»Dort hinten rechts ist ein Zeitungsstand, Mrs. Dort gibt es das, was Sie brauchen. Aber kann ich bitte Geld haben, Sie müssen dem Disponenten von Apex eine Quittung zeigen. Ich bekomme tausend Hongkong-Dollar, den Rest bekommen Sie zurück oder müssen draufzahlen -«
»So viel habe ich nicht bei mir. Ich muß meine Kreditkarte benutzen.«
»Um so besser.«
Catherine klappte ihre Handtasche auf und holte eine Kreditkarte aus einer Innentasche. »Ich bin gleich wieder da«, sagte sie, legte die Karte auf die Theke und machte sich auf den Weg zum Zeitungsstand. Ohne besonderen Grund sah sie zu Lee Teng und seiner erregten Lady hinüber, um leicht amüsiert festzustellen, daß die Dame in dem albernen Pelz jetzt dankbar nickte, während Teng auf die Ladenarkade wies, die man über eine Treppe erreichen konnte. Lee Teng war ein echter Diplomat. Ohne Zweifel hatte er der verzweifelten Frau erklärt, sie habe eine Chance, die sowohl ihren Bedürfnissen gerecht werden als auch ihrem verständnislosen Ehemann einen Schlag auf den finanziellen Solarplexus versetzen würde. Schließlich sei dies Hongkong, wo es alles zu kaufen gab, und für den richtigen Betrag auch rechtzeitig für den großen Ball im Government House. Catherine setzte ihren Weg fort.
»Catherine!« Der Name klang so scharf, daß sie erstarrte. »Bitte, Mrs. Catherinel«
Staples drehte sich halb erstarrt um. Es war Lee Teng, der sich von der Frau gelöst hatte. »Was ist denn?« fragte sie etwas verängstigt, während Lee Teng auf sie zukam. Er blickte besorgt, und an seinem bereits recht weit nach hinten gerutschten Haaransatz waren Schweißperlen zu erkennen.
»Ich habe Sie eben erst gesehen. Ich hatte ein Problem.«
»Ich weiß schon.«
»Und Sie haben auch eines, Catherine.«
»Wie bitte?«
Teng warf einen Blick zu der Empfangstheke hinüber, eigenartigerweise aber nicht auf den jungen Mann, der ihr behilflich gewesen war, sondern auf den anderen Angestellten, der am entgegengesetzten Ende stand. Der Mann war ganz alleine, hatte keine Gäste vor sich, musterte aber seinen Kollegen. »Verdammtes Pech!« rief Teng halblaut aus.
»Wovon reden Sie?« fragte Staples.
»Kommen Sie mit«, sagte der Concierge Nummer eins der Nachtschicht und zog Catherine beiseite, an eine Stelle, wo man sie von der Theke aus nicht sehen konnte. Er griff in die Tasche und nahm einen Computerausdruck heraus. »Von oben sind davon vier Kopien heruntergekommen. Drei davon habe ich an mich genommen, aber die vierte liegt unter der Theke.«
Notfall. Regierungskontrolle. Eine Kanadierin, die den Namen Mrs. Catherine Staples trägt, könnte versuchen, für persönliche Zwecke ein Automobil zu mieten. Sie ist siebenundfünfzig Jahre alt, mittelgroß, mit grauen Strähnen im Haar, schlanke Gestalt. Mietvorgang behindern und Polizeizentrale vier verständigen.
Lin hatte einen Schluß gezogen, der auf einer Beobachtung beruhte, dachte Catherine. Der Major wußte, daß jeder, der freiwillig in Hongkong einen Wagen steuerte, entweder verrückt war oder einen besonderen Grund dafür hatte. Der Mann handelte schnell und entschlossen. »Der junge Mann hat mir gerade am Bonham Strand East einen Wagen besorgt. Offensichtlich hat er das hier nicht gelesen.«
»Um die Zeit hat er für Sie einen Mietwagen ausfindig gemacht?«
»Er schreibt gerade die Rechnung aus. Meinen Sie, daß er das sehen wird?«
»Seinetwegen mache ich mir keine Sorgen. Er ist noch in der Ausbildung, und ich kann ihm sagen, was ich will, und er wird es akzeptieren. Nicht so der andere; der ist auf meinen Job scharf. Warten Sie hier. Lassen Sie sich nicht sehen.«
Teng ging zu der Theke hinüber, während der Angestellte mit dem Formular in der Hand sich ängstlich umsah. Lee nahm ihm das Papier weg und schob es in die Tasche. »Das ist jetzt nicht mehr nötig«, sagte er. »Unsere Kundin hat es sich anders überlegt. Sie hat in der Halle einen Bekannten gefunden, der sie fahren wird.«
»Oh? Dann sollte ich dem Kollegen Bescheid sagen. Der Betrag muß noch von der Kreditkartengesellschaft freigegeben werden, und das erledigt er für mich. Ich kenne mich da noch nicht so aus, und er hat sich erboten -«
Teng gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen und ging zu dem zweiten Angestellten, der bereits den Telefonhörer in der Hand hatte. »Sie können mir die Karte geben und den Anruf bleiben lassen. Ich habe jetzt für heute abend genug von Damen mit Problemen! Die hier hat eine andere Fahrgelegenheit gefunden.«
»Selbstverständlich, Mr. Teng«, sagte der zweite Angestellte beflissen. Er reichte ihm die Kreditkarte, entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung und legte den Hörer auf.
»Eine schlimme Nacht.« Teng zuckte die Achseln, drehte sich um und ging quer durch die Halle, auf Catherine zu. Dabei zog er die Brieftasche. »Wenn Sie knapp bei Kasse sind, kann ich Ihnen behilflich sein. Die Karte sollten Sie nicht benutzen.«
»Ich bin zu Hause oder auf der Bank nicht knapp, aber ich habe nicht soviel bei mir. Das gehört zu den ungeschriebenen Regeln.«
»Eine der besseren Regeln«, sagte Teng und nickte.
Catherine nahm die Geldscheine, die Teng in der Hand hielt, und blickte zu dem Chinesen auf. »Möchten Sie eine Erklärung hören?« fragte sie.
»Die braucht es nicht, Catherine. Was auch immer die Polizei sagt, ich weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, und wenn ich mich täusche und Sie weglaufen und ich mein Geld nicht wiedersehe, dann habe ich Ihnen immer noch viele tausend Hongkong-Dollar zu verdanken.«
»Ich werde nicht weglaufen, Teng.«
»Sie werden auch nicht zu Fuß gehen müssen. Einer der Chauffeure ist mir eine Gefälligkeit schuldig, und er ist jetzt in der Garage. Er fährt Sie zu Ihrem Wagen am Bonham Strand. Kommen Sie, ich bringe Sie hin.«
»Ich habe noch jemanden bei mir. Ich muß sie aus Hongkong herausschaffen. Sie ist auf der Damentoilette.«
»Ich warte im Flur. Beeilen Sie sich.«
»Manchmal glaube ich, daß die Zeit schneller vergeht, wenn wir mit Problemen überhäuft werden«, sagte der zweite, etwas ältere Angestellte zu seinem jüngeren, noch in Ausbildung begriffenen Kollegen, während er den Computerausdruck unter der Theke unauffällig an sich nahm und in die Tasche steckte.
»Wenn Sie recht haben, dann sind für Mr. Teng, seit er vor zwei Stunden seinen Dienst angetreten hat, kaum fünfzehn Minuten vergangen. Er ist sehr gut, nicht wahr?«
»Sein Kahlkopf hilft ihm. Die Leute erwarten von ihm Weisheit, selbst wenn er keine weisen Worte anzubieten hat.«
»Trotzdem. Er kann gut mit Menschen umgehen. Ich wünsche mir sehr, daß ich eines Tages so sein werde wie er.«
»Da brauchen Sie bloß etwas Haar zu verlieren«, sagte der zweite Angestellte. »Aber jetzt muß ich auf die Toilette, im Augenblick ist es ja etwas ruhiger. Übrigens, falls ich einmal eine Autovermietung brauche, die noch um die Zeit geöffnet hat, das war doch Apex am Bonham Strand Hast, nicht wahr?«
»O ja.«
»Das haben Sie sehr geschickt gemacht.«
»Ich habe mir einfach die Liste vorgenommen. Apex stand ziemlich am Ende.«
»Mancher von uns hätte vorher aufgehört. Das war sehr lobenswert.«
»Sie sind sehr liebenswürdig zu einem unwürdigen Anfänger.«
»Ich will nur Ihr Bestes«, sagte der Ältere. »Vergessen Sie das nie.«
Der ältere Mann verließ seinen Platz hinter der Theke und ging vorsichtig an den Topfpalmen vorbei, bis er Lee Teng sah. Der Nachtportier stand an der Mündung des Korridors nach rechts; das reichte. Er wartete auf die Frau. Der Angestellte machte kehrt und ging schnell die Treppe zu den Läden hinauf, obwohl seine Würde etwas darunter litt. Eilig betrat er die erste Boutique im Obergeschoß.