Sie hieß Carmen Topolski-Yocoby, ein Name, den sie zeit ihres Erwachsenenlebens wie eine Waffe gebraucht hatte. Sie war eine radikal feministische Anwältin aus Oakland und vertrat hauptsächlich lesbische Frauen, die wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vor Gericht zogen. Jede ihrer Mandantinnen war eine wütende Frau, die gegen einen wütenden Arbeitgeber klagte. Es war eine anstrengende Arbeit.
Sie war seit dreißig Jahren mit Finn verheiratet, auch wenn sie nicht immer zusammen gelebt hatten. Beide hatten auch andere Partner gehabt. Einmal, als Frischverheiratete, hatten sie in einem Haus gelebt, das eine einzige Wohngemeinschaft gewesen war, und jede Woche eine neue Kombination ausprobiert. Beide hatten Affären gehabt, wie es ihnen beliebte. Sechs Jahre lang hatten sie in chaotischer Monogamie gelebt und zwei Kinder gezeugt, von denen keines es zu etwas gebracht hatte.
Sie hatten sich 1965 auf den Schlachtfeldern Berkeleys kennen gelernt. Beide studierten Jura, beide protestierten gegen den Krieg und alle anderen Übel dieser Welt, beide verschrieben sich der hohen Ethik gesellschaftlicher Veränderungen. Sie warben unablässig dafür, sich in die Wählerregister eintragen zu lassen. Sie setzten sich für die Würde der Wanderarbeiter ein. Sie wurden während der Tet-Offensive verhaftet. Sie ketteten sich an Redwoodbäume. Sie bekämpften den Einfluss der bibeltreuen Christen an den Schulen. Sie zogen im Namen der Wale vor Gericht. Sie marschierten durch die Straßen San Franciscos und machten bei Demonstrationen für oder gegen alles und jedes mit.
Und sie tranken viel, waren begeisterte Partygänger und stürzten sich kopfüber in die Drogenkultur. Sie wohnten mal hier, mal da und schliefen mit jedem, der ihnen gefiel, und das war auch in Ordnung, denn sie definierten ihre Moral selbst. Immerhin kämpften sie doch für die mexikanischen Einwanderer und die Redwoods! Sie mussten einfach gute Menschen sein!
Jetzt waren sie nur noch müde.
Es war ihr peinlich, dass ihr Mann, ein brillanter Jurist, der es irgendwie zum Oberrichter am Obersten Gerichtshof von Kalifornien gebracht hatte, in einem Bundesgefängnis saß. Er dagegen war ziemlich froh, dass dieses Gefängnis nicht in Kalifornien, sondern in Florida lag, denn sonst hätte sie ihn womöglich häufiger besucht. Seine erste Knast-Station war Bakersfield gewesen, aber irgendwie war es ihm gelungen, sich verlegen zu lassen.
Sie schrieben einander keine Briefe und telefonierten nie. Sie war auf der Durchreise zu einer Schwester in Miami.
«Du bist ganz schön braun«, sagte sie.»Gut siehst du aus.«
Und du siehst aus wie eine verschrumpelte alte Pflaume, dachte er. Verdammt, sie wirkte wirklich uralt und verbraucht.
«Wie geht's dir?«fragte er, obwohl es ihn eigentlich nicht interessierte.
«Ich hab viel zu tun. Ich arbeite zu viel.«
«Das ist gut. «Gut, dass sie arbeitete und genug verdiente. Das hatte sie im Lauf der Jahre immer
wieder mal getan. Es würde noch fünf Jahre dauern, bis Finn den Staub Trumbles von den bloßen, hornhäutigen Füßen würde schütteln können. Er hatte nicht die Absicht, zu ihr oder auch nur nach Kalifornien zurückzukehren. Wenn er lebend hier rauskam — was er täglich bezweifelte —, würde er fünfundsechzig sein, und es war sein Traum, ein Land zu finden, wo FBI und CIA und all die anderen Gangster von den abgekürzten Regierungsorganisationen nichts zu sagen hatten. Finn hasste die Regierung so sehr, dass er vorhatte, seine Staatsbürgerschaft aufzugeben und eine andere anzunehmen.
«Trinkst du noch?«fragte er. Er selbst trank natürlich nicht mehr. Hin und wieder kaufte er einem der Wärter ein bisschen Gras ab.
«Im Augenblick bin ich noch nüchtern — danke der Nachfrage.«
Jede Frage war ein Affront, jede Antwort eine Spitze. Er fragte sich schon, warum sie überhaupt gekommen war. Da sagte sie es ihm.
«Ich will mich scheiden lassen.«
Er zuckte die Schultern, als wollte er sagen: Wozu die Mühe? Stattdessen lautete sein Kommentar:»Vielleicht keine schlechte Idee.«
«Ich habe jemanden kennen gelernt.«
«Mann oder Frau?«fragte er, mehr aus Neugier. Ihn konnte nichts mehr überraschen.
«Einen jüngeren Mann.«
Wieder zuckte er die Schultern und beinahe hätte er gesagt: Dann halt ihn gut fest.
«Nicht der Erste«, sagte er.
«Lass uns nicht davon anfangen.«
Sollte ihm recht sein. Er hatte ihre Vitalität, ihre überschäumende Sexualität immer bewundert, aber es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, dass diese alte Frau immer noch regelmäßig Sex hatte.»Gib mir die Papiere«, sagte er.»Ich unterschreibe.«
«Sie werden in einer Woche hier sein. Da wir nicht mehr sehr viel besitzen, ist es eine glatte Sache.«
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatten Richter Yarber und Carmen Topolski-Yocoby gemeinsam eine Hypothek auf ihr Haus im Marina-District von San Francisco aufgenommen. Das Dokument, aus dem jede Andeutung einer sprachlichen Diskriminierung bezüglich Geschlecht, Rasse oder Alter sorgsam getilgt war, eine mit dürren Worten formulierte Urkunde, aufgesetzt von traumatisierten kalifornischen Juristen, die nichts so sehr fürchteten wie die Klage einer gekränkten Seele, hatte zwischen Aktiva und Passiva eine Lücke von fast einer Million Dollar ausgewiesen.
Nicht dass eine Million Dollar ihnen den Schlaf geraubt hätte. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, die Holzindustrie, rücksichtslose Farmer und andere Übeltäter zu bekämpfen. Eigentlich waren sie sogar stolz gewesen, so wenig zu besitzen.
In Kalifornien galt für Ehepaare die Gütergemeinschaft und das bedeutete, dass der gemeinsame Besitz bei einer Scheidung gleichmäßig verteilt wurde. Die Scheidungspapiere zu unterschreiben, würde — aus vielerlei Gründen — kein Problem sein.
Und es gab einen Grund für Finns Einverständnis, den er nicht erwähnte: Ihre kleine Erpressung
brachte Geld, schmutziges Geld, das versteckt wurde und auf das keine gierige staatliche Stelle einen Zugriff haben würde. Und Carmen Topolski-Yocoby war die Letzte, die etwas davon erfahren sollte.
Finn war sich nicht sicher, ob die Tentakeln der Gütergemeinschaft bis zu einem geheimen Bankkonto auf den Bahamas reichten, aber er hatte nicht vor, es herauszufinden. Sobald die Papiere eintrafen, würde er sie mit Freuden unterschreiben.
Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten lang über alte Freunde — es war ein kurzes Gespräch, denn die meisten alten Freunde hatten sie aus den Augen verloren. Als sie sich verabschiedeten, taten sie es ohne Trauer oder Reue. Ihre Ehe war schon seit langem tot. Sie waren froh, dass es vorbei war.
Er umarmte sie nicht, wünschte ihr aber alles Gute und ging wieder zur Aschenbahn, wo er sich bis auf seine Boxershorts auszog und eine Stunde lang in der Sonne seine Runden drehte.
ZEHN
Lufkin ließ seinen zweiten Tag in Kairo mit einem Abendessen in einem Straßencafe an der Shari' el-Corniche ausklingen. Er trank starken schwarzen Kaffee und sah zu, wie die Straßenhändler ihre Sachen zusammenpackten: Teppiche, Messinggefäße, Ledertaschen, Leinenstoffe aus Pakistan — alles für die Touristen. Nur fünf Meter entfernt faltete ein uralter Händler sein Zelt penibel zusammen und verließ seinen Platz, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Lufkin sah aus wie ein moderner Ägypter: weiße Hose, ein leichtes Khaki-Jackett, ein weißer Hut mit Lüftungslöchern, dessen breite Krempe er tief in die Stirn gezogen hatte. Er betrachtete die Welt unter der Hutkrempe hervor durch die Gläser einer Sonnenbrille. Er sorgte dafür, dass Gesicht und Arme immer gut gebräunt und sein dunkles Haar immer kurz geschnitten war. Er sprach perfekt Arabisch und kannte sich in Beirut und Damaskus ebenso gut aus wie in Kairo.