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Ein Anwalt und alter Freund hatte ihn auf dem Weg nach Florida, wo seine Kinder lebten, zweimal besucht und ihm ein bisschen Klatsch erzählt. Das meiste davon war unbedeutend, aber es gab hartnäckige Gerüchte, dass die ehemalige Mrs. Beech einen neuen Freund hatte. Mit ein paar Millionen Dollar und schmalen Hüften war das wohl nur eine Frage der Zeit.

Noch eine Wahlkampfwerbung. Wieder:»Wählen Sie Lake, bevor es zu spät ist. «Dieser Spot begann mit körnigen Videoaufnahmen von Männern mit Sturmgewehren, die durch eine Wüstenlandschaft robbten, in Deckung gingen, feuerten und anscheinend irgendeine Art von militärischer Ausbildung erhielten. Dann das finstere Gesicht eines Terroristen — dunkle Haut, schwarzes Haar, stechender Blick, offenbar irgendein radikaler Moslem —, der auf Arabisch mit englischen Untertiteln sagte:»Wir werden die Amerikaner töten, wo wir sie finden. Wir sind bereit, in unserem heiligen Krieg gegen den großen Satan zu sterben. «Danach kurze Einstellungen von brennenden Häusern, zerbombten Botschaften, einer Busladung Touristen und den auf einer Wiese verstreuten Trümmern eines Verkehrsflugzeugs.

Ein gut aussehendes Gesicht erschien: Mr. Aaron Lake persönlich. Er sah Hatlee Beech direkt an und sagte:»Ich bin Aaron Lake. Wahrscheinlich kennen Sie mich nicht. Ich bewerbe mich um die Präsidentschaft, weil ich mir Sorgen mache. Ich mache mir Sorgen wegen China und Osteuropa und dem Nahen Osten. Ich mache mir Sorgen um den Zustand unserer Streitkräfte. Im letzten Jahr hatte unser Haushalt einen gewaltigen Überschuss, doch für unsere Verteidigung haben wir weniger ausgegeben als vor fünfzehn Jahren. Wir sind leichtsinnig geworden, weil unsere Wirtschaft stark ist, aber die Welt ist weit gefährlicher, als wir glauben. Unsere Feinde sind zahlreich und wir können uns nicht vor ihnen schützen. Als Präsident werde ich in den vier Jahren meiner Amtszeit die Verteidigungsausgaben verdoppeln.«

Kein Lächeln, keine Wärme. Nur deutliche Worte von einem Mann, der das, was er sagte, auch zu meinen schien. Eine Stimme aus dem Off sagte:»Wählen Sie Lake, bevor es zu spät ist.«

Nicht schlecht, dachte Beech.

Er zündete sich noch eine Zigarette an, die letzte für heute Abend, und starrte den Briefumschlag auf dem leeren Stuhl an: Er schuldete den beiden Familien fünf Millionen Dollar. Und er hätte das Geld bezahlt, wenn er gekonnt hätte. Er hatte die beiden Studenten noch nie gesehen, nicht vor dem Unfall. Am Tag darauf waren ihre Fotos in der Zeitung gewesen. Ein Junge und ein Mädchen. Zwei Studenten, die den Sommer hatten genießen wollen.

Der Bourbon fehlte ihm.

Die Hälfte der Summe war mit seinem Insolvenzantrag erledigt. Die andere Hälfte war eine Schadenswiedergutmachung im Rahmen der Strafe und unterlag damit nicht dem Insolvenzrecht. Das bedeutete, dass diese Schulden ihm folgen würden, wohin er auch ging. Er glaubte jedoch, dass er nirgendwohin gehen würde. Am Ende seiner Strafe würde er fünfundsechzig sein, aber er würde schon vorher sterben. Man würde ihn im Sarg hinaustragen und nach Texas schaffen, wo man ihn hinter der kleinen ländlichen Kirche beerdigen würde, in der er getauft worden war. Vielleicht würde eines seiner Kinder ihm einen Grabstein spendieren.

Beech ging hinaus, ohne den Fernseher auszuschalten. Es war beinahe zehn Uhr, das Licht würde bald gelöscht werden. Er teilte seine Zelle mit Robbie, einem Jungen aus Kentucky, der in 240 Häuser eingebrochen war, bevor man ihn geschnappt hatte. Er hatte die Revolver, Mikrowellenherde und Stereoanlagen gegen Kokain eingetauscht. Robbie war seit vier Jahren in Trumble und somit ein alter Hase und als solcher hatte er sein Vorrecht geltend gemacht und sich das untere Bett ausgesucht. Beech kletterte in das obere Bett, sagte:»Gute Nacht, Robbie«, und schaltete das Licht aus.

«Nacht, Hatlee«, antwortete Robbie leise.

Manchmal unterhielten sie sich noch im Dunkeln. Die Wände waren aus Ziegelsteinen, die Tür war aus Stahl, und ihre Worte drangen nicht nach draußen. Robbie war fünfundzwanzig und würde bei seiner Entlassung fünfundvierzig sein. Vierundzwanzig Jahre — je ein Jahr für zehn Einbrüche.

Die Zeit zwischen dem Hinlegen und dem Einschlafen war die schlimmste des ganzen Tages. Die Vergangenheit holte Beech mit aller Macht ein: die Fehler, das Unglück, was hätte sein können und was hätte sein sollen. Sosehr er es auch versuchte — Beech konnte nicht einfach die Augen schließen und einschlafen. Zuvor musste er sich erst noch bestrafen. Es gab eine Enkeltochter, die er nie sehen würde, und mit ihr fing er immer an. Dann seine drei Kinder. An seine Frau dachte er nicht, wohl aber an ihr Geld. Und an seine Freunde. Ach, ja, seine Freunde. Wo waren sie jetzt?

Seit drei Jahren war er nun schon hier, und da er keine Zukunft hatte, blieb ihm nur die Vergangenheit. Selbst der arme Robbie träumte von einem Neuanfang mit 45. Beech tat das nicht. Manchmal sehnte er sich geradezu nach der warmen Erde von Texas, die hinter der kleinen Kirche seinen Leichnam bedecken würde.

Bestimmt würde jemand einen Grabstein bezahlen.

SECHS

Für Quince Garbe war der 3. Februar der schlimmste Tag seines Lebens. Es war auch beinahe der letzte seines Lebens, und hätte er seinen Arzt erreichen können, wäre es tatsächlich der letzte gewesen. Doch der Arzt war verreist und Quince sah keine Möglichkeit, sich ein Rezept für Schlaftabletten zu besorgen. Zum Selbstmord mit dem Revolver fehlte ihm der Mut.

Dabei hatte der Tag so angenehm begonnen: ein spätes Frühstück, bestehend aus einer Schale Haferflocken, allein am Kamin im Wohnzimmer. Seine Frau, mit der er seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet war, hatte sich bereits auf den Weg in die Stadt gemacht, wo sie einen weiteren Tag mit Wohltätigkeitstees, Sammelaktionen und allerlei anderen philanthropischen Kleinstadtaktivitäten verbringen würde, die sie beschäftigt hielten und dafür sorgten, dass sie ihm nicht begegnete.

Es schneite, als er das große, protzige Bankiershaus am Rand von Bakers, lowa, verließ und in seinem langen, schwarzen, elf Jahre alten Mercedes in die Stadt fuhr. Die Fahrt dauerte nur zehn Minuten. In Bakers war Quince ein bedeutender Mann, ein Garbe, ein Mitglied der Familie, der seit Generationen die Bank gehörte. Hinter der Bank, die an der Main Street lag, stellte er den Wagen auf dem reservierten Parkplatz ab und machte einen kurzen Umweg zum Postamt — etwas, das er zweimal pro Woche tat. Seit Jahren hatte er dort ein Postfach, um seine private Korrespondenz vor den Blicken seiner Frau und erst recht vor denen seiner Sekretärin zu verbergen.

Weil er, im Gegensatz zu den meisten Leuten in Bakers, lowa, reich war, sprach er auf der Straße nur selten mit anderen. Was sie von ihm hielten, war ihm gleichgültig. Sie verehrten seinen Vater und das reichte, um das Bankgeschäft in Gang zu halten.

Doch wenn der Alte starb, würde er dann gezwungen sein, sich grundlegend zu ändern? Würde er bei jedem Gang durch Bakers nach rechts und links lächeln und dem Rotary Club beitreten müssen, den sein Großvater gegründet hatte?

Quince war es leid, von der wankelmütigen Sympathie seiner Mitbürger abhängig zu sein. Er war es leid, ständig mit der Nase darauf gestoßen zu werden, dass es der Einsatz seines Vaters war, der die Zufriedenheit der Kunden sicherte. Er war das Bankgeschäft leid, er war lowa leid, er war den Schnee leid, er war seine Frau leid. Was Quince sich an diesem Februarmorgen mehr als alles andere wünschte, war ein Brief von seinem geliebten Ricky. Ein netter kleiner Brief, in dem Ricky ihr Rendezvous bestätigte.