Wenn man mit gekaufter Fernsehzeit die Präsidentschaft kaufen konnte, dann war Lake auf dem besten Weg zu einem neuen Posten.
Er rief in Washington an, sprach mit seinem Finanzmanager und erfuhr von den fünf Millionen. Von Hummand hatte er noch nie gehört.»Ist das eine Aktiengesellschaft?«fragte er. Nein, hieß es, das Unternehmen sei in Privatbesitz. Jahresumsatz knapp unter einer Milliarde. Innovativ auf dem Sektor der Radarstöranlagen. Konnte Milliarden machen, wenn der richtige Mann sich des Militärs annahm und wieder anfing, Geld auszugeben.
Neunzehn Millionen waren bis jetzt zusammengekommen. Das war natürlich ein Rekord. Aber man würde die Erwartungen revidieren: Lake würde in den ersten zwei Wochen 30 Millionen Dollar Spenden sammeln.
So schnell konnte man das Geld gar nicht ausgeben.
Er klappte das Handy zusammen und reichte es Floyd, der sich anscheinend verfahren hatte.»Von jetzt an nehmen wir Hubschrauber«, sagte er über seine Schulter zu der Sekretärin, die die Anordnung tatsächlich sogleich notierte: Hubschrauber besorgen!
Lake verbarg seine Augen hinter einer Sonnenbrille und versuchte zu analysieren, was 30 Millionen Dollar bedeuteten. Die Verwandlung von einem um Ausgabenbegrenzung besorgten Konservativen in einen mit Dollars nur so um sich werfenden Präsidentschaftskandidaten war gewöhnungsbedürftig, aber das Geld war nun mal da und musste ausgegeben werden. Es war den Steuerzahlern nicht abgepresst worden — die Leute hatten es freiwillig gespendet. Er konnte vernünftige Gründe dafür finden. Wenn er erst einmal gewählt war, würde er sich weiterhin für die Belange des einfachen Mannes einsetzen.
Wieder dachte er an Teddy Maynard, der mit einer Decke über den Knien, mit schmerzverzerrtem Gesicht in Langley in einem abgedunkelten Raum saß und Drähte zog, die nur er ziehen konnte.
Teddy Maynard, der das Geld auf Bäumen wachsen lassen konnte. Lake würde nie erfahren, was Teddy für ihn tat, und er wollte es auch gar nicht erfahren. Der Leiter der Abteilung Naher Osten hieß Lufkin. Er war seit zwanzig Jahren bei der CIA und Teddy vertraute ihm absolut. Vierzehn Stunden zuvor war er noch in Tel Aviv gewesen. Jetzt saß er in Teddys Bunker und sah erstaunlich frisch und konzentriert aus. Die Nachrichten, die er für Teddy hatte, mussten persönlich überbracht werden, ohne
Telefone, Drähte oder Satelliten. Und was hier gesprochen wurde, würde nie wiederholt werden. So hielten sie es seit vielen Jahren.
«Ein Angriff auf unsere Botschaft in Kairo steht jetzt unmittelbar bevor«, sagte Lufkin. Keine Reaktion von Teddy — kein Stirnrunzeln, kein Zeichen von Überraschung, kein Niederschlagen der Augen, nichts. Er hatte solche Nachrichten schon oft bekommen.
«Abu Yidal?«
«Ja. Sein wichtigster Unterführer wurde letzte Woche in Kairo gesehen.«
«Von wem?
«Von den Israelis. Sie haben auch zwei Lastwagen mit Sprengstoff von Tripolis nach Kairo verfolgt. Es scheint alles bereit zu sein.«
«Wann?«
«Der Anschlag steht unmittelbar bevor.«
«Wie unmittelbar?«
«Innerhalb einer Woche, würde ich sagen.«
Teddy zupfte sich am Ohrläppchen und schloss die Augen. Lufkin versuchte, ihn nicht anzustarren, und er wusste, dass es besser war, keine Fragen zu stellen. Er würde bald in den Nahen Osten zurückkehren. Und er würde warten. Der Angriff auf die Botschaft würde wahrscheinlich ohne Vorwarnung erfolgen. Dutzende würden getötet und verstümmelt werden. Der Krater würde noch tagelang rauchen, und in Washington würde man mit den Fingern zeigen und Beschuldigungen äußern. Die CIA würde wieder mal verantwortlich gemacht werden. Teddy Maynard würde das alles kalt lassen. Im Lauf der Zeit hatte Lufkin gelernt, dass Teddy manchmal Terror brauchte, um zu erreichen, was er erreichen wollte.
Vielleicht würde es aber auch keinen Angriff auf die Botschaft geben. Vielleicht würden ägyptische Kommandoeinheiten in Zusammenarbeit mit den Amerikanern rechtzeitig zugreifen. Die CIA würde für ihre ausgezeichnete geheimdienstliche Arbeit gelobt werden. Aber auch das würde Teddy kalt lassen.
«Und Sie sind sich sicher?«fragte er.
«So sicher, wie man sich unter diesen Umständen sein kann.«
Lufkin wusste natürlich nicht, dass der CIA-Direktor dabei war, eine Wahlkampagne zu steuern. Er hatte von Aaron Lake kaum jemals gehört. Und eigentlich war es ihm vollkommen egal, wer die Wahl gewann. Er war lange genug im Nahen Osten, um zu wissen, dass es im Grunde keine Rolle spielte, wer die Richtlinien der amerikanischen Nahostpolitik bestimmte.
In drei Stunden würde er in der Concorde nach Paris sitzen, wo er einen Tag verbringen würde, bevor er nach Jerusalem weiterflog.
«Gehen Sie nach Kairo«, sagte Teddy, ohne die Augen zu öffnen.
«Gut. Und was soll ich dort machen?«
«Warten.«»Auf was?«
«Darauf, dass die Erde bebt. Und halten Sie sich von der Botschaft fern.«
Yorks erste Reaktion war Entsetzen.»Sie können diesen Spot nicht senden lassen, Teddy«, sagte er.»Sie kriegen keine Freigabe für Kinder und Jugendliche. Ich hab noch nie so viel Blut gesehen.«
«Mir gefällt das«, sagte Teddy und drückte einen Knopf auf der Fernsteuerung.»Ein Wahlkampfspot, den Kinder und Jugendliche nicht sehen dürfen. So was hat es noch nie gegeben.«
Sie sahen ihn sich noch einmal an. Er begann mit einer Bombenexplosion und dann kamen Aufnahmen der Unterkünfte der Marines in Beirut: Rauch, Schutt, Chaos, Marines, die aus den Trümmern geborgen wurden, verstümmelte Körper, ordentlich aufgereihte Leichen. Präsident Reagan schwor vor versammelter Presse Rache. Doch die Drohung klang hohl. Dann das Foto eines amerikanischen Soldaten zwischen zwei maskierten Bewaffneten. Eine dunkle, unheildrohende Stimme aus dem Off sagte:»Seit 1980 sind Hunderte Amerikaner von Terroristen in aller Welt ermordet worden. «Eine weitere Explosion, blutverschmierte, verwirrte Überlebende, Rauch und Chaos.»Jedes Mal schwören wir Rache. Jedes Mal versprechen wir, die Verantwortlichen aufzuspüren und zu bestrafen. «Kurze Einstellungen von Präsident Bush, der bei zwei verschiedenen Gelegenheiten wütend Vergeltung gelobte — und wieder eine Explosion und noch mehr Leichen. Ein Terrorist in der Tür eines Verkehrsflugzeugs, der den Leichnam eines amerikanischen Soldaten auf das Rollfeld warf. Präsident Clinton, der mit brechender Stimme und den Tränen nahe sagte:»Wir werden nicht ruhen, bis wir die Verantwortlichen gefunden haben. «Und dann das gut aussehende, aber ernste Gesicht von Aaron Lake, der aufrichtig in die Kamera sah und jeden einzelnen Zuschauer persönlich ansprach:»Tatsache ist, dass wir keine Vergeltung üben. Wir reden, wir drohen, wir gebrauchen große Worte, aber in Wirklichkeit begraben wir die Toten und vergessen sie. Die Terroristen gewinnen ihren Krieg, weil wir nicht den Mumm hatten, zurückzuschlagen. Wenn ich Ihr Präsident bin, werden wir unsere neu ausgerüstete Armee einsetzen, um den Terrorismus zu bekämpfen, wo immer wir ihn sehen. Kein toter Amerikaner wird ungerächt bleiben. Das verspreche ich Ihnen. Wir werden uns nicht mehr von hergelaufenen kleinen Gruppen, die sich in den Bergen verstecken, erniedrigen lassen. Wir werden sie vernichten.«
Der Spot dauerte genau 60 Sekunden, hatte sehr wenig gekostet, weil Teddy bereits über das Filmmaterial verfügte, und würde in 48 Stunden zur Hauptsendezeit über die Bildschirme gehen.
«Ich weiß nicht«, sagte York.»Das Ding ist schrecklich.«
«Es ist eine schreckliche Welt.«
Teddy gefiel der Spot und das war alles, was zählte. Lake hatte Einwände gegen das viele Blut gehabt, sich jedoch schnell überzeugen lassen. Sein Bekanntheitsgrad lag jetzt bei 30 Prozent, doch seine Kampagne stieß noch immer auf Ablehnung.
Abwarten, dachte Teddy. Abwarten, bis es noch mehr Leichen gibt.