Er stand in der Halle und versuchte, eine erregte Frau zu besänftigen. Sie trat nach rechts und wartete, hoffte, Lee Tengs Blick aufzufangen. Sie hatte sich Teng warm gehalten und viele Kanadier zu ihm geschickt, wenn es Unterbringungsschwierigkeiten gab. Er war immer reichlich dafür bezahlt worden.
»Ja, kann ich Ihnen behilflich sein, Madam?« fragte der junge chinesische Angestellte und trat auf Catherine zu.
»Ich möchte auf Mr. Teng warten, wenn es Ihnen recht ist.«
»Mr. Teng ist sehr beschäftigt, Mrs. Sehr schlechte Zeit für Mr. Teng. Sind Sie Gast im Mandarin, Mrs.?«
»Ich wohne hier im Territorium und bin mit Mr. Teng befreundet. Wann immer es möglich ist, bringe ich meine Gäste hierher.«
»Oh ...?« Der Angestellte registrierte Catherines untouristischen Status. Er beugte sich vor und sagte mit vertraulich leiser Stimme: »Lee Teng hat heute abend schrecklichen Ärger. Die Dame nimmt an dem großen Ball im Government House teil, aber ihre Kleider sind in Bangkok. Sie muß glauben, Mr. Teng hätte Flügel unter dem Jackett und Düsenmotoren unter den Achseln, ja?«
»Eine interessante Theorie. Die Dame ist gerade angekommen?«
»Ja, Mrs. Aber sie hat viele Gepäckstücke. Das eine, das ihr jetzt fehlt, hat sie nicht vermißt. Zuerst hat sie ihrem Mann die Schuld gegeben und jetzt Lee Teng.«
»Wo ist ihr Mann?«
»In der Bar. Er hat angeboten, die nächste Maschine nach Bangkok zu nehmen, aber seine Freundlichkeit hat seine Frau nur noch zorniger gemacht. Er hat es abgelehnt, die Bar zu verlassen, und ich bin sicher, daß er in seinem jetzigen Zustand keine Freude mehr an dem Ball im Government House haben wird. Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein, während Mr. Teng sich bemüht, alle zu beruhigen.«
»Ich möchte einen Wagen mieten und brauche ihn schnell.«
»Aiya«, sagte der Angestellte. »Es ist sieben Uhr abends, und die meisten Mietagenturen sind geschlossen.«
»Ich bin sicher, daß es Ausnahmen gibt.«
»Vielleicht ein Hotelwagen mit einem Chauffeur?«
»Nur wenn sonst gar nichts anderes geht. Wie ich schon erwähnte, ich bin kein Hotelgast und bestehe auch nicht aus lauter Geld.«
>»Wer unter uns?<« fragte der Angestellte. »Wie es in dem guten Buch der Christen steht, irgendwo, glaube ich.«
»Das klingt richtig«, pflichtete Catherine ihm bei. »Bitte telefonieren Sie und tun Sie Ihr Bestes.«
Der junge Mann griff unter die Theke und zog eine in Plastik gebundene Liste der Mietwagenagenturen heraus. Er ging an ein Telefon, das ein paar Schritte rechts von ihm angebracht war, nahm den Hörer ab und fing zu wählen an. Catherine sah zu Lee Teng hinüber; er hatte unterdessen die erregte Dame aus der Mitte der Halle herausmanövriert, zu einer Miniaturpalme an der Wand, um zu verhindern, daß sie die anderen Gäste beunruhigte, die in der prunkvoll ausgestatteten Halle saßen, ihre Freunde begrüßten und Cocktails bestellten. Er sprach schnell und leise auf sie ein und schaffte es, wie Catherine feststellte, tatsächlich, sie zum Zuhören zu bringen. Wie berechtigt ihre Beschwerde auch sein mochte, dachte Catherine, die Frau war unmöglich. Sie trug eine Chinchillastola, und das in so ziemlich dem schlimmsten Klima, das es auf der ganzen Welt für so empfindlichen Pelz gab. Nicht daß sie selbst, Catherine Staples, je ein solches Problem gehabt hätte. So weit wäre es höchstens gekommen, wenn sie den auswärtigen Dienst aufgegeben hätte und bei Owen Staples geblieben wäre. Diesem Scheißkerl gehörten jetzt wenigstens vier Banken in Toronto. Eigentlich gar kein so übler Typ, und um ihre Schuldgefühle noch zu verstärken, hatte Owen auch nicht wieder geheiratet. Das ist nicht fair, Owen! Vor drei Jahren war sie ihm über den Weg gelaufen, nach ihrem Einsatz in Europa, während der Konferenz in Toronto, die die Briten organisiert hatten. Sie hatten im Mayfair-Club im King-Edward-Hotel ein paar Drinks genommen.
»Jetzt komm schon, Owen - bei deinem Aussehen, deinem Geld! - und dein gutes Aussehen hattest du schon, ehe du Geld hattest. Warum also nicht? Schließlich gibt's doch im Umkreis von fünf Häuserblocks tausend schöne Mädchen, die sich nach dir die Finger ablecken würden.«
»Einmal hat mir gereicht, Cathy. Das hast du mir beigebracht.«
»Ich weiß nicht, aber ich komme mir jetzt so richtig - oh, ich weiß wirklich nicht - irgendwie schuldig vor. Ich hab dich verlassen, Owen, aber nicht, weil ich dich nicht gemocht hätte.«
»>Gemocht< hast du mich?«
»Du weißt schon, was ich meine.«
»Ja, ich glaube schon.« Owen hatte gelacht. »Du hast mich schon aus den richtigen Gründen verlassen, und ich hab das auch ohne Groll hingenommen, aus ähnlichen Gründen. Wenn du noch fünf Minuten gewartet hättest, dann hätte ich dich wahrscheinlich hinausgeworfen. In dem Monat hatte ich die Miete bezahlt.«
»Du Schweinehund!«
»Ganz und gar nicht, wir haben uns beide nichts vorzuwerfen. Du hattest deinen Ehrgeiz und ich den meinen. Und das paßte einfach nicht zusammen.«
»Das erklärt aber noch lange nicht, warum du nicht wieder geheiratet hast.«
»Das habe ich dir doch gerade gesagt. Das habe ich von dir gelernt, meine Liebe.«
»Was hast du von mir gelernt? Daß der Ehrgeiz eines Menschen sich nie mit dem eines anderen vereinbaren läßt?«
»In so extremen Fällen wie bei uns, ja. Schau mal, ich habe gelernt, daß ich mich für niemanden auf Dauer interessieren konnte, der nicht das hatte, was du wahrscheinlich als leidenschaftlichen >Antrieb< bezeichnen würdest, daß ich aber nicht Tag für Tag mit einem solchen Menschen leben konnte. Und diejenigen, die keinen solchen Ehrgeiz besaßen, waren einfach in irgendeiner Beziehung leer. Nichts Dauerhaftes.«
»Aber was ist mit einer Familie? Kinder?«
»Ich habe zwei Kinder«, hatte Owen leise gesagt, »Kinder, die ich ungeheuer - mag. Ich liebe sie sehr, und ihre sehr ehrgeizigen Mütter sind schrecklich nett gewesen. Selbst die Männer, die sie später geheiratet haben, waren sehr verständnisvoll. Ich habe meine Kinder immer wieder gesehen, während sie heranwuchsen. Also hatte ich in gewissem Sinne drei Familien. Ganz zivilisiert, wenn auch manchmal etwas verwirrend.«
»Du? Das Urbild des konservativen Bankiers! Der Mann, von dem man sagte, daß er selbst zum Duschen das Nachthemd nicht auszieht! Ein Stützpfeiler der Kirche!«
»Das habe ich aufgegeben, als du mich verlassen hast. Außerdem war das nur Masche. Diplomatie, wenn du willst. Das machst du doch jeden Tag.«
»Owen, das hast du mir aber nie gesagt.«
»Du hast mich auch nicht gefragt, Cathy. Du hattest deinen Ehrgeiz und ich den meinen. Aber ich will dir sagen, was mir wirklich leid tut, wenn du das hören willst.«
»Ja.«
»Es tut mir aufrichtig leid, daß wir nie ein Kind hatten. Nach den beiden zu schließen, die ich habe, wäre es ein großartiges Kind geworden.«
»Du Schweinehund, jetzt fang ich gleich zu heulen an.«
»Bitte nicht. Laß uns ehrlich sein, keinem von uns beiden braucht es wirklich leid zu tun.«
Catherine wurde plötzlich aus ihren Träumen gerissen. Der Angestellte hatte den Telefonhörer aufgelegt und stützte sich jetzt mit beiden Händen triumphierend auf die Theke. »Sie haben Glück, Mrs.!« schrie er. »Der Disponent in der ApexAgentur am Bonham Strand East war noch da und hat noch Fahrzeuge, aber keinen, der eines hierherbringt.«
»Ich nehme ein Taxi. Schreiben Sie mir die Adresse auf.« Catherine sah sich nach der Hoteldrogerie um. In der Halle waren zu viele Leute, zuviel Durcheinander. »Wo kann ich etwas Hautcreme kaufen oder Vaseline; Sandalen oder Gummischlappen?« fragte sie, wieder dem Angestellten zugewandt.