Spiel das Spiel. Alexander Conklin.
Wessen Spiel? David Webb.
Du vergeudest Zeit! Jason Borowski. Finde den, der sich als Borowski ausgibt. Schnapp ihn!
Leise Schritte draußen im Korridor. Jason wandte sich vom Fenster ab und huschte zur Wand, preßte sich mit dem Rücken dagegen, die Pistole auf die Tür gerichtet und so postiert, daß das Türblatt ihn verdecken würde. Leise, vorsichtig schob sich ein Schlüssel ins Schloß. Dann schwang die Tür langsam auf.
Borowski ließ sie gegen den Eindringling zurückkrachen, wirbelte herum und packte die verblüffte Gestalt unter der Tür. Er riß ihn herein, trat die Tür zu, die Waffe auf den Kopf des zu Boden Gestürzten gerichtet, der einen Koffer und ein großes Paket hatte fallen lassen. Es war d'Anjou.
»Auf die Weise könnten Sie leicht eine Kugel in den Kopf kriegen, Echo!«
»Sucre bleu! Das ist garantiert das letzte Mal, daß ich auf Sie Rücksicht nehme! Sie können sich selbst nicht sehen, Delta.
Sie sehen genauso aus wie damals in Tarn Quan, als Sie tagelang nicht geschlafen hatten. Ich dachte, Sie ruhen sich vielleicht aus.«
Wieder eine Erinnerung, nur ein kurzes Aufblitzen. »In Tarn Quan«, sagte Jason, »da haben Sie gesagt, ich müsse schlafen, nicht wahr? Wir haben uns damals im Busch versteckt und Sie haben mich abgeschirmt und mir praktisch den Befehl erteilt, auszuruhen.«
»Das war eine ganz eigennützige Bitte. Wir waren nicht imstande, dort herauszukommen, nur Sie konnten das.«
»Sie haben damals etwas zu mir gesagt. Was? Ich habe Ihnen zugehört.«
»Ich habe Ihnen erklärt, daß Ausruhen ebenso eine Waffe sei wie jeder stumpfe Gegenstand oder jede Schußwaffe.«
»Mehr oder weniger habe ich mich später auch so verhalten.«
»Ich freue mich, daß Sie so klug waren, auf Leute zu hören, die älter sind als Sie. Darf ich jetzt bitte aufstehen? Würden Sie bitte diese blöde Waffe weglegen?«
»Oh, tut mir leid.«
»Wir haben keine Zeit«, sagte d'Anjou, stand auf und ließ den Koffer auf dem Boden liegen. Er riß das braune Papier von seinem Paket. Es enthielt gebügelte Khakikleidung, zwei Pistolenhalfter und zwei Schildmützen; er warf alles auf einen Stuhl. »Das sind Uniformen. Die entsprechenden Ausweispapiere habe ich in der Tasche. Ich fürchte, mein Rang ist höher als der Ihre, Delta, aber das Alter hat eben auch seine Privilegien.«
»Das sind Uniformen der Polizei von Hongkong.«
»Genauer: von Kowloon. Vielleicht haben wir eine Chance, Delta! Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis ich wieder hier war. Der Flughafen Kai-tak! Die Sicherheitsvorkehrungen dort sind enorm, und das genau will der Mann, der Ihren Namen benutzt, um zu zeigen, daß er besser ist, als Sie das je waren! Es gibt natürlich keine Garantie, aber ich würde meinen Kopf darauf wetten - das ist eine klassische Herausforderung für einen Verrückten, der von seiner Bedeutung und seinen Fähigkeiten besessen ist. >Stellen Sie nur Ihre Streitkräfte auf, und dann werde ich durchbrechen.< Mit einem einzigen solchen Erfolg schafft er aufs neue die Legende von seiner Unbesiegbarkeit. Das kann nur er sein.«
»Fangen Sie von vorn an«, befahl Borowski.
»Ja, während wir uns anziehen«, sagte der Franzose, zog sein Hemd aus und schnallte den Hosengurt auf. »Schnell! Ich habe ein Motorboot auf der anderen Straßenseite. Vierhundert PS. Wir können in fünfundvierzig Minuten in Kowloon sein. Hier! Das ist Ihre! Man dieu, das Geld, das ich ausgegeben habe, ich könnte heulen.«
»Und die chinesische Küstenwache?« sagte Jason, während er seine Kleider abstreifte und nach der Uniform griff. »Die wird uns hochnehmen!«
»Quatsch. Mit bestimmten Booten verhandelt man über Funk und im Code. Schließlich gibt es bei uns so etwas wie Ehre. Wie glauben Sie eigentlich, daß wir unsere Ware befördern? Wie glauben Sie, daß wir überleben? Wir treffen uns in kleinen Buchten der chinesischen Inseln von Teh Sa Wei, und dort wird der Handel abgeschlossen. Schnell!«
»Was genau ist auf dem Flughafen los? Warum sind Sie so sicher, daß er es ist?«
»Der Gouverneur. Ein Attentat.«
»Was?« schrie Borowski entsetzt.
»Ich bin mit Ihrem Koffer vom Peninsula zur Star-Fähre gegangen. Das ist nur ein kurzes Stück, und die Fähre ist viel schneller als ein Taxi durch den Tunnel. In der Salisbury Road sah ich, wie sieben Streifenwagen im Karacho die Polizeikaserne verließen, und alle bogen nach links. Das kam mir komisch vor - zwei oder drei, ja, wenn es irgendwo eine Schlägerei gibt, aber sieben! Ich hab also meinen Kowlooner Kontaktmann angerufen, und der war sehr kooperativ -außerdem war es ohnehin kein Geheimnis mehr. Er hat gesagt, wenn ich bliebe, wo ich war, würde ich in den nächsten zwei Stunden mindestens noch zehn Streifenwagen und zwanzig Mannschaftswagen nach Kai-tak hinausfahren sehen. Was ich gesehen hatte, war nur die Vorhut. Sie hatten durch ihre Verbindungsleute im Untergrund gehört, daß ein Attentat auf den Krongouverneur geplant war.«
»Einzelheiten!« befahl Borowski schroff und griff nach dem langen Khakihemd und dem patronengefüllten Halftergürtel.
»Der Gouverneur kommt heute abend mit Leuten vom Auswärtigen Amt und einer chinesischen Verhandlungsdelegation mit dem Flugzeug aus Peking an. Der Flughafen wird von Zeitungsreportern und Fernsehteams wimmeln. Beide Regierungen legen Wert auf Publicity. Morgen soll es zu einem Treffen der Verhandlungsdelegationen und führenden Finanzleuten kommen.«
»Der Siebenundneunziger- Vertrag?«
»Eine weitere Runde in dem endlosen Palaver über die Verträge. Aber Sie sollten, um unser aller willen, beten, daß sie weiterhin freundlich miteinander reden.«
»Das Spiel«, sagte Jason leise und blieb wie erstarrt stehen.
»Was für ein Spiel?«
»Von dem Sie gesprochen haben, das Spiel mit den heißgelaufenen Drähten zwischen Peking und Gouverneursresidenz. Den Krongouverneur töten, weil man den
Vizepremier ermordet hat? Und dann vielleicht den Außenminister für ein Mitglied des Zentralkomitees - den Premierminister für den Vorsitzenden? Wo soll das enden? Wie viele gezielte Morde, ehe der Zerreißpunkt erreicht ist? Wie lange lassen sich Eltern von einem Gör auf der Nase herumtanzen - wann also marschieren die in Hongkong ein? Herrgott, es könnte dazu kommen. Jemand will, daß es dazu kommt!«
D'Anjou stand reglos da und hielt das Halfter mit dem patronengespickten Ledergurt.
»Was ich da sage, ist reine Spekulation - wahllose Gewaltakte eines wahnsinnigen Killers, der sich von jedermann anheuern läßt. Es gibt auf beiden Seiten genug Habgier und politische Korruption, die eine solche Spekulation rechtfertigen. Sie aber wollen sagen, das Ganze sei ein ausgeklügelter Plan, um in Hongkong so viel Unruhe zu stiften, daß das Festland eingreifen muß.«
»Das Spiel«, wiederholte Jason Borowski. »Je komplizierter es wird, desto einfacher scheint es.«
Die Dächer des Flughafens Kai-tak wimmelten von Polizei, ebenso wie die Flugsteige, die Abfertigungsschalter und die Gepäckzonen. Draußen auf dem riesigen schwarzen Asphaltfeld mischten sich die Lichtbalken von Suchscheinwerfern, die jedes sich bewegende Fahrzeug und jeden Zollbreit Boden abtasteten, in das Licht der starken Flutlichter. Fernsehteams rollten unter wachsamen Blicken Kabel aus, während Reporter hinter ihren Übertragungswagen in einem Dutzend Sprachen Sprechproben machten. Reporter und Fotografen wurden hinter den Absperrungen zurückgehalten, und immer wieder kamen Lautsprecherdurchsagen, daß die abgesperrten Zonen bald allen Journalisten mit entsprechenden Passierscheinen zugänglich sein würden. Und dann geschah das völlig Unerwartete: ein