plötzlicher Regenschauer ging über die Kronkolonie nieder. Wieder eine Herbstsintflut.
»Der Kerl hat Glück, nicht wahr?« sagte d'Anjou, während er und Borowski in ihren Uniformen mit einem Polizeipulk durch einen Wellblechtunnel zu einem der riesigen Reparaturhangars gingen. Das Hämmern des Regens war ohrenbetäubend.
»Glück hat gar nichts damit zu tun«, erwiderte Jason. »Er hat sich die Wetterberichte bis hinauf nach Sichuan angesehen. Jeder Flughafen hat diese Berichte. Er hat das gestern, wenn nicht schon vorgestern festgestellt. Auch Wetter ist eine Waffe, Echo.«
»Wie aber hätte er wissen können, wann die chinesische Maschine mit dem Gouverneur ankommen würde. Die verspäten sich oft um Stunden, sogar gewöhnlich um Stunden.«
»Aber nicht um Tage, das wäre ungewöhnlich. Wann hat die Kowlooner Polizei von dem geplanten Attentat erfahren?«
»Danach habe ich mich natürlich erkundigt«, sagte der Franzose. »Heute vormittag gegen halb zwölf.«
»Und die Maschine aus Peking sollte irgendwann heute abend eintreffen?«
»Ja. Die Leute von der Presse und vom Fernsehen wurden auf neun herbestellt.«
»Er hat sich die Wetterberichte genau angesehen. Er läßt nichts außer acht.«
»Und genau das müssen Sie auch, Delta! Sie müssen wie er denken, müssen er sein! Das ist unsere Chance!«
»Was tue ich denn anderes? ... Wenn wir den Hangar erreichen, möchte ich mich von Ihnen trennen. Geht das mit Ihrem gefälschten Ausweis?«
»Ich bin ein britischer Gruppenführer von der Polizei Mongkok.«
»Und was bedeutet das?«
»Das weiß ich wirklich nicht, aber mehr ging nicht.«
»Sehr britisch klingen Sie nicht.«
»Wer würde das schon in Kai-tak merken, alter Junge?«
»Die Briten.«
»Denen werde ich aus dem Weg gehen. Mein Chinesisch ist besser als Ihres. Die Zhongguo ren werden es respektieren. Und Sie werden sich frei bewegen können.«
»Das muß ich«, sagte Jason Borowski. »Wenn das wirklich Ihr Mann ist, dann will ich ihn haben, ehe ihn ein anderer entdeckt! Hier. Jetzt!«
In glänzenden gelben Regenmänteln schleppten Träger Stangen aus dem Hangar und verbanden sie mit Plastikseilen. Dann traf eine Wagenladung der gelben Mäntel für die Polizeikontingente ein; sie wurden von der Ladebrücke geworfen und von den Männern aufgefangen. Die Polizisten schlüpften hinein und scharten sich dann um ihre Vorgesetzten, um Anweisungen entgegenzunehmen. Jetzt zeichnete sich in einem Durcheinander von Uniformierten trotz des plötzlichen Wolkenbruchs so etwas wie Ordnung ab. Es war die Art von Ordnung, der Borowski zutiefst mißtraute. Das alles ging zu glatt, war zu routiniert für das, was ihnen bevorstand. Reihen uniformierter Soldaten waren hier fehl am Platze, waren die falsche Taktik, wenn es darum ging, Guerillas zu suchen - oder einen Mann, der ein Meister des Guerillakrieges war. Jeder Polizist in seinem gelben Regenschutz war gleichzeitig eine Warnung und ein Ziel; und noch etwas anderes. Eine Spielfigur. Jeder einzelne konnte durch einen anderen ersetzt werden, der genauso gekleidet war, durch einen Killer, der wußte, wie man es anstellte, so wie sein Feind auszusehen.
Und doch war ein solches Vorgehen selbstmörderisch, und Jason wußte, daß der, der ihn nachahmte, dazu entschlossen war. Es sei denn ... Es sei denn, die einzusetzende Waffe war so leise, daß der Regen sie übertönte. Aber selbst dann war es möglich, einen Kordon um den Tatort zu errichten; wenn der Krongouverneur zusammenbrach, konnte man jeden Ausgang blockieren und jeden Anwesenden zwingen, an Ort und Stelle zu bleiben. Was aber, wenn der Killer einen winzigen Bolzen abschoß, der beim Auftreffen nur wie ein Nadelstich wirkte, etwas, das man wie eine lästige Fliege wegwischte, wenn der tödliche Gifttropfen in den Blutstrom eindrang und langsam, aber unausweichlich den Tod verursachte? Das war eine Möglichkeit, aber auch hier waren zu viele Hindernisse zu überwinden und forderte die Tat mehr Treffsicherheit, als sie eine Druckluftwaffe garantiert. Der Gouverneur der Krone würde ohne Zweifel eine Schutzweste tragen, und auf das Gesicht zu zielen kam nicht in Frage. Gesichtsnerven waren besonders schmerzempfindlich, und jeder fremde Gegenstand, der in Augennähe auftraf, erzeugte sofortige und dramatische Reaktionen. Blieben also Hände und Hals. Die Hände waren ein zu kleines und zu bewegliches Ziel. Und der Hals bot einfach zu wenig Zielfläche. Ein Karabinerschuß von einem Dach aus? Ein Scharfschütze mit einem Infrarotteleskop? Aber auch das war selbstmörderisch, denn der Explosionsknall wäre zu laut, und Schalldämpfer verringerten die Treffsicherheit. Nein, einen Killer auf einem Dach konnte man ausschließen. Das wäre zu auffällig.
Es kam auf nichts anderes an als todsicheren Mord. D'Anjou hatte recht. Alles sprach für einen spektakulären Mord. Carlos der Schakal konnte nicht mehr verlangen - und ebensowenig Jason Borowski, überlegte David Webb. Die Tat trotz der außergewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen zu vollbringen, würde den neuen >Borowski< zum König seines widerwärtigen Berufes machen. Aber wie! Wofür würde er sich entscheiden? Und sobald die Entscheidung einmal getroffen war, welcher Fluchtweg bot die größten Chancen?
Einer der Fernsehübertragungswagen mit seinen komplizierten Geräten war zu auffällig. Die Service-Crews des Flugzeugs wurden doppelt und dreifach überprüft; ein Fremder würde sofort entdeckt. Alle Journalisten würden elektronische Schleusen passieren müssen, die bereits auf Metall im Gewicht von mehr als zehn Milligramm reagierten. Wie also?
»Das ist Ihre Freigabe!« sagte d'Anjou, der plötzlich mit einem Blatt Papier in der Hand neben ihm auftauchte. »Der Polizeipräfekt von Kai-tak hat es unterschrieben.«
»Was haben Sie ihm gesagt?«
»Daß Sie ein Israeli seien, den der Mossad für Terroristenbekämpfung ausgebildet und in einem Austauschprogramm zu uns geschickt hat. Das wird sich herum sprechen.« »Du großer Gott, ich spreche doch nicht hebräisch!« »Wer tut das hier schon? Sie zucken einfach die Achseln und sprechen französisch, so gut Sie können, denn hier spricht man französisch nur schlecht. Damit kommen Sie bestimmt durch.«
»Sie sind unmöglich, das wissen Sie doch, oder?« »Ich weiß, daß Delta, als er in Medusa unser Führer war, im SaigonKommando sagte, daß er ohne den >alten Echo< nicht ins Feld gehen würde.«
»Ich muß damals von Sinnen gewesen sein.« »Nun, weniger Verstand hatten Sie damals, das will ich Ihnen einräumen.«
»Vielen Dank, Echo. Wünschen Sie mir Glück.« »Sie brauchen kein Glück«, sagte der Franzose. »Sie sind Delta. Und werden immer Delta sein.«
Borowski nahm den gelben Regenmantel und die Schildmütze ab und ging hinaus und zeigte den Wachen an den Hangartoren seinen Passierschein! In der Ferne wurde die Presse durch die elektronischen Schleusen in die Absperrungen gelotst. Am Rand der Piste hatte man Mikrofone aufgestellt, und jetzt kamen noch
Motorradstreifen zu den Polizeiautos und bildeten einen dichten Halbkreis um die Fläche, wo die Pressekonferenz stattfinden sollte. Die Vorbereitungen waren so gut wie abgeschlossen, alle Sicherheitskräfte hatten ihre Posten eingenommen, und die Anlagen der Medien funktionierten. Die Maschine aus Peking hatte offenbar trotz des Wolkenbruchs zum Landeanflug angesetzt. In wenigen Minuten würde sie landen, und Jason wünschte sich, er könnte die Minuten in die Länge dehnen. Es gab so viele Dinge, nach denen Ausschau zu halten war, und so wenig Zeit zum Suchen. Wo? Was? Alles war ebenso möglich wie unmöglich. Wozu würde sich der Killer entschließen? Von welchem Punkt aus würde er die perfekte Tat versuchen? Und wie würde er am logischsten lebend vom Tatort entkommen?