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»Halten Sie sie auf! Die Wagen, die Limousinen! Die vorderste!«

»Was ist los? Wer sind Sie?«

Borowski mußte an sich halten, um nicht auf den Mann einzuschlagen. »Mossad!« schrie er.

»Sie sind der Mann aus Israel? Ich habe gehört -«

»Hören Sie mir zu! Nehmen Sie Ihr Funkgerät und sagen Sie, die sollen sie aufhalten! Alle sollen aus dem Wagen! Er wird explodieren! Jetzt!«

Durch den Regen sah der Beamte Jason in die Augen, nickte dann und zog das Funkgerät aus dem Gürtel. »Notfall! Kanal freimachen, ich brauche eine Verbindung zu Roter Stern eins.

Sofort!«

»Alle Wagen!« unterbrach ihn Borowski. »Es eilt!«

»Achtung!« rief der Polizeibeamte. »Alarm an alle Fahrzeuge. Stellen Sie mich durch!« Und dann sprach der Chinese mit angespannter, aber kontrollierter Stimme, sprach ganz deutlich, jedes Wort betonend. »Hier ist Colony fünf, oberste Dringlichkeitsstufe. Bei mir ist der Mann vom Mossad. Ich gebe jetzt seine Instruktionen weiter. Ihnen ist sofort Folge zu leisten. Roter Stern eins soll sofort anhalten, die Passagiere verlassen das Fahrzeug, sie sollen Deckung suchen. Alle anderen Wagen sollen nach links abbiegen, auf die Mitte des Flugfeldes zu, von Roter Stern eins weg. Sofort ausführen!«

Verblüfft starrte die Menge auf die Fahrzeugkolonne, deren Motoren aufheulten! Fünf Limousien bogen ab und rasten auf den Rand des Flughafengeländes zu. Der erste Wagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen; die Türen flogen auf, und Männer sprangen heraus, rannten nach allen Richtungen davon.

Acht Sekunden später geschah es. Die Limousine mit dem Codenamen Roter Stern eins explodierte fünfzehn Meter vor einem offenen Tor. Metallstücke und Glasscherben flogen in die Luft und regneten mit dem Wolkenbruch wieder vom Himmel, während die Musikkapelle verstummte.

Peking, 23.25 Uhr

In einem nördlichen Vorort von Peking gibt es einen riesigen Komplex, von dem nur selten die Rede ist und der der Öffentlichkeit versperrt ist. Der Hauptgrund dafür ist natürlich seine Sicherheit, doch entbehrt das Ganze in einer gleichmacherischen Gesellschaft auch nicht einer gewissen Peinlichkeit. Denn innerhalb dieser bewaldeten Enklave in den

Bergen stehen die Villen der mächtigsten Männer Chinas. Der Schleier des Geheimnisses liegt über diesem Komplex, den hohe graue Steinmauern umschließen und dessen Zugänge von erfahrenen Veteranen der Armee bewacht werden, während weiter draußen, in den Wäldern, Streifen mit Polizeihunden patrouillieren. Und wenn man über die hier gepflegten gesellschaftlichen oder politischen Zustände spekulieren wollte, so sollte man vielleicht feststellen, daß keine Villa von der anderen aus sichtbar ist, weil jeder einzelne Bau von einer eigenen inneren Mauer umgeben ist und alle Leibwächter persönlich ausgewählt sind, nach Jahren des Gehorsams und des Vertrauens. Wenn der Name der Anlage erwähnt wird, so spricht man vom Jadeturmberg, meint damit aber keinen Berg in geologischem Sinn, sondern einen immensen Hügel, der sich über die anderen erhebt. Männer wie Mao Zedong, Lin Shaoqi, Lin Biao und Zhou Enlai haben, jeder zu seiner Zeit und in den Höhen und Tiefen ihrer politischen Laufbahn, hier residiert. Zu den Bewohnern gehörte augenblicklich ein Mann, der die wirtschaftliche Zukunft der Volksrepublik formte. Die Weltpresse bezeichnete ihn nur als Sheng, und jeder wußte, wofür dieser Name stand. Sein voller Name lautete Sheng Chou Yang.

Jetzt raste eine braune Limousine auf die mächtige graue Mauer zu, näherte sich Tor 6, wo der Fahrer plötzlich auf die Bremse trat, worauf der Wagen schräg in die Einfahrt schlitterte und nur wenige Zentimeter vor der in grellem Orange lackierten Schranke zum Stillstand kam, die das Licht seiner Scheinwerfer reflektierte. Ein Posten trat auf den Wagen zu.

»Wen wollen Sie sehen und wie heißen Sie? Ich brauche einen Passierschein.«

»Minister Sheng«, sagte der Fahrer. »Mein Name ist nicht wichtig und meine Papiere auch nicht. Bitte verständigen Sie die Wohnung des Ministers, daß sein Abgesandter von Kowloon hier ist.«

Der Soldat zuckte die Achseln. Antworten dieser Art waren am Jadeturmberg durchaus nicht ungewöhnlich, und weitere Fragen hätten möglicherweise zu einer Versetzung aus diesem Paradies führen können, wo selbst die Essensüberreste jegliche Phantasie überstiegen und man für gehorsamen Dienst manchmal sogar ausländisches Bier bekam. Der Posten ging also zum Telefon. Der Besucher mußte angemessen empfangen werden. Alles andere könnte dazu führen, daß man auf einem abgelegenen Feld niederknien mußte und eine Kugel ins Genick bekam. In seinem Wachhäuschen wählte der Posten die Nummer der Villa Sheng Chou Yang.

»Einlassen. Schnell!«

Ohne zu der Limousine zurückzukehren, drückte der Posten einen Knopf, worauf die orangefarbene Schranke in die Höhe ging. Der Wagen raste herein, viel zu schnell für den Kiesweg, dachte der Posten. Der Abgesandte hatte es offenbar sehr eilig.

»Minister Sheng ist im Garten«, sagte der Armeeoffizier an der Tür und blickte mit unruhigem Blick an dem Besucher vorbei in die Dunkelheit. »Gehen Sie zu ihm.«

Der Abgesandte eilte durch das mit rotem Lackmobiliar gefüllte Vorderzimmer zu einem Bogen, hinter dem man einen von Mauern umgebenen Garten erkennen konnte, in dem vier Lilienteiche von gelben Unterwasserscheinwerfern beleuchtet waren. Zwei sich schneidende Kieswege bildeten ein X zwischen den Teichen, und am Ende eines jeden Weges waren niedrige schwarze Korbsessel und Tische aufgestellt. Am östlichen Weg, dicht an der Ziegelmauer, saß ganz allein ein mittelgroßer, schlanker Mann mit kurz gestutztem, ergrautem Haar und hageren Gesichtszügen. Wenn an ihm etwas war, das einen auf den ersten Blick verblüffte, so waren das seine Augen, denn es waren die dunklen Augen eines Toten, mit Lidern, die sich keinen Augenblick lang bewegten. Im Gegensatz dazu waren sie aber zugleich auch die Augen eines Eiferers, dessen blinde Ergebenheit der Kern seiner Stärke war; seine Pupillen waren wie Blitze. Das waren die Augen Sheng Chou Yangs, und im Augenblick loderten sie.

»Ich will es wissen!« brüllte er und krampfte sich mit beiden Händen an den schwarzen Armlehnen seines Sessels fest. »Wer tut so etwas?«

»Es ist alles Lüge, Herr Minister! Wir haben uns bei unseren Leuten in Tel Aviv erkundigt. Es gibt keinen Mann, auf den die Beschreibung paßt. Es gibt keinen Agenten des Mossad in Kowloon! Alles Lüge!«

»Was haben Sie unternommen?«

»Es ist höchst verwirrend -«

»Was Sie unternommen haben?«

»Wir sind auf der Spur eines Engländers im Mongkok, über den anscheinend keiner etwas weiß.«

»Narren und Idiotenl Idioten und Narren! Mit wem haben Sie gesprochen?«

»Mit unserem Spitzenmann bei der Polizei von Kowloon. Er ist verwirrt, und ich muß leider sagen, daß er meiner Ansicht nach Angst hat. Er hat einige Male Macao erwähnt, und seine Stimme hat mir dabei gar nicht gefallen.«

»Er ist tot.«

»Ich werde Ihre Instruktionen weitergeben.«

»Ich fürchte, das können Sie nicht.« Sheng winkte mit der linken Hand, während die rechte im Schatten unter den niedrigen Tisch griff. »Kommen Sie und erweisen Sie der Kuomintang Ihren Gehorsam«, befahl er.

Der Abgesandte trat auf den Minister zu. Er verbeugte sich tief und griff nach der linken Hand des großen Mannes. Sheng hob die rechte Hand. Sie hielt eine Pistole.

Dann ertönte eine Explosion und blies den Kopf des Abgesandten weg. Fragmente seines Schädels fielen in die

Lilienteiche. Der Armeeoffizier erschien unter dem Bogen, während die Leiche auf den weißen Kies fiel.

»Schaffen Sie ihn weg«, befahl Sheng. »Er hat zu viel gehört, zu viel erfahren ... zu viel vermutet.«