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Er schrieb:»Sie spielen hier so widerliche Spielchen. Als zerbrochene Menschen kommen wir hier an. Dann legt man uns trocken, hilft uns auf, setzt uns Stückchen für Stückchen wieder zusammen. Nach und nach lernen wir, wieder klar zu denken. Man bringt uns Disziplin bei, gibt uns neues Selbstvertrauen und bereitet uns auf die Rückkehr in die Gesellschaft vor. Die Ärzte sind wirklich fähig, aber sie lassen es zu, dass die brutalen Kerle, die das Gelände bewachen, uns, die wir noch so schwach und zerbrechlich sind, bedrohen und damit alles zerstören, was wir uns unter großen Mühen erarbeitet haben. Ich habe Angst vor diesem Mann. Ich sollte mich von der Sonne bräunen lassen oder an den Geräten trainieren, aber ich verstecke mich lieber in meinem Zimmer. Ich kann nicht schlafen. Ich sehne mich nach Alkohol und Drogen, um diesem Alptraum zu entfliehen. Bitte, Curtis, leih mir die 5000 Dollar, damit dieser Kerl mich in Ruhe lässt. Damit ich meine Entziehungskur abschließen kann und unversehrt hier rauskomme. Ich will gesund und in Form sein, wenn wir uns endlich sehen.«

Was würden seine Freunde von ihm denken? Der Ehrenwerte Bundesrichter Hatlee Beech schrieb Schwulenprosa und erpresste unschuldige Menschen.

Er hatte keine Freunde mehr. Es gab keine Regeln mehr. Das Gesetz, das er einst über alles gestellt hatte, hatte ihn hierher gebracht: in die Cafeteria eines Gefängnisses, wo er in der blassgrünen Robe eines schwarzen Kirchenchorsängers an einem Klapptisch saß und sich anhörte, wie ein Haufen wütender Knastbrüder sich über Urin stritten.

«Sie haben diese Frage bereits achtmal gestellt«, fuhr er Ratliff an, der offenbar zu viele schlechte Gerichtsdramen gesehen hatte.

Da Richter Yarber den Vorsitz führte, hätte er sich eigentlich wenigstens den Anschein geben sollen, als verfolge er das Geschehen aufmerksam. Das tat er jedoch keineswegs und auch der Anschein war ihm vollkommen gleichgültig. Wie gewöhnlich war er unter seiner Robe nackt. Er saß mit breit gespreizten Beinen da und säuberte seine langen Zehennägel mit einer Plastikgabel.

«Willst du vielleicht behaupten, deine Blumen wären braun geworden, wenn ich darauf geschissen hätte?«rief Sherlock Picasso zu und die ganze Cafeteria brach in schallendes Gelächter aus.

«Achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise, meine Herren«, sagte Richter Beech.

«Ruhe!«rief T. Karl, der Gerichtsnarr mit der hellgrauen Perücke. Es gehörte nicht zu seinen Aufgaben, im Gerichtssaal für Ordnung zu sorgen, doch er machte seine Sache gut und die Richter ließen es ihm durchgehen. Er klopfte mit dem Plastikhammer auf den Tisch und rief nochmals:

«Ruhe, meine Herren!«

Beech schrieb:»Bitte hilf mir, Curtis. Ich habe niemanden sonst, an den ich mich wenden könnte. Ich habe Angst zu zerbrechen. Ich habe Angst, ich könnte rückfällig werden. Ich habe Angst, dass ich nie mehr hier rauskomme. Bitte beeil dich.«

Spicer setzte je 100 Dollar auf Indiana gegen Purdue, Duke gegen Clemson, Alabama gegen Vandy und Wisconsin gegen Illinois. Er hatte keine Ahnung, wie stark Wisconsin im Basketball war, aber das spielte keine Rolle. Er war ein Profispieler, und zwar ein verdammt guter. Wenn die 90 000 Dollar noch hinter dem Geräteschuppen vergraben waren, würde er innerhalb eines Jahres eine Million daraus machen.

«Das reicht«, sagte Beech und hob die Hand.

«Mir reicht's ebenfalls«, sagte Yarber, hörte auf, sich seinen Zehennägeln zu widmen, und stützte die Arme auf den Tisch.

Die Richter steckten die Köpfe zusammen und berieten sich, als würde hier ein wichtiger Präzedenzfall verhandelt oder als hinge von ihrer Entscheidung die Zukunft der amerikanischen Rechtsprechung ab. Sie runzelten die Stirn, kratzten sich am Kopf und schienen die Implikationen des Falls zu diskutieren. Der arme Picasso, dem Ratliffs Prozesstaktik stark zugesetzt hatte, saß abseits und hatte Tränen in den Augen.

Richter Yarber räusperte sich.»Mit einer Mehrheit von zwei zu eins ergeht folgendes Urteiclass="underline" Wir erlassen eine Verfügung gegen jeden, der auf die verdammten Rosen pinkelt. Wer dabei erwischt wird, zahlt fünfzig Dollar Strafe. Die Schadenersatzforderung ist abgewiesen.«

Sogleich schlug T. Karl mit seinem Hammer auf den Tisch und rief:»Das Gericht vertagt sich bis auf weiteres. Alle Anwesenden mögen sich erheben.«

Natürlich rührte sich niemand.

«Ich lege Berufung ein«, schrie Picasso.

«Ich auch«, rief Sherlock.

«Scheint ein gutes Urteil zu sein«, sagte Yarber, raffte seine Robe und stand auf.»Beide Parteien sind unzufrieden.«

Auch Beech und Spicer erhoben sich und dann verließen die Richter die Cafeteria. Ein Wärter trat zu den Prozessparteien und Zeugen und sagte:»Die Sitzung ist beendet, Jungs. Zurück an die Arbeit.«

Der Vorstandsvorsitzende von Hummand, einer in Seattle ansässigen Gesellschaft, die Raketen und Radarstörsender herstellte, war früher Kongressabgeordneter mit hervorragenden Kontakten zur CIA gewesen. Teddy Maynard kannte ihn gut. Als der Vorstandsvorsitzende auf einer Pressekonferenz verkündete, seine Gesellschaft werde Lake fünf Millionen Dollar für seinen Wahlkampf spenden, unterbrach CNN einen Beitrag über die Absaugung von Fettgewebe und brachte die Story live! 5000 Hummand-Arbeiter hatten Schecks über je 1000 Dollar, die gesetzlich festgelegte Höchstsumme, ausgestellt. Der Vorstandsvorsitzende hatte die Schecks in einer Schachtel, die er den Kameras präsentierte, bevor er mit einem Firmenjet nach Washington flog, um sie in Lakes Hauptquartier abzugeben.

Folge dem Geld und du findest den Sieger. Seit der Bekanntgabe von Lakes Kandidatur hatten über 11 000 Arbeiter aus der Rüstungs- und Luftfahrtindustrie in 30 Staaten gut acht Millionen Dollar gespendet. Die Post stellte die Briefe mit den Schecks Körbeweise zu. Die Gewerkschaften hatten fast ebenso viel beigesteuert und weitere zwei Millionen zugesagt. Lakes Leute mussten eine Buchhaltungsfirma mit dem Zählen und Verbuchen des Geldes beauftragen.

Bei der Landung des Vorstandsvorsitzenden von Hummand in Washington waren so viele Presseleute anwesend, wie man hatte zusammentrommeln können. Präsidentschaftskandidat Lake saß gerade in einem anderen Privatjet, den man für monatlich 400 000 Dollar geleast hatte. In Detroit erwarteten ihn zwei nagelneue schwarze Limousinen, ebenfalls geleast, für 1000 Dollar pro Monat. Lake hatte jetzt eine Eskorte, eine Gruppe von Leuten, die ihn begleiteten, wohin er auch ging, und obgleich er sicher war, dass er sich daran gewöhnen würde, fand er das anfangs recht enervierend. Ständig war er von Fremden umgeben, von ernsten jungen Männern in schwarzen Anzügen, die kleine Ohrhörer und

Schulterholster mit Revolvern trugen. Zwei Agenten des Secret Service hatten ihn auf dem Flug begleitet, drei weitere warteten bei den Limousinen.

Und dann war da noch Floyd, der sonst in Lakes Büro im Kongress arbeitete. Er war ein nicht besonders heller junger Mann aus einer prominenten Familie in Arizona, der lediglich zur Erledigung kleinerer Aufträge taugte. Jetzt war Floyd sein Fahrer. Er saß am Steuer einer der Limousinen. Lake nahm auf dem Beifahrersitz Platz, zwei Agenten und eine Sekretärin setzten sich in den Fond. Zwei Assistenten und drei weitere Agenten folgten in der anderen Limousine. Sie fuhren in die Innenstadt von Detroit, wo sie von wichtigen Journalisten örtlicher Fernsehstationen erwartet wurden.

Lake hatte keine Zeit, durch Wohngebiete zu stapfen oder Catfish zu essen oder im Regen vor Fabriktoren herumzustehen. Er konnte nicht für die Kameras wandern oder vor Stadtversammlungen sprechen oder inmitten verfallender Gettos stehen und eine verfehlte Politik anprangern. Er hatte nicht genug Zeit, um all die Dinge zu tun, die man von einem Präsidentschaftskandidaten erwartete. Er war spät angetreten, ohne Basisorganisation, ohne irgendwelche Unterstützung vor Ort. Lake hatte ein gut aussehendes Gesicht, eine angenehme Stimme, hervorragend geschnittene Anzüge, eine dringliche Botschaft und jede Menge Geld.