Trevor kam bis zu Pete's Bar and Grill und traf rechtzeitig zur Happy Hour ein, die bei Pete's von fünf Uhr bis zur ersten tätlichen Auseinandersetzung dauerte. Prep, ein zweiunddreißigjähriger Student an der University of North Florida, spielte Poolbillard mit zwanzig Dollar Einsatz pro Spiel. Der Anwalt seiner Familie war gehalten, ihm aus einem stetig schrumpfenden Treuhandvermögen 2000 Dollar pro Monat auszuzahlen, solange Prep an einer Universität eingeschrieben war. Prep studierte mittlerweile im zweiundzwanzigsten Semester.
Prep war außerdem der gefragteste Buchmacher bei Pete's, und als Trevor ihm zuflüsterte, er wolle eine hübsche Summe auf das Spiel Duke gegen Tech setzen, fragte er:»Wie hübsch?«
«Fünfzehntausend«, sagte Trevor und nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche.
«Kein Scheiß?«fragte Prep, kreidete sein Queue ein und sah sich in dem verrauchten Raum um. Trevor hatte noch nie mehr als 100 Dollar auf ein Spiel gesetzt.
«Kein Scheiß. «Noch ein tiefer Schluck aus der Flasche. Trevor hatte das Gefühl, dass eine Glückssträhne begonnen hatte. Wenn Spicer 5000 auf das Spiel setzen wollte, dann war Trevor bereit, doppelt so viel zu riskieren. Er hatte gerade 33000 Dollar verdient — steuerfrei. Was machte es schon, wenn er 10000 verlor? Das war der Betrag, den sonst das Finanzamt kassiert hätte.
«Da muss ich erst mal telefonieren«, sagte Prep und zog ein Handy hervor.
«Aber beeil dich. Das Spiel fängt in einer halben Stunde
Der Barmann war aus Florida und hatte den Staat in seinem ganzen Leben noch nicht verlassen. Dennoch hatte er irgendwie eine Leidenschaft für australischen Football entwickelt. Im Augenblick lief ein Spiel der ersten australischen Liga und Trevor musste ihn mit zwanzig Dollar bestechen, damit er auf Basketball umschaltete.
Jetzt, da 15 000 Dollar auf weniger als elf Punkte Differenz gesetzt waren, machte Duke natürlich einen Punkt nach dem anderen, jedenfalls in der ersten Halbzeit. Trevor aß Pommes frites, trank eine Flasche Bier nach der anderen und versuchte, Prep zu ignorieren, der in einer dunklen Ecke beim Pooltisch stand und das Spiel verfolgte.
Während der zweiten Halbzeit hätte Trevor beinahe den Barmann bestochen, damit er wieder auf australischen Football umschaltete. Er wurde immer betrunkener und zehn Minuten vor Schluss verfluchte er Joe Roy Spicer vor jedem, der ihm zuhören wollte. Was verstand dieser Hinterwäldler schon von College-Basketball? Neun Minuten vor dem Abpfiff führte Duke mit zwanzig Punkten Vorsprung, aber dann drehte Georgia Techs Point Guard auf und machte vier Dreipunkttreffer hintereinander. Trevor hatte richtig gesetzt.
Eine Minute vor Schluss stand das Spiel unentschieden. Trevor war es egal, wer gewann. Die Sache war gelaufen. Er zahlte, gab dem Barmann 100 Dollar Trinkgeld und winkte Prep beim Hinausgehen fröhlich zu. Prep zeigte ihm den Mittelfinger.
In der kühlen Dunkelheit ließ Trevor die Lichter hinter sich und ging den Atlantic Boulevard entlang, vorbei an den billigen, dicht zusammengedrängten Ferienbungalows und den geschniegelten, immer frisch gestrichenen Rentnerhäusern mit den perfekt gepflegten Rasenflächen und bis zu der alten Holztreppe. Am Strand zog er die Schuhe aus und schlenderte am Wasser entlang. Die Temperatur lag bei knapp unter zehn Grad — nichts Ungewöhnliches für Jacksonville im Februar-, und binnen kurzem waren seine Füße kalt und nass.
Er spürte es eigentlich gar nicht. 43 000 Dollar an einem Tag, steuerfrei und gut versteckt. Im letzten Jahr hatte er nach Abzug aller Ausgaben 28 000 verdient und dafür hatte er schwer gearbeitet: Er hatte sich mit Mandanten herumgeschlagen, die zu arm oder zu unzuverlässig gewesen waren, um ihn zu bezahlen, hatte einen Bogen um Gerichtssäle gemacht, hatte sich mit kleinkarierten Immobilienmaklern und Bankiers gestritten, sich über seine Sekretärin geärgert und das Finanzamt betrogen.
Ach, die Freuden schnellen Geldes! Er hatte an das Ding, das die Bruderschaft drehte, nicht so recht glauben wollen, doch jetzt erschien es ihm brillant. Man brauchte bloß Leute zu erpressen, die nicht zur Polizei gehen konnten. Wirklich eine clevere Sache.
Und da es so gut funktionierte, würde Spicer die Schraube weiter anziehen. Die Briefe würden zahlreicher werden und er würde häufiger nach Trumble fahren. Aber wenn es sein musste, würde er mit Freuden täglich hinfahren, Briefe holen und abliefern und Wärter bestechen.
Während der Wind auffrischte und die Wellen brachen, planschte er mit den Füßen durchs Wasser.
Noch cleverer wäre es, den Erpressern einen noch größeren Anteil abzunehmen — immerhin waren es verurteilte Verbrecher, die ihn wohl kaum verklagen würden. Es war ein böser Gedanke, für den er sich beinahe schämte, aber dennoch war er einer Erwägung wert. Man musste sich alle Optionen offen halten. Seit wann hatten Diebe eine Ehre?
Er brauchte eine Million Dollar, nicht mehr und nicht weniger. Er hatte es oft ausgerechnet, wenn er nach Trumble gefahren war, wenn er bei Pete's herumgehangen und sich betrunken hatte, wenn er allein und hinter verschlossener Tür an seinem Schreibtisch gesessen hatte. Eine lausige Million, und er konnte seine jämmerliche kleine Kanzlei schließen, seine Zulassung zurückgeben, sich ein Segelboot kaufen und den Rest des Lebens damit verbringen, sich vom Wind durch die Karibik treiben zu lassen.
Er war diesem Ziel näher denn je.
Richter Spicer wälzte sich auf seinem Bett — dem unteren der beiden Betten — herum. Er schlief nur selten gut in diesem winzigen Bett, in dieser winzigen Zelle, die er mit einem kleinen, unangenehm riechenden Mann namens Alvin teilte. Alvin schnarchte oben. Jahrzehntelang hatte er sich als Landstreicher durchgeschlagen, doch in vorgerücktem Alter hatte er begonnen, sich nach einem Dach über dem Kopf und regelmäßigen Mahlzeiten zu sehnen, und einen Landbriefträger in Oklahoma überfallen. Zu seiner Ergreifung hatte er maßgeblich beigetragen, indem er im FBI-Büro in Tulsa erschienen war und verkündet hatte:»Ich war's. «Die Beamten hatten sechs Stunden lang in Unterlagen kramen müssen, um die Anzeige zu finden. Selbst dem Richter war klar, dass Alvin alles genau geplant hatte. Er wollte kein Bett in einem Staatsgefängnis, sondern in einer Bundesvollzugsanstalt.
Heute fiel Spicer das Einschlafen noch schwerer als sonst, weil der Rechtsanwalt ihm Sorgen machte. Jetzt, da die Sache langsam in Schwung kam, ging es um größere Summen. Und es würde noch mehr Geld kommen. Je mehr sich auf dem Konto von Boomer Realty auf den Bahamas ansammelte, desto größer würde die Versuchung für Trevor werden. Er war in der Lage, ihnen ihr unrechtmäßig erworbenes Geld zu stehlen, ohne etwas befürchten zu müssen.
Doch ohne einen Komplizen außerhalb des Gefängnisses funktionierte die ganze Sache nicht. Jemand musste die Briefe hinein und hinaus schmuggeln. Und jemand musste das Geld einkassieren.
Es musste eine Möglichkeit geben, diesen Anwalt auszubooten, und Joe Roy war entschlossen, sie zu finden, auch wenn das bedeutete, dass er einen Monat lang kein Auge zutat. Kein schmieriger Anwalt sollte ein Drittel des Geldes einstreichen und sich dann auch noch mit dem Rest davonmachen.
NEUN
Der Interessenverband der Rüstungsindustrie — der IVR, wie er schon bald überall genannt wurde — betrat mit Trommeln und Fanfaren den schwankenden, morastigen Boden der Arena, in der mit Geld um politischen Einfluss gestritten wurde. Kein Interessenverband hatte in jüngerer Geschichte so viel Geld und Einfluss in die Waagschale geworfen.
Das Gründungskapital kam von einem Chicagoer Finanzier namens Mitzger, einem Amerikaner, der außerdem die israelische Staatsbürgerschaft besaß. Er spendete die erste Million, die nach etwa einer Woche verbraucht war. Andere jüdische Geldgeber waren schnell gefunden, auch wenn ihr Geld offiziell von Gesellschaften und ausländischen Konten stammte. Teddy Maynard wusste, welches Risiko er einging, wenn er zuließ, dass ein Haufen reicher Juden offen und organisiert für Lakes Wahlkampf spendete. Er griff auf alte Freunde in Tel Aviv zurück, die für ihn in New York Geld auftrieben.