Die ersten Journalisten, die Lake interviewten, behandelten ihn, als wäre er bloß einer von vielen Spinnern, bis er in einer Livesendung erklärte, dass sein Wahlkampffonds in weniger als einer Woche bereits mehr als elf Millionen Dollar erhalten habe.
«Nach den ersten beiden Wochen werden wir wohl zwanzig Millionen haben«, sagte er, ohne zu prahlen, und diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Teddy Maynard hatte ihm versichert, dass das Geld kommen würde.
Zwanzig Millionen in zwei Wochen — das hatte noch nie zuvor ein Kandidat geschafft und am Ende dieses Tages sprach man in Washington von nichts anderem mehr. Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als Lake — abermals live — in den Abendnachrichten von zwei der drei landesweiten Sender interviewt wurde. Er sah großartig aus: breites Lächeln, wohlgesetzte Worte, guter Anzug, gute Frisur. Dieser Mann war wählbar.
Die letzte Bestätigung, dass Aaron Lake ein ernst zu nehmender Kandidat für die Präsidentschaft war, kam später am Abend, als einer seiner Gegner ihn aufs Korn nahm. Senator Britt aus Maryland hatte seine Kandidatur vor einem Jahr bekannt gegeben und in New Hampshire einen guten zweiten Platz belegt. Er hatte neun Millionen Dollar aufgebracht, aber weit mehr als das ausgegeben, und war nun gezwungen, die Hälfte seiner Zeit mit dem Sammeln von Spenden zu verbringen — Zeit, die ihm im Wahlkampf fehlte. Er war es leid zu betteln, sein Team zu verkleinern und sich Sorgen über die Streuung seiner Fernsehspots zu machen, und als ein Reporter ihn nach seiner Meinung zu Lake und seinen zwanzig Millionen fragte, blaffte Britt ihn an:»Das ist schmutziges Geld. Kein ehrlicher Kandidat kann in so kurzer Zeit so viel Geld auftreiben. «Britt stand in Michigan am Eingang zu einem Chemiewerk im Regen und schüttelte Hände.
Die Presse ließ sich diese Bemerkung auf der Zunge zergehen und verbreitete sie im ganzen Land. Aaron Lake hatte die Bühne betreten.
Senator Britt aus Maryland hatte noch andere Probleme, auch wenn er sich bemühte, sie zu vergessen.
Neun Jahre zuvor hatte er eine Informationsreise durch Südostasien unternommen. Wie immer flogen er und seine Kollegen aus dem Kongress erster Klasse, stiegen in gepflegten Hotels ab, aßen Hummer und ließen nichts unversucht, um sich ein Bild von der Armut in dieser Region zu machen und Material für die wütende Kontroverse um die Firma Nike und ihre Produktion in Billiglohnländern zu sammeln. Gleich zu Beginn der Reise, in Bangkok, lernte Britt eine junge Frau kennen und beschloss, eine Krankheit vorzutäuschen und zurückzubleiben, während seine Kollegen ihre Informationsreise nach Laos und Vietnam fortsetzten.
Ihr Name war Payka, und sie war keine Prostituierte. Sie war einundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Sekretärin in der amerikanischen Botschaft in Bangkok, und weil sie im Dienst seines Landes stand, entwickelte Senator Britt ein gewisses arbeitgebermäßiges Interesse für sie. Er war weit entfernt von Maryland, seiner Frau, seinen fünf Kindern und seinem Wahlkreis. Payka war bildschön, und ihr größter Wunsch war es, in Amerika zu studieren.
Was als kleine Affäre begonnen hatte, entwickelte sich binnen kurzem zu einer regelrechten Liebesromanze, und Senator Britt musste sich losreißen, um nach Washington zurückzukehren. Zwei Monate später war er wieder in Bangkok, und zwar, wie er seiner Frau sagte, in einer dringlichen, aber streng geheimen Angelegenheit.
Innerhalb von neun Monaten unternahm er vier Reisen nach Thailand, allesamt erster Klasse und auf Kosten der Steuerzahler. Selbst die Globetrotter im Senat begannen, hinter vorgehaltener Hand Bemerkungen zu machen. Britt sprach mit ein paar Leuten im Außenministerium und Paykas Einreise in die USA schien nichts mehr im Wege zu stehen.
Doch dazu kam es nicht mehr. Bei ihrem vierten und letzten Treffen gestand sie ihm, sie sei schwanger. Sie war Katholikin und eine Abtreibung kam nicht in Frage. Britt hielt sie hin und sagte, er brauche Zeit zum Nachdenken. Er verließ Bangkok überstürzt mitten in der Nacht. Es war das Ende seiner Informationsreisen nach Südostasien.
Zu Beginn seiner Senatskarriere hatte Britt, der stets für den sparsamen Umgang mit Steuergeldern eintrat, ein- oder zweimal Schlagzeilen gemacht, indem er die Verschwendung staatlicher Mittel durch die CIA angeprangert hatte. Teddy Maynard hatte sich nicht dazu geäußert, doch von dem öffentlichen Interesse, das diese Äußerungen hervorgerufen hatten, war er keineswegs erbaut gewesen. Die recht dünne Akte über Senator Britt wurde hervorgeholt und bekam Priorität, und als er das zweite Mal nach Bangkok flog, war die CIA dabei. Er wusste es natürlich nicht, doch einige
Agenten saßen während des Fluges in seiner Nähe, selbstverständlich ebenfalls in der ersten Klasse, und auch in Bangkok setzte man einige Leute auf ihn an. Sie beobachteten das Hotel, in dem die beiden Turteltauben drei Tage verbrachten, und fotografierten sie beim Essen in teuren Restaurants. Sie sahen alles. Senator Britt war dumm und ahnungslos.
Später, als das Kind geboren war, verschaffte die CIA sich Kopien der Krankenhausunterlagen sowie Blutproben für eine DNA-Analyse. Payka behielt ihren Job in der Botschaft, so dass man sie leicht im Auge behalten konnte.
Als Britts Sohn ein Jahr alt war, machte man Fotos, auf denen er in einem Park in Bangkok auf dem Schoß seiner Mutter saß. Weitere Fotos folgten und mit vier Jahren schließlich sah er Senator Dan Britt aus Maryland entfernt ähnlich.
Seinen Vater bekam er nie zu Gesicht. Britts Begeisterung für Informationsreisen nach Südostasien hatte stark nachgelassen — sein Interesse galt jetzt anderen Regionen. Irgendwann entwickelte er den Ehrgeiz, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, eine Berufskrankheit, die früher oder später jeden Senator befällt. Er hatte nie wieder etwas von Payka gehört und so war es ihm nicht schwer gefallen, diese unangenehme Episode zu vergessen.
Britt hatte fünf Kinder und eine Frau mit einer scharfen Zunge. Sie waren ein Team, der Senator und Mrs. Britt, und mit dem Slogan» Wir müssen unsere Kinder schützen!«führten sie gemeinsam den Kreuzzug zur Rettung der moralischen Grundwerte an. Obgleich ihr ältestes Kind erst dreizehn war, schrieben sie ein Buch darüber, wie man angesichts der allgemeinen Verkommenheit Kinder aufziehen sollte. Als der Präsident durch seine sexuellen Eskapaden in Bedrängnis kam, profilierte sich Senator Britt als der radikalste Saubermann von Washington.
Er und seine Frau trafen einen Nerv, und die Mittel aus dem konservativen Lager flössen reichlich. In lowa hielt er sich gut, und in New Hampshire landete er nur knapp auf dem zweiten Platz, doch jetzt ging ihm langsam das Geld aus und seine Umfragewerte sanken.
Doch das Schlimmste stand ihm noch bevor. Nach einem harten Wahlkampftag fielen er und sein Team für eine kurze Nacht in einem Motel in Dearborn, Michigan, ein. Und hier wurde der Senator mit seinem sechsten Kind konfrontiert, auch wenn er ihm nicht persönlich begegnete.
Der Agent hieß McCord, war mit einem gefälschten Presseausweis ausgestattet und folgte Britt schon seit einer Woche. Angeblich arbeitete er für eine Zeitung in Tallahassee, doch in Wirklichkeit war er seit elf Jahren CIA- Agent. Britt war ständig von so vielen Reportern umgeben, dass sich niemand die Mühe machte, ihre Angaben zu überprüfen.
McCord freundete sich mit einem von Britts Beratern an und gestand ihm bei einem späten Drink in der Bar des Holiday Inn, er besitze etwas, das Britt vernichten könne und das ihm von einem Mitarbeiter eines Konkurrenten, des Gouverneurs Tarry, zugespielt worden sei. Es handelte sich um ein Dossier. Jede Seite besaß die Sprengkraft einer Bombe: Da waren eine eidesstattliche Erklärung von Payka, in der sie Einzelheiten ihrer Affäre mit Britt schilderte, zwei Fotos des Kindes, von denen eines vor knapp einem Monat aufgenommen worden war und einen inzwischen siebenjährigen Jungen zeigte, der seinem Vater immer ähnlicher sah, diverse Blut- und DNA-Analysen, die Britts Vaterschaft unzweifelhaft belegten, sowie detaillierte Aufzeichnungen, die schwarz auf weiß bewiesen, dass Senator Britt 38 600 Dollar an Steuergeldern ausgegeben hatte, um auf der anderen Seite des Globus Ehebruch zu begehen.