»Ich glaube, auf dem Rücksitz war nur ein Mann, Sir«, sagte der Fahrer.
»Sie könnten sich unter den Sitz geduckt haben! Diese verdammten Augen. Ein Mann, sagen Sie?«
»Ja, Sir.«
»Da stinkt etwas.«
»Warum, Herr Major?«
»Wenn ich das wüßte, wäre der Gestank nicht so kräftig.«
Das Warten ging weiter, und der hünenhafte Lin Wenzu begann zu schwitzen. Die untergehende Sonne warf ihr orangefarbenes Licht durch die Windschutzscheibe und erzeugte auf dem Bonham Strand East dunkle Schatten.
»Das dauert zu lang«, flüsterte der Major im Selbstgespräch.
Jetzt waren aus dem Funkgerät Störgeräusche zu hören. »Wir haben den Bericht von der Taxigesellschaft, Sir.«
»Raus damit!«
»Das betreffende Taxi sucht eine Importfirma am Bonham Strand East. Aber der Fahrer hat seinem Fahrgast gesagt, die Adresse müsse am Bonham Strand West sein. Sein Fahrgast ist offenbar sehr zornig. Er ist vor wenigen Augenblicken ausgestiegen und hat Geld durch das Fenster geworfen.«
»Abbrechen und hierher zurückkommen«, befahl Lin und sah in dem Augenblick, wie sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Garagentore der Apex-Agentur öffneten. Ein Wagen kam heraus und bog nach links; der Mann in Hemdsärmeln saß am Steuer.
Jetzt rann dem Major der Schweiß über das Gesicht. Etwas war hier nicht in Ordnung; eine andere Ordnung schob sich darüber. Doch was war es, was ihn da beunruhigte? Was war es?
»Er!« rief Lin seinem erschreckten Fahrer zu.
»Sir?«
»Ein zerdrücktes weißes Hemd, aber messerscharf gebügelte Hosen. Eine Uniform! Ein Chauffeur! Drehen Sie um! Folgen Sie ihm!«
Der Fahrer ließ die Hupe nicht los, machte auf der Straße kehrt und drängte sich brutal in den Verkehrsstrom, während der Major den anderen Wagen Anweisung gab, einem befahl, bei der Apex-Agentur zu bleiben, wogegen die anderen sich der neuen Verfolgungsjagd anschließen sollten.
»Aiya!« schrie der Fahrer und trat auf die Bremsen, so daß sie kreischend zum Stillstand kamen, als eine schwere braune Limousine aus einer Seitengasse schoß und ihnen den Weg versperrte. Es war nur zu einem ganz leichten Zusammenprall gekommen, der Dienstwagen hatte die linke Hintertüre des großen Wagens kaum berührt.
»Feng zu« schrie der Chauffeur der Limousine und hieß Lins Fahrer einen verrückten Hund, während er aus seinem Straßenkreuzer sprang, um festzustellen, ob sein Fahrzeug irgendeinen Schaden davongetragen hatte.
»Lau Lau« kreischte der Fahrer des Majors und sprang heraus.
»Aufhören!« brüllte Lin. »Sehen Sie zu, daß er hier verschwindet!«
»Er rührt sich ja nicht vom Fleck, Sir!«
»Sagen Sie ihm, daß er das muß! Zeigen Sie ihm Ihre Papiere!«
Der gesamte Verkehr war jetzt zum Stillstand gekommen; Hupen tönten, Menschen in Automobilen und auf der Straße schrien zornig. Der Major schloß die Augen und schüttelte bedrückt den Kopf. Ihm blieb jetzt nichts anderes übrig, als auszusteigen.
So wie es der Passagier der Limousine jetzt tat. Ein Chinese in mittleren Jahren, mit halb kahlem Schädel. »Ich nehme an, wir haben ein Problem«, sagte Lee Teng.
»Ich kenne Sie!« schrie Lin. »Das Mandarin-Hotel.«
»Viele kennen mich, die soviel Geschmack haben, unser schönes Hotel zu besuchen. Ich fürchte, daß ich leider nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Waren Sie Gast bei uns, Sir?«
»Was haben Sie hier zu suchen?«
»Ein vertraulicher Auftrag, den ich für einen Herrn im Mandarin erledige. Ich habe nicht die Absicht, mehr zu sagen.«
»Verdammt, verdammt! Eine Anweisung der Regierung ist ergangen! Eine Kanadierin namens Staples! Einer Ihrer Leute hat uns angerufen.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich war die letzte Stunde damit beschäftigt, ein Problem für eine Dame zu lösen, die heute abend an einem Ball im Government House teilnimmt. Es wäre mir ein Vergnügen, Ihnen ihren Namen zu liefern - falls Ihre Position das rechtfertigt.«
»Meine Position rechtfertigt das! Ich wiederhole: warum haben Sie uns aufgehalten?«
»Ich glaube, Ihr Fahrer ist bei Rot über die Kreuzung gefahren.«
»Nicht wahr!« schrie Lins Fahrer.
»Dann werden sich wohl die Gerichte damit befassen müssen«, sagte Lee Teng. »Können wir jetzt weiterfahren?«:
»Noch nicht!« erwiderte der Major und ging auf den Chefportier des Mandarin zu. »Ich wiederhole noch einmaclass="underline" In Ihrem Hotel ist eine Regierungsanweisung eingegangen. In ihr stand eindeutig, dne Frau namens Staples könnte versuchen, einen Wagen zu mieten. In dem Fall sollten Sie der Polizeizentrale vier Meldung machen.«
»Dann darf ich wiederholen, Sir. Ich bin seit einer guten Stunde nicht an meiner Theke gewesen und habe auch keine Anweisung der Art gesehen, wie Sie sie schildern. Aber ich werde Ihnen in Würdigung Ihrer bisher noch nicht gezeigten Papiere sagen, daß alle Mietvorgänge dieser Art über meinen ersten Assistenten laufen müssen, einen Mann, den ich, offen gestanden, in vieler Hinsicht als häufig recht unzuverlässig kennengelernt habe.«
»Aber Sie sind hier!«
»Wie viele Gäste des Mandarin haben Geschäfte am Bonham Strand East, Sir? Akzeptieren Sie den Zufall.«
»Ihre Augen lächeln mich an, Zhongguo ren.«
»Ohne zu lachen, Sir. Ich fahre jetzt weiter. Der Schaden ist geringfügig.«
»Mir ist es ganz egal, ob Sie und Ihre Leute die ganze Nacht dort bleiben müssen«, sagte Botschafter Havilland. »Das ist jetzt unsere einzige Chance. So wie Sie das beschrieben haben, wird sie den Wagen zurückgeben und ihren eigenen abholen. Verdammt, morgen nachmittag um vier ist eine kanadischamerikanische Strategiekonferenz. Sie muß bis dahin zurück sein! Bleiben Sie dort! Bleiben Sie auf allen Posten! Solange Sie sie mir nur bringen.«
»Sie wird behaupten, man habe sie unter Druck gesetzt. Wir brechen die Gesetze der internationalen Diplomatie.«
»Dann brechen Sie sie! Solange Sie sie mir nur hierherschaffen, im Teppich der Kleopatra, wenn Sie müssen. Ich habe keine Zeit zu vergeuden - keine Minute!«
Von zwei Agenten festgehalten, wurde eine wütende Catherine Staples in ein Zimmer im Haus am Victoria Peak geführt. Lin Wenzu hatte die Tür geöffnet; jetzt schloß er sie, und Catherine Staples sah sich Botschafter Raymond Havilland und Staatssekretär Edward McAllister gegenüber. Es war 11.35 Uhr vormittags, und die Sonne strömte durch das breite Erkerfenster über dem Garten herein.
»Sie sind zu weit gegangen, Havilland«, sagte Catherine, und ihre kehlige Stimme klang dabei eisig.
»Soweit es Sie betrifft, bin ich noch nicht weit genug gegangen. Sie haben ein Mitglied der amerikanischen Botschaft aktiv kompromittiert. Sie haben einen erpresserischen Akt zum Nachteil meiner Regierung begangen.«
»Das können Sie nicht beweisen, weil es keine Beweise gibt, keine Fotografien -«
»Ich brauche es nicht zu beweisen. Um exakt sieben Uhr gestern abend ist der junge Mann hier vorgefahren und hat uns alles erzählt. Eine schmutzige kleine Geschichte, nicht wahr?«
»Verfluchter Idiot! Ihn trifft keine Schuld, wohl aber Sie. Und da Sie das Wort >schmutzig< gebrauchen - nun, nichts von dem, was er getan hat, ist so schmutzig wie Ihre Handlungen.«