatte.
»Ich sag's nicht noch mal, Kumpel«, schrie der Australier und trat einen weiteren Schritt vor. »Sie sollen Ihre Pfoten von der Lady nehmen!«
»Bitte, Sir, das geht nicht. Es sind bereits andere Beamte unterwegs.«
»Oh, sind sie das, wie? Ihr Gangster arbeitet in Banden, wie? Na, wenn die herkommen, werden sie Sie nicht mehr wieder erkennen!« Der Australier packte den Asiaten an der Schulter und riß ihn nach links herum, aber als der Mann von MI-6 sich um die eigene Achse drehte, fuhr sein rechter Fuß -mit ausgestreckter Schuhspitze, wie ein Messer - herum und bohrte sich dem Australier in den Leib. Der barmherzige Samariter aus dem fünften Erdteil klappte zusammen und fel auf die Knie.
»Ich bitte Sie noch einmal, Sir, behindern Sie mich nicht!«
»So, das bittest du mich also! Du schlitzäugiges Arschloch!« Der wütende Australier sprang auf, warf sich auf den Asiaten, und seine Fäuste trommelten auf den Mann von MI-6 ein. Die Menge brüllte Beifall - und plötzlich war Maries Arm frei. Dann mischten sich andere Geräusche in den Lärm. Sirenen, drei heranrasende Autos, darunter ein Notarztwagen. Jetzt kamen sie alle drei mit quietschenden Reifen zum Stillstand.
Marie bahnte sich ihren Weg durch die Menge, jetzt hatte sie das Pflaster erreicht, rannte auf die rote Tafel zu, die noch einen halben Häuserblock von ihr entfernt war. Die Schuhe waren ihr von den Füßen gefallen; die angeschwollenen, aufgerissenen Blasen brannten und schmerzten höllisch, aber jetzt war nicht die Zeit, an Schmerz zu denken. Sie mußte rennen, rennen, entkommen! Und dann übertönte die dröhnende Stimme den Lärm der Straße, und sie sah vor ihrem geistigen Auge das Bild eines hünenhaften Mannes. Das war der riesige Chinese, den sie den Major nannten.
»Mrs. Webb! Mrs. Webb, ich flehe Sie an! Bleiben Sie stehen! Wir wollen Ihnen nichts zuleide tun! Man wird Ihnen alles erklären! Aber bleiben Sie um Gottes willen stehen!«
Lauter Lügen, dachte Marie, Lügen würden sie ihr auftischen und noch mehr Lügen! Plötzlich rannten Leute auf sie zu. Was machten die? Warum ...? Und dann rasten sie an ihr vorbei, größtenteils Männer, aber nicht nur Männer, und sie begriff. Auf der Straße war Panik ausgebrochen - vielleicht ein Unfall, Verletzte, Tote. Das wollen wir sehen. Zusehen! Aus der Ferne natürlich.
Gelegenheiten werden sich anbieten. Du mußt sie erkennen, sie nutzen.
Und Marie fuhr plötzlich herum, duckte sich, bahnte sich ihren Weg durch die immer noch bewegte Menge auf den Randstein zu, blieb so geduckt wie möglich und rannte zu der Stelle zurück, wo man sie fast wieder eingefangen hätte. Dabei sah sie sich die ganze Zeit nach links um - beobachtete, hoffte. Und dann sah sie ihn. Inmitten der Laufenden! Der hünenhafte Major rannte vorbei, rannte in die entgegengesetzte Richtung; und bei ihm war ein zweiter Mann, ein zweiter gut gekleideter Mann, noch ein Bürokrat.
Die Menge war vorsichtig, so wie Menschenmassen das immer sind, schob sich nach vorne, aber nicht weit genug, um sich einmischen zu müssen. Was sie sahen, war für die chinesischen Zuschauer und für die Bewunderer der Kampfkünste Asiens alles andere als schmeichelhaft. Der breitschultrige, mutige Australier wehrte sich gleichzeitig gegen drei Angreifer. Die Flüche, die er dabei ausstieß, waren in ihrer Obszönität schon beinahe Kunstwerke. Plötzlich packte sich der Australier zum Erstaunen aller einen seiner Widersacher und stieß einen Schrei aus, dessen Stimmgewalt der des chinesischen Majors in nichts nachstand.
»Herrgott! Wollt ihr jetzt aufhören, ihr Spinner? Ihr seid keine Diebe, soviel versteh sogar ich! Die hat uns beide reingelegt!«