Marie rannte quer über die breite Straße zum Eingang des Botanischen Gartens. Unter einem Baum am Tor blieb sie stehen. Von hier aus konnte sie zu Mings Parkhaus hinübersehen. Der Major war an der Garage vorbeigeeilt und an ein paar Seitengassen kurz stehengeblieben, die von Arbuthnot Road abgingen, hatte seine Untergebenen in einige der Gassen geschickt und sich dabei die ganze Zeit nach seinen Helfern umgesehen. Aber mit denen war nichts anzufangen; das konnte Marie selbst sehen, während die Menge sich langsam zerstreute.
Alle drei atmeten schwer und lehnten an dem Notarztwagen, zu dem der Australier sie geführt hatte.
Ein Taxi fuhr bei Ming's vor. Zuerst stieg niemand aus, dann verließ der Fahrer den Wagen. Er ging in die offene Garage hinein und sprach mit jemandem hinter einer Glasscheibe. Dann verbeugte er sich dankend, kehrte zu seinem Wagen zurück und sagte etwas zu seinem Fahrgast. Der öffnete vorsichtig die Tür und stieg dann aus. Es war Catherine! Jetzt ging sie in die Garage hinein, viel schneller als der Fahrer, und redete auf den Mann hinter der Glasscheibe ein, schüttelte den Kopf und ließ damit erkennen, daß man ihr etwas gesagt hatte, was sie nicht hören wollte.
Plötzlich tauchte Wenzu auf, offensichtlich verärgert, daß seine Leute ihm nicht folgten. Jetzt war er im Begriff, an der Garage vorbeizugehen; er würde Catherine sehen!
»Carlos!« schrie Marie, die jetzt das Schlimmste annahm und wußte, daß seine Reaktion ihr alles sagen würde. »Delta!«
Der Major wirbelte herum, die Augen erschrocken aufgerissen. Marie rannte in den Botanischen Garten hinein; das war der Schlüssel! Kain ist für Delta und Carlos wird von Kain umgebracht werden ... oder wie auch immer die Codes lauteten, die in Paris verbreitet worden waren! Die mißbrauchten David wieder! Das war jetzt mehr als nur eine Wahrscheinlichkeit, das war die Realität! Sie - die Regierung der Vereinigten Staaten -schickte ihren Mann aus, um wieder die Rolle zu spielen, die ihn fast umgebracht hätte, die fast dazu geführt hätte, daß seine eigenen Leute ihn umbrachten! Was für Schweine waren das? ... Oder umgekehrt, was für ein Zweck heiligte solche Mittel, daß eine Regierung sie einsetzte?
Sie wußte jetzt mehr denn je, daß sie David finden mußte. Ihn finden, ehe er Risiken einging, die andere hätten auf sich nehmen müssen! Er hatte so viel gegeben, und jetzt verlangten sie noch mehr, verlangten dies auf die grausamste Weise, die man sich vorstellen konnte. Aber um ihn zu finden, mußte sie Catherine erreichen, die nicht mehr als hundert Meter von ihr entfernt war. Sie mußte den Feind weglocken und die Straße überqueren, ohne daß der Feind sie sah. Jason, was kann ich tun?
Sie verbarg sich hinter einem Gebüsch, zwängte sich noch tiefer hinein, während der Major durch das Eingangstor des Gartens rannte. Der hünenhafte Chinese blieb stehen und sah sich mit seinem durchdringenden Blick um, drehte sich dann um und rief nach seinem Helfer, der offenbar aus einer Seitengasse auf die Arbuthnot Road gekommen war. Der zweite Mann hatte Schwierigkeiten, die Straße zu überqueren; der Verkehr, den der Notarztwagen und die zwei weiteren Fahrzeuge behinderten, war langsamer geworden. Und dann wurde der Major plötzlich wütend, als er begriff, worauf die Verkehrsstockung zurückzuführen war.
»Diese Idioten sollen doch die Wagen wegschaffen!« brüllte er. »Schickt sie hier herüber ... Nein! Schickt einen zu dem Tor an der Albany Road. Die anderen hierher. Schnell!«
Immer mehr Passanten füllten jetzt die Straßen. Männer lockerten die Krawatten, die sie den ganzen Tag in ihren Büros getragen hatten, während die Frauen ihre hochhackigen Schuhe in der Tasche verstauten und sie durch Sandalen ersetzten. Männer schlössen sich ihren Frauen an, die mit Kinderwagen auf sie warteten; Liebespaare umarmten sich und schlenderten Arm in Arm zwischen der Blumenpracht dahin. Kinderlachen hallte durch die Gärten - und der Major behielt seinen Posten am Eingang. Marie schluckte; die Panik, die sie erfaßt hatte, wuchs. Der Notarztwagen und die zwei Streifenwagen setzten sich jetzt in Bewegung; der Verkehrsfluß normalisierte sich wieder.
Ein Knall! In der Nähe des Notarztwagens hatte ein ungeduldiger Fahrer den Wagen vor sich gerammt. Jetzt konnte der Major nicht mehr anders; ein Unfall so nahe bei seinem Dienstwagen zwang ihn vorzutreten, offenbar um sich zu vergewissern, ob seine Leute in den Vorfall verwickelt waren. Gelegenheiten werden sich anbieten ... nutze sie. Jetzt!
Marie rannte um das Gebüsch herum und eilte quer über das Gras, schloß sich vier Leuten an, die auf dem kiesbelegten Weg den Garten verließen. Sie blickte nach rechts, hatte Angst vor dem, was sie sehen würde, wußte aber gleichzeitig, daß sie keine andere Wahl hatte. Und dann sah sie sich in ihren schlimmsten Ängsten bestätigt; der hünenhafte Major hatte die Frauengestalt hinter sich geahnt - oder gesehen. Er hielt einen Augenblick lang unsicher inne und setzte sich dann mit langen Schritten, auf das Tor zu, in Bewegung.
Eine Hupe ertönte; vier kurze, schnelle Huptöne. Das war Catherine, sie winkte ihr durch das offene Fenster ihres kleinen japanischen Wagens zu, während Marie auf die Straße hinausrannte.
»Steig ein!« schrie Catherine.
»Er hat mich gesehe n!«
»Schnell!«
Marie sprang auf den Vordersitz, während Catherine bereits Gas gab und aus der Fahrzeugschlange ausscherte, halb auf den Bürgersteig rollte und sich dann in entgegengesetzter Richtung in den Verkehr einreihte. Sie bog in eine Seitenstraße und fuhr schnell bis zur nächsten Kreuzung, wo eine Tafel mit einem roten Pfeil nach rechts wies. Central. Business District. Catherine bog nach rechts ab.
»Catherine!« schrie Marie. »Er hat mich gesehen!«
»Schlimmer noch«, sagte Catherine. »Er hat den Wagen gesehen.«
»Ein zweitüriger grüner Mitsubishi!« schrie Wenzu in das tragbare Funkgerät. »Zulassungsnummer AOR-Fünf, drei, fünf, null - die Null könnte auch eine Sechs sein, aber das glaube ich nicht. Aber das macht nichts, die ersten drei Buchstaben reichen. Ich möchte, daß das an alle Stationen durchgegeben wird, Noteinsatz, über Polizeifunk! Fahrer und Beifahrer sind festzunehmen, und keine Gespräche mit beiden. Das ist eine Angelegenheit der Regierung. Und es sollen keinerlei Erklärungen abgegeben werden. Kümmern Sie sich darum! Sofort!«
Catherine Staples bog in ein Parkhaus an der Ice House Street. Einen knappen Häuserblock entfernt konnte man die rote Leuchtschrift des Mandarin-Hotels erkennen. »Wir mieten einen Wagen«, sagte Catherine, während sie ihr Ticket von dem Mann hinter dem Schalter entgegennahm. »Ich kenne ein paar Pagen im Hotel.«
»Wir parken? Sie parken?« Der grinsende Angestellte hoffte auf ersteres.
»Sie parken«, erwiderte Staples und zog ein paar HongkongDollar aus der Handtasche. »Gehen wir«, sagte sie zu Marie gewandt. »Und halte dich rechts von mir, im Schatten, dicht an den Gebäuden. Was machen deine Füße?«
»Dazu will ich lieber nichts sagen.«
»Dann laß es. Wir können jetzt ohnehin nichts machen. Kopf hoch, altes Mädchen.«
»Catherine, hör auf, wie C. Aubrey Smith zu reden.«
»Wer ist das denn?«
»Vergiß es. Ich mag alte Filme. Gehen wir.«
Die beiden Frauen gingen die Straße hinunter, Marie humpelnd, bis sie einen Seiteneingang des Mandarin erreicht hatten. Sie stiegen die Hoteltreppe hinauf und gingen hinein. »Rechts ist eine Damentoilette, hinter den Geschäften«, sagte Catherine.
»Ich sehe das Schild.«
»Warte dort auf mich. Ich komme, sobald ich alles geregelt habe.«
»Gibt es hier eine Drogerie?«
»Ich möchte nicht, daß man dich hier sieht. Deine Beschreibung ist inzwischen sicher schon überall.«