Quince sehnte sich nach drei warmen Tagen voller Liebe und Leidenschaft, nach einer Kreuzfahrt mit Ricky. Vielleicht würde er nie zurückkehren.
Bakers hatte 18 000 Einwohner und daher herrschte im Hauptpostamt an der Main Street gewöhnlich viel Betrieb. Und am Schalter stand jedes Mal ein anderer Angestellter. So hatte Quince auch das Postfach gemietet: Er hatte gewartet, bis ein neuer Mitarbeiter Dienst hatte. Der offizielle Inhaber des Postfachs war GMT Investments. Quince ging schnurstracks zu seinem Fach, das sich zusammen mit Hunderten anderer Postfächer in der Wand eines Nebenraums befand.
Es waren drei Briefe darin, und als er sie herausnahm und in die Manteltasche steckte, setzte sein Herz für einen Schlag aus, denn er sah, dass einer der Briefe von Ricky war. Er eilte hinaus und betrat wenige Minuten später, um genau zehn Uhr, die Bank. Sein Vater war bereits seit vier Stunden da, doch sie hatten aufgehört, sich wegen Quinces Arbeitsauffassung zu streiten. Wie immer blieb er am Schreibtisch seiner Sekretärin stehen und streifte eilig die Handschuhe ab, als erwarteten ihn dringliche Aufgaben. Sie reichte ihm seine Post und zwei Zettel mit Telefonnachrichten und erinnerte ihn daran, dass er in zwei Stunden eine Verabredung zum Mittagessen mit einem örtlichen Immobilienmakler hatte.
Er verschloss seine Bürotür hinter sich, warf die Handschuhe auf einen Sessel, den Mantel auf einen anderen und riss den Umschlag von Rickys Brief auf. Dann setzte er sich auf das Sofa und holte die Lesebrille hervor. Er atmete schwer — nicht vor Anstrengung, sondern aus Vorfreude. Als er zu lesen begann, spürte er eine leichte sexuelle Erregung.
Die Worte trafen ihn wie Revolverkugeln. Nach dem zweiten Absatz stieß er ein eigenartiges, schmerzerfülltes» Ooohhh «aus. Dann sagte er ein paar Maclass="underline" »Oh Gott!«Und schließlich zischte er:»Dieser Hundesohn!«
Still, befahl er sich, die Sekretärin lauscht immer. Als er den Brief das erste Mal las, war er entsetzt, beim zweiten Mal war er ungläubig. Beim dritten Mal wurde ihm bewusst, dass dies, dieser Brief, die unbarmherzige Wirklichkeit war, und seine Unterlippe begann zu zittern. Verdammt, jetzt fang nicht an zu heulen, rief er sich zur Ordnung.
Er warf den Brief auf den Boden, ging im Kreis um seinen Schreibtisch herum und ignorierte die freundlichen Gesichter seiner Frau und seiner Kinder, so gut er konnte. Auf der Anrichte unter dem Fenster standen Klassenfotos und Familienporträts aus zwanzig Jahren. Er sah hinaus: Es schneite jetzt heftiger und der Schnee blieb auf den Bürgersteigen liegen. Oh, wie er Bakers, Iowa, hasste! Er hatte geglaubt, er könne diesen verdammten Ort verlassen, er könne an einen warmen Strand entfliehen und sich dort mit einem hübschen jungen Gefährten vergnügen. Er hatte geglaubt, er werde vielleicht nie zurückkehren.
Nun würde er die Stadt unter anderen Umständen verlassen.
Er sagte sich, es sei ein Witz, ein Scherz — doch zugleich wusste er, dass es nicht so war. Die Schlinge saß zu eng, die Sache war zu perfekt. Er war einem Profi auf den Leim gegangen.
Sein Leben lang hatte er gegen seine Sehnsüchte angekämpft. Endlich hatte er den Mut aufgebracht, die Tür zu seiner Kammer einen Spaltbreit zu öffnen, und sofort hatte ein Betrüger ihn gepackt und ihm die Daumenschrauben angelegt. Dumm, dumm, dumm! Warum war das alles nur so schwierig?
Während er dem Schneetreiben zusah, drangen die Gedanken von allen Seiten auf ihn ein. Selbstmord war das Erste, das ihm einfiel, aber sein Hausarzt war verreist und eigentlich wollte er auch nicht sterben. Jedenfalls nicht jetzt. Er wusste nicht, wie er die 100000 Dollar auftreiben sollte, ohne Verdacht zu erregen. Der alte Scheißer nebenan zahlte ihm ein miserables Gehalt und rückte keinen Cent heraus. Seine Frau bestand darauf, dass ihr gemeinsames Konto nicht überzogen wurde. Er hatte einiges Geld in Fonds angelegt, aber das konnte er nicht ohne ihr Wissen flüssig machen. Ein reicher Bankier in Bakers, lowa, zu sein bedeutete, dass man einen Titel, einen Mercedes, ein hypothekenbelastetes Haus und eine Frau mit einem sozialen Gewissen hatte. Ach, wie sehr er sich danach sehnte, von hier zu verschwinden!
Er würde trotzdem nach Florida fahren, den Verfasser des Briefes irgendwie aufspüren, ihn zur Rede stellen, seinen Erpressungsversuch enthüllen und ihn der Gerechtigkeit zuführen. Er, Quince Garbe, hatte nichts Ungesetzliches getan. Dieser Brief dagegen war ein Verbrechen. Vielleicht konnte er einen Detektiv oder einen Rechtsanwalt engagieren, damit sie ihn beschützten. Sie würden dieser Sache auf den Grund gehen.
Selbst wenn er das Geld aufbrachte und es gemäß der Anweisung in dem Brief überwies, würde er damit ein Tor öffnen und Ricky — wer immer sich hinter diesem Namen verbarg — würde mehr Geld wollen. Was sollte ihn davon abhalten, Quince immer und immer wieder zu erpressen?
Wenn er Mumm hätte, würde er trotzdem fliehen, nach Key West oder irgendeinen anderen warmen Ort, wo es nie schneite, und so leben, wie es ihm gefiel. Sollten die jämmerlichen Spießer in Bakers, lowa, sich doch in den nächsten fünfzig Jahren das Maul über ihn zerreißen. Aber so viel Mumm hatte er nicht und das war es, was Quince so traurig machte.
Seine Kinder starrten ihn an: lächelnde, sommersprossige Gesichter, blitzende Zahnspangen. Das
Herz wurde ihm schwer und er wusste, dass er das Geld zusammenkratzen und überweisen würde, wie man es von ihm verlangte. Er musste seine Kinder schützen. Sie hatten nichts mit dieser Sache zu tun.
Die Aktien der Bank waren etwa zehn Millionen wert, aber die Anteile gehörten seinem Vater, der jetzt gerade auf dem Flur herumbrüllte. Der Alte war einundachtzig und noch sehr lebendig, aber eben einundachtzig. Wenn er tot war, würde Quince mit seiner Schwester teilen müssen, die in Chicago lebte, aber die Bank würde in seinen Besitz übergehen. Er würde das verdammte Ding so schnell wie möglich verkaufen und Bakers mit ein paar Millionen in der Tasche verlassen. Bis dahin würde er allerdings tun müssen, was er sein Leben lang getan hatte: den Alten zufrieden stellen.
Wenn Quinces wahre Neigungen von irgendeinem Betrüger ans Tageslicht gezerrt würden, wäre sein Vater am Boden zerstört. Von der Bank konnte Quince sich dann verabschieden. Seine Schwester würde alles bekommen.
Als das Gebrüll auf dem Flur verklungen war, ging Quince an seiner Sekretärin vorbei hinaus und holte sich eine Tasse Kaffee. Ohne sie weiter zu beachten, kehrte er in sein Zimmer zurück, verschloss die Tür, las den Brief zum vierten Mal und dachte nach. Er würde das Geld auftreiben und überweisen. Er hoffte und betete inständig, dass Ricky ihn danach in Ruhe lassen würde. Wenn er das nicht tat, wenn er mehr Geld forderte, würde Quince zu seinem Arzt gehen und sich Schlaftabletten verschreiben lassen.
Der Immobilienmakler, mit dem er zum Mittagessen verabredet war, galt als risikofreudig und war wahrscheinlich ein Gauner. Quince entwickelte einen Plan. Sie würden ein paar zweifelhafte Kredite beantragen, er würde den Wert des Baulands zu hoch einschätzen und den Kredit bewilligen, sie würden das Land an einen Strohmann verkaufen, und so weiter. Er wusste, wie man so was machte.
Quince würde das Geld auftreiben.
Die düsteren Werbespots für den Präsidentschaftskandidaten Lake erzeugten einen dumpfen Knall. Intensive Umfragen in der ersten Woche zeigten einen dramatischen Anstieg des Bekanntheitsgrads von zwei auf zwanzig Prozent, doch die Spots wurden allgemein abgelehnt. Sie waren beängstigend, und die Leute wollten nicht über Krieg, Terrorismus oder Atomraketen nachdenken, die heimlich, bei Nacht, über die Berge von einem Standort zum anderen geschafft wurden. Man sah die Werbespots (es war unmöglich, ihnen zu entgehen) und hörte die Botschaft, aber die meisten Wähler wollten nicht mit diesem Thema behelligt werden. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen und es auszugeben. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren, und wenn es irgendwelche Fragen gab, die kontrovers diskutiert wurden, so beschränkten sie sich weitgehend auf die alten Dauerbrenner» Steuersenkungen «und» Verfall der moralischen Grundwerte«.