Die Sache war ganz einfach: Wenn Britt sofort auf die Kandidatur verzichtete, würde niemand etwas von dieser Geschichte erfahren. McCord, der gewissenhafte Journalist, hatte moralische Bedenken und lehnte solche Machenschaften ab. Und Gouverneur Tarry würde schweigen, wenn Britt sich zurückzog. Nicht einmal Mrs. Britt würde etwas erfahren.
Um kurz nach ein Uhr morgens erhielt Teddy Maynard in Washington den Anruf von McCord. Das Päckchen war zugestellt worden. Britt würde am nächsten Mittag eine Pressekonferenz abhalten.
Teddy besaß brisante Unterlagen über Hunderte von Politikern aus Vergangenheit und Gegenwart. Sie waren gewöhnlich leichte Ziele. Man brauchte ihnen nur eine schöne junge Frau über den Weg laufen zu lassen und schon hatte man wieder etwas für die Akte. Und wenn Frauen nicht funktionierten, dann brachte Geld den gewünschten Erfolg. Es genügte, sie zu beobachten, wenn sie auf Reisen gingen, wenn sie sich mit Lobbyisten zusammentaten, wenn sie ausländischen Regierungen, die schlau genug waren, viel Geld nach Washington zu schaffen, diverse Gefallen taten, wenn sie in den Wahlkampf zogen und Spenden sammelten. Man brauchte sie nur zu beobachten und schon schwollen die Dossiers an. Teddy wünschte sich, bei den Russen wäre es ebenso leicht.
Obgleich er Politiker insgesamt verachtete, gab es doch einige, die er respektierte. Aaron Lake war einer von ihnen. Er hatte nie irgendwelchen Frauen nachgestellt, hatte nie getrunken oder andere schlechte Angewohnheiten entwickelt, hatte nie besonders viel Wert auf Geld gelegt oder um die Gunst der Öffentlichkeit gebuhlt. Je länger Teddy ihn beobachtete, desto besser gefiel er ihm.
Er nahm die letzte Tablette für diese Nacht und fuhr seinen Rollstuhl zum Bett. Britt war also erledigt. Gut so. Schade, dass er die Geschichte nicht trotzdem durchsickern lassen konnte. Dieser frömmlerische Heuchler hatte eine öffentliche Tracht Prügel verdient. Spar es dir für später auf, dachte er. Du kannst das Zeug noch mal verwenden. Falls Präsident Lake eines Tages Britts Unterstützung braucht, könnte sich dieser kleine Junge in Thailand als sehr nützlich erweisen.
SIEBEN
Picasso hatte eine einstweilige Verfügung gegen Sherlock und andere — unbekannte — Personen beantragt, um sie daran zu hindern, auf seine Rosen zu pinkeln. Ein bisschen fehlgeleiteter Urin konnte das Leben in Trumble zwar nicht wirklich aus dem Gleichgewicht bringen, aber Picasso wollte auch Schadenersatz in Höhe von 500 Dollar. Und 500 Dollar waren eine ernste Angelegenheit.
Der Streit schwelte seit dem vergangenen Sommer, als Picasso Sherlock auf frischer Tat ertappt hatte. Schließlich hatte der stellvertretende Direktor interveniert und die Bruderschaft gebeten, die Sache zu verhandeln. Die Klage war eingereicht worden und Sherlock hatte einen ehemaligen Anwalt namens Ratliff, der wegen Steuerhinterziehung saß, mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt. Dieser stellte irrelevante Anträge und tat sein Bestes, die Sache zu behindern und zu verzögern — die übliche Vorgehensweise derer, die draußen die hohe Kunst der Prozessführung praktizierten. Doch bei der Bruderschaft kam das nicht gut an, und weder Sherlock noch sein Anwalt hatten besonders gute Karten.
Picassos Rosengarten war ein sorgfältig gepflegtes Beet neben der Sporthalle. In einem dreijährigen zähen bürokratischen Kampf hatte er einen subalternen Sesselfurzer in Washington davon überzeugt, dass er, Picasso, an diversen Störungen litt und dass ein solches Hobby von altershehr als therapeutisch galt. Sobald die Genehmigung aus Washington vorlag, setzte der Gefängnisdirektor seine Unterschrift darunter, und Picasso machte sich mit Eifer an die Arbeit. Die Rosen bezog er von einer Gärtnerei in Jacksonville. Auch dafür hatte er zahlreiche Anträge stellen müssen.
Sein eigentlicher Job war Tellerwäscher in der Cafeteria, eine Tätigkeit, für die er 3 °Cent pro Stunde bekam. Der Direktor lehnte seinen Antrag, als Gärtner beschäftigt zu werden, ab — die Rosen waren also sein Hobby. In der Wachstumszeit sah man Picasso früh und spät in seinem Beet knien, die Erde auflockern und seine Rosenstöcke gießen. Er sprach sogar mit den Blumen.
Die Sorte hieß Belinda's Dream und hatte blass rosafarbene Blüten. Die Rosen waren nicht besonders schön, aber Picasso liebte sie trotzdem. Als die Stöcke geliefert wurden, erfuhren alle Insassen von Trumble, dass die Belindas endlich gekommen waren. Er pflanzte sie liebevoll in die Mitte und an den vorderen Rand seines Beetes.
Sherlock begann aus purer Bosheit, auf das Beet zu pinkeln. Er konnte Picasso ohnehin nicht ausstehen, weil dieser ein bekannter Lügner war, und irgendwie erschien es ihm angebracht, auf die Rosen zu urinieren. Andere taten es ihm nach. Sherlock ermunterte sie, indem er ihnen sagte, das sei ein hervorragender Rosendünger.
Die Belindas verloren ihre rosige Farbe und welkten. Picasso war entsetzt. Ein Informant schob einen Zettel unter seiner Tür durch, und damit war das Geheimnis gelüftet: Sein geliebtes Rosenbeet war zum Pissoir geworden. Zwei Tage später legte Picasso sich auf die Lauer und ertappte Sherlock in flagranti und Sekunden später lieferten die beiden dicklichen Männer im mittleren Alter sich mitten auf dem Fußweg einen hässlichen Ringkampf.
Die Rosen verfärbten sich gelblich und Picasso reichte seine Klage ein.
Als es Monate später, nach zahlreichen Verzögerungen durch Ratliff, endlich zur Verhandlung kam, hatten die Richter bereits genug von dieser Sache. Sie waren übereingekommen, dem Ehrenwerten Finn Yarber, dessen Mutter einst Rosen gezüchtet hatte, den Vorsitz zu überlassen, und dieser hatte den anderen nach einigen Recherchen, die nicht länger als ein paar Stunden gedauert hatten, mitgeteilt, dass menschlicher Urin keinerlei Verfärbung von Rosenblüten zur Folge hatte. Zwei Tage vor der Verhandlung stand ihre Entscheidung fest: Sie würden die beantragte Verfügung erlassen, die Sherlock und die anderen Schweine hinderte, auf Picassos Rosen zu pinkeln, aber ein Schadenersatz kam nicht in Frage.
Drei Stunden lang hörten sie sich an, wie erwachsene Männer darüber stritten, wer wann und wie oft wohin gepinkelt hatte. Picasso, der sich nicht durch einen Anwalt vertreten ließ, war den Tränen nahe, als er die von ihm vorgeladenen Zeugen anflehte, gegen ihre Freunde auszusagen. Ratliff, der Verteidiger, war grausam, verletzend und wiederholte sich ständig, und nach einer Stunde war deutlich, dass seine Streichung aus dem Anwaltsverzeichnis durchaus gerechtfertigt gewesen war — ganz gleich, welcher Vergehen er sich schuldig gemacht hatte.
Richter Spicer vertrieb sich die Zeit mit der Lektüre der Basketball-Ergebnisse in der College-Liga. Wenn er Trevor nicht beauftragen konnte, platzierte er Übungswetten auf jedes Spiel. Innerhalb von zwei Monaten hatte er damit — auf dem Papier — 3600 Dollar verdient. Er hatte eine Glückssträhne. Er gewann beim Kartenspielen, er gewann bei Sportwetten, und er schlief schlecht, denn er träumte von dem Leben, das auf ihn wartete und in dem er ein Profispieler sein würde, in Las Vegas oder auf den Bahamas. Mit seiner Frau oder ohne sie.
Richter Beech stellte stirnrunzelnd tief gehende juristische Überlegungen an und machte sich umfangreiche Notizen. In Wirklichkeit entwarf er seinen nächsten Brief an Curtis in Dallas. Sie hatten beschlossen, ihn noch ein bisschen zu ködern. Als» Ricky «erklärte Beech ihm, ein brutaler Wachmann der Drogenklinik habe ihm alle möglichen schmerzhaften Konsequenzen für den Fall angedroht, dass er keine» Versicherung «abschloss. Ricky brauchte 5000 Dollar, um vor diesem Schläger sicher zu sein. Konnte Curtis ihm das Geld vielleicht leihen?
«Können wir jetzt fortfahren?«unterbrach Beech den ehemaligen Anwalt Ratliff zum wiederholten Male. Als er noch amtierender Richter gewesen war, hatte er die Kunst, während der nicht enden wollenden Ausführungen der Anwälte Zeitschriften zu lesen, zur Vollendung gebracht. Eine barsche Ermahnung zum rechten Zeitpunkt hielt alle Beteiligten auf Kurs.